(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Die schwarze Spinne. Menschheitsentwicklung nach Jeremias Gotthelfs gleichnamiger Novelle, dargestellt unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Frau."

Die schwarze Spinne 

Menschheitsentwicklung 

nach Jeremias Gotthelfs gleichnamiger Novelle, 

dargestellt unter besonderer Berücksichtigung 

der Rolle der Frau 



Von 

Dr. Gustav Hans Graber 

(Bern) 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



Internationaler Psychoanalytischer Verla« 

Wien, VIT., Andreasgasse 3 



Ne uer seh einungen 

Herbst 1925 
Dr. Siegfried Bertifeld 

Sisyphos 



od 



er 



Die Grenzen der Erziehung 

Geheffef M. 5—, Ganzleinen M. 6.50 

August Äichhorn 

Verwahrloste Jugend 

Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung 

Zehn Vorträge zur ersten Einfuhrung 

Mit. einem Geleitwort von 

Prof. Sigm. Freud 

Geheffef M. 9— Ganzleinen M. IL— 

Dr. Alice Sperber 

Die seelischen Ursachen d 
Alterns, der Jugendlichkeit 
und der Schönheit 

Geheffef M. 1.40 Ganzleinen M. 2.60 



Die schwarze Spinne 

Menschheitsentwicklung 

nach Jeremias Gotthelfs gleichnamiger Novelle, 

dargestellt unter besonderer Berücksichtigung 

der Rolle der Frau 



Von 

Dr. Gustav Hans Graber 

(Bern) 



Sonderabdruck aus „Imago, Zeitschrift für Anwendung der 

Psychoanalyse auf die Geisteswissenscluiften, herausgegeben 

von Prof. Dr. Sigm. Freud, Bd. XI (I92j) 



1 9 2 5 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 



L 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 



Copyright 1925 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m. b. H.", Wien 







INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Druck: Christoph Reisser'f Söhne, Wien V 



Inhalts Verzeichnis 

Seite 

A) Das Matriarchat 6 

B) Die Urvaterhorde 26 

C) Die Herrschaft des Mannweibes 52 

I. Der Teufelspakt 37 

II. Die schwarze Spinne 45 

a) Etymologisches 49 

b) Die Spinne als Traumsymbol 59 

c) Infantiles Material 61 

d) Mythe, Aberglaube, Sage, Dichtung 67 

Verdrängung und Periode der Vaterreligion 75 

E) Wiederkehr des Verdrängten. Neue Weiberherrschaft 79 

F) Neue Verdrängung und Periode der Sohnesreligion 85 



j 



■~ 



Es gehört mit zur Eigenart der Psychoanalyse, deren Begründer, Sigmund 
Freud, den wissenschaftlichen Forschertrieb in Zusammenhang mit der 
stereotypen Frage des Kindes: „woher kommen die Kinder" brachte, daß 
gerade dieser Wissenschaftszweig in beharrlicher kausaler Forschung seine 
Aufmerksamkeit immer mehr auf die Uranfänge des Lebens, auf Säuglings- 
zeit, Geburt, Embryonalzeit und Zeugung (phylogenetisch auf die Urgesell- 
schaft) richtete. Die Verfolgung dieses Weges war einerseits bedingt durch 
eine stets ausgesprochener sich erweisende Ablösung des Interesses von der 
Schicksalsfrage des Vaters, der nebst der Zeugung ja einen außerordentlich 
geringen Anteil am frühen Werden und Gedeihen des jungen Erdenbürgers 
hat, anderseits aber durch eine Hinwendung zum Problem der Frau und 
der Mutter. Es mußte die vornehmlich von Mannern betriebene Forschung, 
die eine Art Identifizierung mit dem (Ur-)Vater repräsentiert, sich gleichsam 
zuvor des Vaters bemächtigen, um den Weg zur Mutter frei zu bekommen. 
So ist es auch begreiflich, daß bei den Versuchen der Rekonstruktion der 
Menschheitsentwicklung, die Urvaterhorde und der Staat als Brüdergemeinde 
vorerst im Vordergrund des Interesses standen, und erst danach dieses 
sich auch weiter rückwärts auf das ursprünglichere Matriarchat und die 
Frauenentwicklung überhaupt ausdehnte. Dazu kommt natürlich als hem- 
mendes Moment die Amnesie, die über den onto- und phylogenetischen 
Urzuständen herrscht. 

Wenn wir nun den Versuch wagen, in der Bearbeitung von Jeremias 
Gotthelfs „Schwarzer Spinne", einem literarischen Stoffe, der uns in 
selten glücklicher Weise eine Fülle des reichhaltigsten Materials in die 
Hand spielt — einen bescheidenen Beitrag zur Lösung des Frauen- und 



Dr Gustav Hans Graber 



Mutterproblems zu bieten, so glauben wir dies um so eher tun iu dürfen, 
als wir diesen Beitrag, der vor allem ein Studium der Spinne als Frauen- 
vaxd Muttersymbol sein wird, mit einer Analyse der von Gotthelf in seiner 
Novelle gegebenen Menschheitsentwicklung verbinden können. 

Die in der psychoanalytischen Literatur bereits eingehender bearbeiteten 
Perioden ausgesprochener Männerherrschaft werden dabei in den Hinter- 
grund treten. Ebenso kann auch der Abwicklung des individuellen männ- 
lichen Schicksalfadens nur insofern Beachtung geschenkt werden, als er mit 
dem weiblichen verknüpft ist. 



A ' 

Das Matriarchat 

i 

Seitdem wir von Freud wissen, 1 daß höchste Ich-Ideale die engste 
Verknüpfung mit der phylogenetischen Erbmasse, mit dem Es, aufweisen, 
wundern wir uns auch nicht mehr so sehr, daß geniale Persönlichkeiten, 
die ihr Ich-Ideal am höchsten geschraubt, aus dem Tiefsten schöpften und 
uns darum mit ihren Werken den lautersten Quell boten. 

Jeremias Gotthelf, der große Berner Dichter, dessen Genie und Werk 
bis dahin nur in sehr geringem Maße Gegenstand psychologischer Unter- 
suchungen war, wird immer mehr als der große, wenn nicht der bedeu- 
tendste Volksschriftsteller der deutschen Sprache anerkannt. Seine Werke 
enthalten eine bei Dichtern wenig übertroffene Fülle von psychologischen 
Einsichten und Feinheiten und zeugen von einem starken Wirklichkeitssinn. 
So sehr uns oft seine Gestalten in schlichter Größe erscheinen, so sind 
sie doch getrieben von unwiderstehlicher dämonischer Gewalt, sind hart- 
näckig im Guten und im Bösen. Während moderne Dichtung meist bestrebt 
ist, das Dämonische bewußt in den Vordergrund zu stellen, wirkt es bei 
Gotthelf wie aus abgründlicher Tiefe herauf. Was er sagt, das gleicht den 
Eruptionen eines Vulkans, die, einmal erkaltet, harmlos erscheinen, uns aber 
dennoch stets an die ungeheuren, kochenden und drängenden Elemente 
im Erdinnern gemahnen. 

i) Freud: Das Ich und das Es. 1923. (Ges. Schriften, Bd. VI.) 






Die schwarze Spinne 



Und wie die Geschöpfe, so müssen wir uns den Schöpfer vorstellen: 
Eine geruhsame, scheinbar glückliche, konfliktlose Natur, die, oberflächlich 
geschaut, wenig unter der bei Dichtern üblichen Zerrissenheit leidend, ein 
gesegnetes Familienleben führen konnte, die aber doch stets in gewaltiger 
Arbeitsleistung, welche vor allem in einem hohen ethischen Pathos gipfelte, 
die ungebändigten Mächte ihres unbewußten Seelenlebens in die Tiefe 
zurückdämmte . 

Unsere Arbeit soll ein Versuch sein, die Dämme des dichterischen Ichs 
zu durchbrechen und uns einen Einblick zu geben in den Kosmos des 
phylogenetischen Erwerbs, der bei Gotthelf, wohl zum größten Teil un- 
bewußt, in seinen Ich-Idealgestalten einen geheimen Weg an die Ober- 
fläche fand. 

Ein solches Urphänomen aus der Tiefe ist das verderbenbringende Un- 
geheuer der schwarzen Spinne. 

Ich habe davon abgesehen, das reichhaltige Material über die Spinne, 
das ich aus Etymologie, Kinder aussagen, Dichtung, Sage, Aberglauben, 
Kasuistik usw. zusammenstellte, wie üblich einführend vorzutragen und 
hernach zu deuten, da mir daran liegt, das Gerüste, das Gotthelf auf- 
gestellt, für den Aufbau dieser Arbeit zu verwenden. Dem Faden der Er- 
zählung folgend, werde ich also das Problem der Spinne erst dort in Angriff 
nehmen, wo das Untier die Handlung zu beherrschen beginnt. 



Was uns nun zunächst beim Durchlesen der „schwarzen Spinne" die 
hohe Achtung vor des Dichters Genie erstehen läßt, ist die Einsicht, daß 
wir es hier mit einem Werke zu tun haben, in dem wir nicht nur eine, 
die psychoanalytischen Theorien bestätigende Darstellung der Entwicklung 
der menschlichen Gesellschaft wiedergegeben finden, sondern gleicherzeit 
eine äußerst geschickte Verdichtung dieses kosmischen Ablaufs in der 
Spiegelung individuellen Erlebens markanter Volkstypen, mit dramatischer 
Prägnanz vor Augen treten sehen. Die einzelnen Episoden der Handlung 
werden sich nach analytischer Auflösung ihrer Verdichtungsform gleich- 
zeitig als abgekürzte Perioden der Menschheitsgeschichte erweisen. 

„Die schwarze Spinne" 1 ist eine Rahmenerzählung, die im Jahre 1842 
erstmals erschien, also zu einer Zeit, da das in der heutigen Kulturwelt 

1) Jeremias Gotthelf ( Albert Bitiius). Siebenter Band, bearbeitet von Hans 
Blösch. Kleinere Erzählungen. Band 2. Verlag Eugen Rentsch, München und 
Bern igi2. 



/ 






~" 



Dr. Gustav Hans Graber 



fast überall zu konstatierende tiefenpsychologische Interesse noch schlum- 
merte. Den Rahmen und zugleich die erste Episode bildet die Schilderung 
einer damaligen Bauernkindstaufe, eines Volksfestes, das im engen Tal 
der Grünen, eines Nebenflüßchens der Emrae (Kanton Bern) mit großem 
Aufwand gefeiert wird. 1 

Versuchen wir das Material des Volksbrauches, wie uns Gotthelf ihn 
schildert, herauszukristallisieren. 

Wir befinden uns bei einem stattlichen Berner Bauernhaus, hören der 
Amsel „Morgenlied" , der „sehnsüchtigen Wachtel eintönend Minnelied" , sehen 
„brünstige Krähen ihren Hochzeitreigen" tanzen, hören sie „ihre zärtlichen. 
Wiegenlieder über die dornichten Bettchen ihrer ungefiederten Jungen" krächzen, 
freuen uns am „fruchtbar beschirmten Boden", den „Hochapfelbäumen in, 
ihrem späten Blumenkleide", und dem neu erbauten Hause. 

Es ist „der Tag, an welchem der Sohn wieder zum Vater gegangen" 
(Christi Himmelfahrt), „der Tag, an welchem die ganze Pflanzenwelt dem 
Himmel entgegenwächst und blüht in voller Üppigkeit, dem Menschen ein alle 
Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen Bestimmung". Um das Haus 
sehen wir Pferde, „stattliche Mütter umgaukelt von lustigen Füllen ■ Stäm- 
mige Mägde waschen am Brunnen ihre „rotprächten Gesichter . Der Groß- 
vater schreitet geschäftig um das Haus. Die Großmutter schneidet Brot 
und ist von Hühnern und Tauben umgeben. Die Hebamme, die „das 
Amt der Köchin ebenso geschickt als früher das Amt der Wehmutter" versieht, 
röstet Kaffee. Die blasse Hausfrau befiehlt den Weinwarm, 3 der bei keiner 
Kindstaufe fehlen darf. Benz, ein stämmiger Mann (wir wissen vorläufig 
nicht, wer er ist), trägt Käse auf. Die Hausfrau stellt daneben „die mächtige 
Zupfe, das eigentümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, 
. . . groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer . 

Dazu kommen „hochaufgetürmt . . . Küchlein, Habküchlein . . . Eierküchlein 
. . . heiße dicke Nidel . . . und der Kaffee". Es ist das Frühstück für die 
Gevatterleute, auf die man ängstlich wartet. Endlich kommt die Gotte (Patin) 
und bringt Geschenke. Sie wird zum Essen genötigt, trotz ihrer Weigerung, 
„sie hätte schon gehabt". Sie sträubt sich gegen jede Nahrung, muß aber 
auf das Geheiß der Hausfrau von allem genießen: Kaffee, Nidel, Zucker, 



1) Die Kindstaufe bildet übrigens auch heute noch im Kanton Bern und darüber 
hinaus Anlaß zu großer Festlichkeit, bei der vor allem das lukullische Mahl, aber 
auch Tanz und „Ausfahrt", nicht fehlen dürfen. 

2) ^Bestehend aus Wein, geröstetem Brot, Eiern, Zucker, Zimmtt und Safran." Weinwarm 
muß n an einem Kindstaufeschmaus in der Suppe, im Foressen, im si\ßen Tee vorkommen". 






. 



Die schwarze Spinne 



Zupfe, Käse, Küchli. Trotzdem sie bittet, „man solle sie dock in Ruhe lassen, 
sonst müßte sie sich noch verschwören" , muß sie sich noch ein zweites 
Kacheli (Tasse) einschenken lassen. Sie beklagt sich, sie hätte mehr „nehmen 
müssen", als sie hätte „hinunterbringen" können. Nun putzt sie sich um- 
ständlich heraus, um eine schöne Gotte zu sein. 

In der äußern Stube genießen die zwei männlichen Paten den Wein- 
warm. Der ältere Pate treibt Spaße mit dem Kindbettimann (Vater). Die 
Gotte kommt herein. Sie wird hinter den Weinwarm gesetzt, und trotzdem 
sie sich „mit Händen und Füßen" wehrt, behauptet, sie „hätte gegessen für 
manchen Tag", sie „könne nicht mehr schnaufen", muß sie doch nochmals 
essen. Nun bringt die Hebamme das Kind, alles dreht sich um das „wunder- 
appetitlich Bübchen". Die Mutter hätte das Kind gerne zur Kirche begleitet, 
aber Großmutter und Hebamme haben bereits ihre Einsprüche dagegen 
erhoben. Die Mutter begleitet den Zug „bis unter die Türe und sagte: ,Mein 
Bübli, mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich 
das aus!'" Sie weint. 

Die Gotte trägt das Kind. Zwei Götteni (Paten), Vater und Großvater 
begleiten sie. Eine Jungfrau eilt nach, das Kind nach der Taufe heimzu- 
tragen. Plötzlich prallt die Gotte wie vor den Kopf geschlagen zurück, 
übergibt das Kind der Jungfrau und „macht sich an des Kindes Vater . . . 
allein der ist einsilbig und läßt den angesponnenen Faden immer wieder fallen. 
Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, wie jeder Vater sie haben sollte, 
wenn man ihm ein Kind zur Taufe trägt, und namentlich das erste Bübchen". 
Dem Zuge schließen sich die Dorfbewohner an. Man geht ins Wirtshaus 
und trinkt. Die Gotte ängstigt sich immer mehr und wird blaß. „Es hatte 
ihr niemand gesagt, welchen Namen das Kind erhalten solle, und den die 
Gotte nach alter Übung dem Pfarrer, wenn sie ihm das Kind übergibt, ein- 
zuflüstern hat, da derselbe die eingeschriebenen Namen, wenn viele Kinder zu 
taufen sind, leicht verwechseln kann." Man hatte „die Mitteilung dieses Namens 
vergessen, und nach diesem Namen zu fragen, hatte ihr ihres Vaters Schwester, 
die Base, ein für allemal streng verboten, wenn sie ein Kind nicht unglücklich 
machen wolle; denn sobald eine Gotte nach des Kindes Namen frage, so werde 
dieses zeitlebens — neugierig". 

Sie fürchtet, der Pfarrer könnte den Namen ebenfalls vergessen haben 
„oder im Verschuß den Buben Mädeli, oder Bäbeli" taufen. Der Angstschweiß 
rinnt ihr bachweise vom blassen Gesichte. Man geht in die Kirche. Das 
Kind fängt an zu schreien, „mörderlich und immer mörderlicher . . . es sauste 
und brauste um sie (die Gotte) wie Meereswogen, und die Kirche tanzte mit ihr 



io 



Dr. Gustav Hans Graber 



in der Luft herum". Zitternd und bebend reicht sie das Kind dar . . . und 
der Pfarrer tauft „kein Mädeli, kein Bäbeli, sondern einen Hans-Uli . . .". 

Auf dem Heimgang bewundert man die üppige Fruchtbarkeit der Felder. 
Daheim angelangt, wird Wein getrunken. Die Dienstleute speisen vorweg, 
„und zwar reichlich". Nachher kommt die eigentliche Kindbeltigesellschaft 
ans Essen. Vorerst Fleischsuppe, dann „Voressen von Hirn, von Schaffleisch, 
saure Leber", dann „kam in Schüsseln hoch aufgeschichtet das Rindfleisch, 
grünes und dürres . . . dürre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck 
dazu und prächtige Rückenstücke von dreizentnerigen Schweinen, so schön rot 
und weiß und saftig". Dazu schenkt Benz, der Kindbettimann, Wein ein. 
Allerhand Neckereien entspinnen sich zwischen den männlichen Taufpaten 
und der Gotte. „So unter Lachen und Scherz nahm man viel Fleisch zu sich." 
Man wird endlich rätig, hinauszugehen, um sich „ein wenig zu strecken" t 
damit „es um so handlicher wieder mit dem Essen" gehe. Die Männer son- 
dern sich nun ab, besichtigen die Ställe und setzen sich hierauf unter 
einen Baum. Bald gesellen sich die Weiber zu ihnen. Man rühmt das 
neue Haus. Eine Frau bemerkt aber einen wüsten schwarzen „Fenster- 
posten" (Bystel), der dem ganzen Hause übel anstehe. Der befragte Groß- 
vater macht ein „bedenkliches Gesicht" und gibt ausweichende Antwort. 
Aber die Gesellschaft hat schon allerhand raunen hören, und der Groß- 
vater muß aufrichtigen Bericht geben. Er erzählt die Sage der schwarzen 
Spinne. Damit beginnt die zweite Episode. 



Wenn wir uns anheischig machen wollen, diese Begebenheit in Be- 
ziehung mit der Völkerkunde zu bringen, und zu vermuten, es handle 
sich hier in verkleideter Form um eine gedrängte Schilderung von Ge- 
bräuchen, wie sie in frühesten Perioden der menschlichen Entwicklung 
ähnlich vorgekommen sein könnten, so begeben wir uns dabei auf un- 
sicheren Boden. Ich muß gestehen, daß ich vorerst gar nicht an die Bear- 
beitung dieses ersten Teiles dachte, da er ja eigentlich nicht zur Sage 
gehört. Es fiel mir aber dann auf, daß doch ein innerer Zusammenhang 
besteht, daß nämlich sowohl hier bei der Taufe, wie in der vom Groß- 
vater erzählten Sage, das neugeborene Kind eine Hauptrolle spielt. In 
beiden Schilderungen handelt es sich um eine Darreichung des Kindes an 
die religiösen Mächte. Während wir in der Rahmenepisode — ohne ana- 
lytische Einsicht — das Kind nur der Kirche und damit Gott weihen 
sehen, streiten sich in der Sage Gott und Teufel um den Besitz des Neu- 



Die schwarze Spinne 



li 



geborenen. Dazu kam eine weitere Überlegung. Da die zweite Episode, 
also der Anfang der Sage, uns eine Situation zeigt, die unzweifelhaft als 
eine Illustration zur Freudschen Darstellung der Urhorde bezeichnet 
werden kann, so fragte ich mich, ob nicht allenfalls die vorausgehende 
Schilderung des Taufgebrauches mit dem von Levis Henry Morgan, Mac- 
Lennan, Bachofen, Friederich Engels, Heinrich Cunow, August 
Bebel 1 und neuerdings von einigen psychoanalytischen Forschern ver- 
tretenen Gedanken eines an den Ursprung der Menschheit zu setzenden 
Matriarchats in Beziehung zu bringen sei. 2 Dieser Gedanke, daß das 
Menschengeschlecht auf der Unterstufe der Periode der Wildheit, da es 
noch furchtsam auf Bäumen lebte, sich von Früchten, Wurzeln und den 
eigenen Kindern nährend, gleichsam in seiner Säuglingszeit steckend, be- 
sonders schutzbedürftig gewesen sein müßte, scheint einleuchtend. Immerhin 
ist anzunehmen, daß der Sohn, sobald er seiner Mannbarkeit bewußt wurde, 
sich bei der allgemeinen Promiskuität auch der eigenen Mutter bemächtigte 
und sich so an ihre Seite stellte. Aber anderseits wird diese werdende 
Mannbarkeit wohl wenig zu seiner Lösung aus der Abhängigkeit von der 
Mutter beigetragen haben, da die Differenzierung der Geschlechter und 
der Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt noch nicht bewußt 
war. Die einzige Bindung, die vor einer Vatervorstellung und Ich-Ideal- 
bildung bestand, konnte, wie auf der Tierstufe, nur diejenige an die Mutter 
sein. Der Inzest konnte also nur zu einer Verstärkung des magischen 
Bandes zwischen Mutter und Sohn führen. 

Das Matriarchat entspräche so ontogenetisch der reinen autoerotischen 
und vielleicht auch noch narzißtischen Phase der Entwicklung des Kindes, 
während welcher auch das Objekt ins Ich einbezogen wird. Mutter und 
Kind sind eins. Der Vater existiert gar nicht, weil er auf dieser Stufe 
nicht als ein Fremdes erkannt wird, und weil, wie dem Urmenschen, auch 
dem Kinde, der Zusammenhang zwischen Zeugung, Schwangerschaft und 
Geburt nicht bewußt ist. 3 

i) Henry Morgan: Die Urgesellschaft, 1920. MacLennan: Primitive Marriage, 
1865. Bachofen: Das Mutterrecht, 1897. Fr. Engels: Der Ursprung der Familie, 
des Privateigentums und des Staats, 1915. H. Cunow: Die Verwandtschaftsorgani- 
sationen der Australneger, 1894. A. Bebel: Die Frau und der Sozialismus, 1915. 

2) Otto Rank: Die Don Juan-Gestalt, 1924. Ferner: Das Trauma der Geburt, 
1924. Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen Gesell- 
schaft, Imago X, Heft 2/5. 

3) Diesen Zustand schildert Gerhart Hauptmann in seinem Roman: Die Insel 
der großen Mutter oder das Wunder von ile des dames. Eine Geschichte aus dem 
utopischen Archipelagus, 1924. Fischer, Berlin. (Hauptmann schrieb seinen Roman 



12 



Dr. Gustav Hans Graber 



I 



Es entspräche der voranimistischen Phase der Phylogenese und dem 
Autoerotismus der Ontogenese, daß das Weib, weil noch keine scharf« 
Objekterkennung und Objektwahl stattgefunden, im Matriarchat der Auf- 
fassung leben mußte, aus sich selbst zu zeugen. Es ließen sich aus der 
Mythe Beispiele dazu anführen. Erinnern wir uns nur an die häufige 
Darstellung von der Zweigeschlechtlichkeit der Urmenschen und Götter. 
Denken wir z. B. an Adam, aus dem Eva genommen wird. Die nordiscHe 
Überlieferung 1 nennt uns Ymir, der aus dem geschmolzenen Keif entstand. 
Als er schlief, kam er in Schweiß, und da wuchsen unter seinem linken 
Arm Mann und Weib, und sein rechter Fuß zeugte einen Sohn mit dem 
linken. Also entstand das Geschlecht der Riesen. Sodann kennen wir der* 
von Aristophanes in Piatons Gastmahl erzählten Mythos. Wenn hier die 
Urwesen als Stammväter angesehen werden und nicht, wie nach unserer 
Ausführung zu erwarten wäre, als Stammütter 3 (wie z. B. Isis), so müssen 
wir die Ursachen in der Verdrängung suchen, indem bei der Entstehung 
der meisten Mythen bereits der Mann die Macht an sich gerissen hatte. 
Durch Identifikation bemächtigte er sich der Mutter, verleibte sie sich ein 
und verschaffte dieser Wandlung im Mythos Ausdruck. In diesem Zusammen- 
hange müßten wir die Couvade, wenigstens die pseudomütterliche Couvade, 
zweifellos als eine Übergangsform vom Matriarchat zur Urvaterhorde an- 
sehen. Wir werden darauf noch einzugehen haben. Kehren wir aber vor- 
erst zurück zur Frage der Entwicklung des Weibes. 

In der animistischen Periode versucht das Weib sich ihre einst besessene 
Allmacht als Zeugende und Gebärende wenigstens soweit zu wahren, daß 
sie sich durch eine bestimmte Nahrung (orale Stufe) Regen, Wind, 
Sonne usw., und nur sehr viel später durch einen Gott befruchten läßt .3 
Wir gewinnen überhaupt den Eindruck, als ob sich die anfängliche Vor- 
stellungswelt lediglich aus den Funktionen, dem Wesen der Mutter 



nach vorherigem Studium von Bachofens „Mutterrecht"). Prof. R. Herbortz hat i n 
einem feinsinnigen Aufsatz: „Gerhart Hauptmann als Psychanalytiker" („Wissen und 
Leben", Jahrg. 28, Heft 7) die tiefenpsychologischen Zusammenhange dieses Romanos 
aufgedeckt. 

1) Nach Severin Rüttgers: Wodans Aufgang und Schicksal, 1911. 

2) Nach der Indianersage: „Cosmogonie der Senecas" (K. Knorlz: Yokomis, 
Märchen und Sagen der nordamerikanischen Indianer, Zürich 1887) holen Enten den 
ersten Menschen, eine wunderschöne Frau, aus den Lüften herab. Nach einer weiteren 
Sage: „Wie die verschiedenen Sprachen entstanden sind" (ebenda), holt Si-tcom-pa- 
nw-so-its, die alte Göttin des Meeres, die ersten Menschen in einem Sacke au» den 
Wellen und übergibt ihn den Cin-au-äu-Brüdern, den großen Wolfgöttern. 

3) Prigga, Nerthus, Isis sind zeugende und gebärende Erdgöttinnon. 






Die schwarze Spinne 



und den Beziehungen zu ihr gebildet hätte. Tatsächlich läßt sich jede libi- 
dinöse Bindung, die den Menschen an den Menschen und an die Dinge 
der Welt kettet, auf dieses Urverhältnis zur Mutter zurückführen. 1 

Da die Vorstellung „Vater" erst nach dem Bewußtwerden des Zusammen- 
hangs von Geschlechtsakt und Schwangerschaft aufkommen konnte, wird 
ohneweiters klar, daß die ursprüngliche Namengebung sich nur nach 
der Stammutter vollziehen konnte. Bachofen bringt dafür viele Beispiele. 
Bebel 2 weist nach, daß nach der Bibel auch bei den alten Juden Mutter- 
folge vorkam, so IV. Mose 32 bis 41, Jair, der Sohn Manasse; dann 
Nehemia 7, 63 werden die Kinder eines Priesters, der aus den Töchtern 
Barsillai — eines jüdischen Clans — sein Weib nahm, Kinder Barsillai 
genannt. 

Anzunehmen ist auch, daß vor der Vatervorstellung der Geschlechts- 
verkehr des Sohnes mit der Mutter nicht tabuiert war, entsprach er doch 
am weitestgehenden dem die Psyche beherrschenden Wunsche nach der 
Rückkehr in den Mutterleib, so wie anderseits auch der Mutter diese neue 
Einverleibung des Sohnes höchste Lust verschaffte, indem sie ihr ihren 
einstigen Besitz wieder zurückgab. In der endogamen Urmutterhorde waren 
aber alle Männer Söhne, und der Geschlechtsakt bildete für alle eine neue 
Besiegelung des Sohnverhältnisses. Die Schwestern wurden als eine ange- 
nehme Wiedergeburt der Mutter empfunden, so daß das Verhältnis zu 
ihnen kein wesentlich anderes, als das zur Mutter selber war. Wir wundern 
uns deshalb nicht, wenn uns der Mythus bei einem solchen allseitigen 
Besitzen, wie wir es für das Matriarchat annehmen müssen, an den Anfang 
der Menschheitsentwicklung (entsprechend der ersten Kindheit des Indi- 
viduums) das goldene Zeitalter, das Paradies setzte. 

Bachofen 3 erwähnt z. B. Herodot, der von den Massageten berichtet: 
„Jeder ehelicht eine Frau, aber allen ist erlaubt, sie zu gebrauchen . . . 
So oft einem Manne nach einem Weibe gelüstet . . ., wohnt er dem Weibe 
unbesorgt bei . . . Dabei steckt er seinen Stab in die Erde, ein Abbild 
seiner eigenen Tat . . . Der Beischlaf wird offen ausgeführt." Von ähnlichen 
Zuständen berichtet Bachofen, daß sie bei den Lykiern, Etruskern, Kretern, 

1) Ich habe dies in meinem Buche: Die Ambivalenz des Kindes, Imago-Bücher VI, 
1024., das unabhängig: von dem gleichzeitig erschienenen Buche Otto Banks: Das 
Trauma der Geburt, — welches denselben Gedankengang zeigt — nachzuweisen 
versucht. 

2) A. Bebel: op. cit. S. 23. 
5) Bachofen: op. cit. 






— 



_ 



14 



Dr. Gustav Hans Graber 



Athenern, Lesbiern und Ägyptern stattgefunden, und doch fühlen wir uns 
veTaiilaßt anzunehmen, daß, so weit auch die Geschichte zurückreicht, wir 
nirgends mehr ein reines Matriarchat feststellen können. Wenn wir mit 
dem Mythus einen anfänglichen Paradieszustand uns denken, so gibt es 
doch Anzeichen, die uns gemahnen, sich jenes Glück nicht als ungetrübt 
auszumalen. In Träumen, Märchen, Aberglauben, tritt immer wieder die 
negative Seite der Urmutter zutage, die, wie viele Tierin ütter (Katzen, 
Bären usw.) ihre Kinder frißt. Beispiele ließen sich viele bringen, denken 
wir nur an die Märchen- und Hexengeschichten. 

Der zehnjährige Fritz bringt mir als freien Aufsatz folgende Phantasie : 
„Fritz, Paul und Liese gingen in die Berge. Auf einmal ging die Sonne 
hinter die Wolken, da entstand ein ungeheures Gewitter. Die drei ver- 
irrten sich in ihrer Angst. Da gewahrte Fritz eine Hütte, die er noch nie 
gesehen hatte. Er rief die andern, und Liese klopfte sorgsam an. Da kam 
ein altes häßliches Weib heraus. Ihren Mund schmückten nur noch drei 
Zähne, zwei oben und einer unten. Aber von da an waren die drei Kinder 
für immer verschwunden. Wahrscheinlich sind sie von der Alten getötet 
und gefressen worden." 

In Mexiko schloß man am Ende einer zweiundfünfzigj ährigen Periode 
. . . die schwangeren Frauen in die großen Maisbehälter ein, denn man 
befürchtete, daß sie sich in der Zeit der Dunkelheit in Dämonen ver- 
wandeln und die Menschen fressen würden (Sei er, Ges. Abh., II. Bd., 
761, Zit. von B. Balint: „Die mexikanische Kriegshieroglyphe Atl-Tlachi- 
nolli." Imago IX, 4). 

In dem transsylvanischen Märchen 1 „Die Schlange als Ehemann ißt 
eine Mutter ihre neun Schlangenkinder und erlöst damit ihren Ehe- 
gesponsen aus seinem Schlangendasein. Er spricht zu ihr: „Hattest du sie 
nicht aufgegessen, so hätte ich noch lange warten müssen, bis mich eine 
Maid küßt, zu mir zieht und meine Schlangenkinder verzehrt." Der Vater 
identifiziert sich mit den Kindern, wird so wie diese von dem Weibe ge- 
gessen und nach neun Monaten (neun Kinder) in neuer Gestalt wieder 
geboren. 

Ein Traum eines neunjährigen Knaben sei hier noch als Beispiel er- 
wähnt. Der Knabe trug einen tiefen Haß gegen seine Mutter und wünschte 
ihr in seinen Träumen oft den Tod. Im Wachleben zeigte er dagegen 
eine starke Tendenz, sich ihr gegenüber als Anwalt und Beschützer auf- 

1) H. v. Wlislocki: Märchen und Sagen der transsylvanischen Zigeuner. Berlin 1886. 









Die schwarze Spinne 



l 5 



zuspielen. Der Traum lautet: „Ich gehe mit meinem Freunde Fritz in 
einen großen dunklen Wald. Da kommt eine greuliche Hexe, packt uns 
und wirft uns beide in einen Sack. Sie trägt uns in ihr Häuschen, hält 
den Sack in die Höhe, schüttet uns in ihren Rachen hinein und frißt 
uns." Die Einfälle zur Hexe wiesen sehr deutlich auf die Mutter. Lust 
und Unlust, Wunsch und Furcht, waren für den Knaben in diesem Akt 
des Gefressenwerdens noch in starker Verschränkung. Das positiv Libidinöse 
des Gefressenwerdens lag auch für ihn in der möglichen Rückkehr in den 
Mutterleib. 

Wenn wir, analog der Freudschen Feststellung der Entstehung des 
Ödipus-Komplexes in der Urvaterhorde, bereits auch in der Urmutterhorde 
nach einer Entzweiung fahnden, so wird ohneweiters klar, daß wir, da es 
ja keinen Vater gibt, vergeblich nach dem Streit von Vater und Sohn um 
den Besitz der Mutter suchen. Wir wären eher versucht, an einen Streit 
der Urmutter mit den Töchtern, die ja ihre Rivalinnen geworden sind, 
um den Besitz der Männer, zu glauben. Es liegt uns aber vorläufig nicht 
viel daran, die aggressiven Seiten des Weibes zu zeichnen, da wir bei der 
Darstellung einer späteren Entwicklungsperiode Gelegenheit haben werden, 
dies zu tun. 

4 

Wenn wir nun zur Analyse des Gotthelfschen Textes schreiten, so 
werden wir sehr bald gewahr, daß wir auch noch einige Übergangserschei- 
nungen vom Matriarchat zur Urvaterhorde zu beleuchten haben, da, was 
wir in der Schilderung der Kindstaufe an Material vorfinden, in der Haupt- 
sache mit jenen Erscheinungen in Beziehung zu bringen ist. 

Auf das reine Matriarchat weisen allerdings verschiedene Szenen hin, 
so vor allem die einleitende Symbolik aus dem Leben der Vogelwelt, jene 
hübsche Steigerung vom Morgenlied zum Minnelied, zum Hochzeitsreigen 
und zu den zärtlichen Wiegenliedern. Um das Haus sehen wir stattliche 
Mutterpferde, umgaukelt von lustigen Füllen. Auch der fruchtbare Boden, 
die Erde, die Mutter alles Lebens, findet gleich anfangs Erwähnung, aber 
auch später wird die üppige Fruchtbarkeit der Felder bewundert. Die Vor- 
stellung der Erde als Mutter, aus der der Mensch stammt,' und in die er 
nach dem Tode zurückkehrt, um neu geboren zu werden, hat von jeher 
eine gewaltige Wirkung auf das Denken und die Sitten der Völker ausgeübt. 



1) Nach der Indianersage „Matcito" stiegen die ersten Indianer mittels einer 
Leiter aus dem Innern der Erde (K. Knortz: op. cit.) 



jg Dr. Gustav Hans Graber 



Aber wir brauchen uns nicht in der Suche nach Symbolen zu verlieren, 
denn schließlich dreht sich ja die ganze Taufgesellschaft, ja selbst die 
ganze Dorfbewohnerschaft um den kleinen Säugling. Nicht nur die leib- 
liche Mutter, sondern auch die Hebamme, die Gotte, die Jungfrau, die 
Mägde, ja selbst die Männer stehen heute, am Festtag des Kleinen, in 
seinem Dienste, leisten ihm Gefolgschaft und huldigen ihm. Die Paten 
geloben öffentlich, für das Wohl des Kindes besorgt zu sein, wenn ihm 
die Eltern sterben sollten. Es ist eine große Huldigungsgemeinde, die sich 
heute, alle übrigen Interessen hintanstellend, zu Ehren und zu Diensten 
des kleinen Erdenbürgers zusammengefunden hat. Sie alle tun heute aus- 
nahmsweise das, was sonst nur die Mutter vermag, sie widmen ihre Zeit 
dem Kinde, sie vertreten heute Mutteramt, bilden eine große Mutter- 
gemeinde. Aber und darin liegt der verräterische Widerspruch 

sie entreißen das Kind der Mutter und bringen es dem 

Vater dar, d. h. dem erhöhten Vater: Gott. In der Erzählung wird dies 
schon ganz im Anfang, nach der Schilderung matriarchalischer Zustände 
in der Natur, angedeutet: „£5 war der Tag, an welchem der Sohn wieder 
zum Vater gegangen war (Christi Himmelfahrt) ...der Tag, an welchem 
die ganze Pflanzenwelt dem Himmel entgegenwächst und blüht in voller 
Üppigkeit, dem Menschen ein alle Jahre neu werdendes Sinnbild seiner eigenen 

Bestimmung. 

Aus vielen Mythen, aus der Theogonie (Hesiod), von Virgil usw. sind 
uns Himmel und Erde als das Weltelternpaar bekannt. Nach einem poly- 
nesischen Mythus 1 senkt sich des Nachts der Himmel an die Brust seiner 
Braut (Erde) herab. Der Himmel ist der Ort, wo der Vater thront, ihm 
soll das Kind geweiht werden, ihm soll es fortan gehören. Wir haben 
also im Tauffest einen, den Übergang vom Matriarchat zur 
Vaterherrschaft symbolisierenden Volksgebrauch. Das Kind soll 
fortan nach dem Vater benannt werden und soll ihm Folge 

leisten. 

Der Mutter ist der Abschied beim Kirchengang wie ein Abschied für 
immer. Sie begleitet den Zug „bis unter die Türe und sagte: ,Mein Bübli, 
mein Bübli, jetzt sehe ich dich drei ganze Stunden nicht, wie halte ich das 
aus!' Und alsobald schoß es ihr in die Augen, rasch fuhr sie mit dem Für- 
tuch darüber und ging ins Haus . 



1) Siehe Emil Franz Lorenz: Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie. 
Imago II, 1, S. 58. 



Die schwarze Spinne 



1 7 



Auch das von Frazer und Reik 1 erwähnte, bei den Primitiven häufig 
vorkommende Ausgehverbot, das die Eltern oder Anverwandten des 
Säuglings trifft, finden wir hier wieder, indem die Mutter „noch eine ganze 
Woche lang nicht vor das Dachtraufe darf, jetzt, wo man alle Hände voll zu 
tun hat mit dem Anpflanzen. Aber die Großmutter sagte: So weit sei es doch 
noch nicht, daß ihre Sohnsfrau wie eine arme Frau in den ersten acht Tagen 
ihren Kirchgang tun müsse, und die Hebamme setzte hinzu, sie hätte es gar 
nicht gerne, wenn junge Weiber mit den Kindern zur Kirche gingen". Auch 
sonst heftet sich an den Kirchgang bei der Taufe allerhand Aberglauben. 
„Der Großvater erlaubt auch nie, das Wägeli zu nehmen . . . Er hat den 
Glauben, daß ein Kind, welches man nicht zur Taufe trage, sondern führe, 
träge werde und sein Lebtag seine Beine nie recht brauchen lerne." Sodann 
berichtet der Großvater, „welch schrecklich Wetter es gewesen sei, als man 
ihn zur Kirche getragen, vor Hagel und Blitz hätten die Kirchgänger kaum 
geglaubt, mit dem Leben davon zu kommen. Hintenher hätten die Leute ihm 
allerlei geweissaget dieses Wetters wegen, die einen einen schrecklichen Tod, 
die anderen großes Glück im Kriege". 

Während nun, entsprechend dem Matriarchat, die Frauen in der ganzen 
Episode die Hauptrolle spielen . . . vor allem Mutter, Hebamme und Gotte 
. . . hören wir von den Männern, besonders vom Vater, herzwenig. Wir 
dürfen dieses Fehlen des Vaters getrost mit seinem Fehlen in der Urmutter- 
horde in Beziehung bringen. Wenn wir zudem die Stellen, die ihn er- 
wähnen, ins Auge fassen, so werden wir in unserer Auffassung des Ver- 
gleiches nur noch bestärkt. „Aus dem Keller kam mit einem mächtigen Stück 
Käse in der Hand ein stämmiger Mann, nahm vom blanken Kachelbank den 
ersten besten Teller, legte den Käse darauf und wollte ihn in die Stube auf 
den Tisch tragen von braunem Nußbaumholz. — ,Aber Benz, aber Benz, 1 rief 
die schöne blasse Frau, ,wie würden sie lachen, wenn wir keinen bessern Teller 
hätten an der Kindstaufe! 1 " Die Frau geht zum Schrank und holt einen 
schönen Teller. Diese Stelle ist in dreifacher Beziehung bedeutsam. Sie 
zeigt erstens des Vaters untergeordnete Sohnesstellung, zeigt sodann seine 
Passivität, um nicht zu sagen Abneigung, in bezug auf das Fest (begeht 
er doch in den Augen seiner Frau einen groben Formfehler) und offenbart 
uns drittens eine Fehlhandlung Gotthelfs, der vergißt, uns zu sagen, wer 
dieser „Benz" ist. Er könnte, da er vorher keine Erwähnung fand, ein 



i) Frazer: Taboo and the perils of the soul, p. 132. 

Th. Reik: Die Couvadc und die Psychogenese der Vergeltungsfurcht. Image- III, 5, 
S. 437. 










jg Dr. Gustav Hans Graber 



Knecht sein. (Wir werden erst nach elf Seiten über den Namen orientiert.) 
Wir wagen vorläufig die Situation nicht anders zu deuten, als daß der 
Vater beinahe als nicht anwesend betrachtet wird, und daß er eine Regung 
in sich zu bekämpfen hat, die ihn das Tauffest als nicht genehm emp- 
finden läßt. Wir werden besonders in dieser zweiten Annahme bestärkt, 
wenn wir die wenigen weiteren Situationen, in denen der Vater auftritt, 
ins Auge fassen. Die Paten genießen den Wein warm. „Der alte Götti . . . 
hatte allerlei Spaße mit dem Kindbettimann (Vater) und sagte ihm, daß sie 
ihn heute nicht schonen wollten, und dem Weinwarm an gönne er es ihnen, 
daran sei nichts gespart . . ." Der Hausvater wird sogar zum Witzobjekt. 
Freud hat uns die Technik des Witzes verstehen lernen. Irgendein un- 
bestimmtes Gefühl oder eine kleine Beobachtung am Hausvater mußte in 
dem alten Götti den Gedanken ausgelöst haben, das viele Essen sei Benz 
nicht genehm. Der Witz hilft darüber hinweg. 

Nun kommt der Kirchgang. Voran die Gotte, „auf ihren starken Armen 
das muntere Kind, hintendrein die zwei Götteni, Vater und Großvater, deren 
keinem in Sinn kam, die Gotte ihrer Last zu entledigen . . ." Auch hier 
wieder ein Versäumnis, das, neben dem jungen Götti, vor allem den Vater 
trifft. Nun macht sich die aufgeregte Gotte, die nicht nach dem Namen 
des Kindes fragen darf, in der Hoffnung, ihn vielleicht doch noch zu ver- 
nehmen, „an des Kindes Vater und versucht diesen durch allerlei Fragen zu 
Privatgesprächen zu verfuhren; aüein der ist einsilbig und läßt den ange- 
sponnenen Faden immer wieder fallen. Vielleicht hat er seine eigenen Gedanken, 
wie jeder Vater sie haben sollte, wenn man ihm ein Kind zur Taufe trag* 
und namentlich das erste Bübchen . 

An dieser Fehlhandlung des Vergessens tragen alle teil, besonders aber 
der Vater, der doch vor allem das Recht besessen hätte, stolz auf seinen 
erstgebornen Knaben und dessen öffentliche Namengebung zu sein. Wir 
werden darauf zurückkommen müssen. Vom Kindbettimann hören wir in 
der Episode nachher nur noch zweimal ganz kurz, nämlich wie er der 
Gesellschaft Wein aufnötigt. 1 

5 
Das Vergessen des Namens, sowie das Verbot, das der Gotte auferlegt 
ist, lenken unsere Aufmerksamkeit wieder auf die Urzustände der Phylo- 
genese. Auch hier spielt das Namentabu eine große Rolle. Mit der all- 

1) Auch später nötigt er wiederholt zum WeingenuQ. Da. Schenkamt ist seine 
Hauptbeschäftigung. 



_ —- 



' 



Die schwarze Spinne 



mählich wachsenden Erkenntnis des kausalen Zusammenhangs zwischen 
Geschlechtsakt und Schwangerschaft greift eigentlich eine neue Potenz in 
das Zusammenleben ein, und es tritt eine Spaltung auf. Das bis dahin 
restlos alle Wesen kommunisierende mütterliche Prinzip ist gebrochen. Die 
Mutter ist gleichsam ihrer Allmachtstellung . . . wenn man hier nicht 
überhaupt den Machtbegriff als unangebracht verwerfen will . . . beraubt. 
Auch der Mann hat nun Anteil und Besitzrecht am Kinde. Es entspinnt 
sich der Streit um den Besitz. Der Vater als Zeuger erhebt sich als der 
eigentliche Schöpfer über die Mutter und beansprucht seine Schöpfung, 
das Kind. In diesem Zusammenhang drängt sich uns die Frage auf, ob 
wir nicht auch die jüdische Schöpfungsgeschichte, wie die meisten Schöpfungs- 
mythen überhaupt, ähnlich, wie wir dies bei den zweigeschlechtigen Ur- 
wesen vermuteten, bereits als eine aus dieser Umkehrung entsprungene 
Darstellung aufzufassen haben. Nach der Mythe schafft Gott-Vater die 
Mutter Erde. Der Mann hat mit dieser Erhöhung und Projektion seines 
Ichs in einer Uridentifikation mit dem Weibe (die er bis heute aufrecht 
erhält) ihm seine Funktionen als Schöpferin (Schwangerschaft und Geburt) 
nachgeahmt. Geht er doch „schwanger" von der Wahnidee, der Schöpfer 
zu sein, einher, gebiert Werk um Werk und drückt ihm zum Zeichen, 
daß es sein „Geschöpf" und sein Besitz sei, seinen Namen auf. Bebel 
nimmt gewiß mit Recht an, daß mit der Herrschaft des Privateigentums 
die Unterjochung der Frau unter den Mann besiegelt war. Er sagt: 1 „Die 
Geltung des Mutterrechts bedeutete Kommunismus, Gleichheit aller; das 
Aufkommen des Vaterrechts bedeutete Herrschaft des Privateigentums, und 
zugleich bedeutete es Unterdrückung und Knechtung der Frau. Bebel 
fügt bei, daß es sich schwer nachweisen lasse, in welcher Weise sich diese 
Umwandlung, die er „die erste große Revolution" nennt, vollzog. Wir 
glauben nun einen Hinweis gegeben zu haben. Die Idee des im Matriarchat 
waltenden Kommunismus (natürlich ist dies nicht absolut zu nehmen) ver- 
trägt sich auch sehr gut mit dem Gedanken, daß die primäre Mutter- 
identifikation weniger als die spätere Vateridentifikation zu einer Ich-Ideal- 
bildung führen konnte, daß vielmehr die Mutteridentifikation verallgemeinert 
und nicht wie die Vateridentifikation individualisiert. Das Mütterliche ist 
bestrebt, gleichsam alles in sich aufgehen zu lassen. Im Matriarchat, wo 
das Ich-Ideal noch wenig entwickelt ist, kann es dies in weitgehendem 
Maße. Wir haben es hier noch mit einer beinahe reinen Herrschaft des 

1) Bebel: op. cit. S. 52, 55. 






' ■■ 



20 



Dr. Gustav Hans Graber 



Es zu tun und sehen uns vor das Problem gestellt, ob nicht mütterliches 
Prinzip und Es dasselbe bedeuten, so daß das Mutterideal, das einer Identi- 
fikation ruft, dem Es-Ideal 1 entsprechen würde. 

Wir sahen, daß mit der Erkenntnis des Kausalzusammenhangs von 
Zeugung und Empfängnis, die Bildung des Begriffes „Besitz", die eng mit 
der Ich- und Bewußtseinsentwicklung überhaupt zusammenhängen muß, 
stark an die Einstellung der Eltern zum Kinde (vorläufig ganz ohne Unter- 
schied der Geschlechter) geknüpft ist. Das Matriarchat erleidet damit seine 
Verdrängung, daß der Vater Vaterrechte geltend macht, die er mit dem 
Primat der Zeugung begründet und sich selbst mit der Fiktion der Mutter- 
identifikation wappnet, so, als ob auch er Leben zu spenden, Geschöpfe 
zu gebären, Schöpfer zu sein vermöchte. Er bewertet den Akt der Zeugung 
so, als ob Schwangerschaft und Geburt in ihm verdichtet wären. Und nun 
verstehen wir es auch, daß die höchsten Ich-Idealgestalten, die Götter, am 
reinsten diese mütterlichen Fähigkeiten aufweisen, verstehen, daß gerade 
höchste Ich-Ideale sich wieder am nächsten mit dem Es berühren, Ein Bei- 
spiel einer solchen „Steigerung" einer Gottheit ist der Wandel des männ- 
lichen, seine Macht ausübenden, gebietenden, altjüdischen Gott-Vaters z u 
dem das mütterliche Prinzip der gleich machenden Liebe vertretenden Gott 
der Christen. Wir werden Gelegenheit haben, naher auf diese Wandlung 
vom Gott-Vater zum Gott-Sohn einzugehen. Auch Zeus, der höchste Gott 
der Griechen, gebiert aus seinem Haupte Athene, die Mutterlose. 

Die Einsicht in die Urmutteridentifikation des Mannes zwingt uns, wie 
Bachofen dies angenommen, die pseudomütterliche Couvade, jenes von 
den Primitiven geübte Männerkindbett (interessant ist auch der Ausdruck 
„Kindbettimann" von Gotthelf), als die natürlichste Bationalisierung dieser 
Identifikation anzusehen, aus der notwendig des Mannes Recht hervorgehen 
muß, wie dies bei den Mandulus der Fall ist, das Kind als das seine z u 
beanspruchen. Nur auf der Grundlage der Identifikation mit dem Weibe 
konnte sich der Mann das Besitzrecht des Kindes, wie er dies mit der 
Namengebung besiegelt, aneignen. Es ist kein Beweis dagegen, wenn z. B. 
v. Dargun 2 meint, daß die Couvade gerade bei jenen Völkern ausgeübt 
werde, wo das Weib wenig von einem Wochenbett kennt, und deshalb 
eine Nachahmung ausgeschlossen sei, denn es ist doch naheliegend, daß 
gerade dort eine Ablösung des weiblichen Wochenbettes durch das männ- 



i) Ein von Beata Rank geprägter Ausdruck. Imugo X, 2/5, S. a8a. 
2) v. Dargun: Mutterrecht und Vaterrecht, 1892. 









Die schwarze Spinne 21 



liehe stattfand. Auch jene Tatsache, von der Reik 1 meint, daß sie im 
Widerspruch zur Bachofenschen Auffassung stehe, daß nämlich die 
„Couvade bei vielen Völkern herrscht, bei welchen das Kind jetzt noch 
zum Mutterclan gehört", ■ läßt sich sehr wohl mit der Bachofenschen 
Theorie vereinen, da es doch wohl nirgends mehr einen Stamm gibt, in 
dem das Matriarchat sich rein erhalten hat. Überall sind die Übergänge 
verwischt und waren wohl verwischt, soweit unsere Forschung zurück- 
reicht. 2 Und schließlich besagt auch die Auffassung Frazers, 3 an die sich 
Reik anschließt, die Couvade sei ein Fall von sympathetischer (oder auch 
imitativer) Magie, nichts wesentlich anderes, als was Bachofen mit der 
Nachahmung erklärte, denn der sympathetischen Magie muß auch eine 
Identifikation zugrunde liegen. Daß der Mann, wie Reik dies nachweist,* 
bei der Übernahme der Geburtsschmerzen von einer Vergeltungsfurcht, 
wegen der der Frau zugewünschten Leiden, beherrscht ist, wird mit der 
Einsicht in den Ambivalenzkonflikt sehr einleuchtend. Immerhin ist auch 
der Gedanke in Erwägung zu ziehen, der Geburtsakt sei ursprünglich — 
wie dies bei primitiven Völkern der Fall ist — nicht immer unlust- 
betont gewesen, sondern im Gegenteil als sehr lustvoll empfunden worden. 5 
Danach hätte ursprünglich auch der Mann in der Couvade einen Lust- 
gewinn gesucht, der sich später nur mehr masochistisch auf dem Umweg 
über den Schmerz erkaufen ließ, vor welchem der Mann aber nicht zurück- 
schreckte. 

Es liegt im Wesen der Identifikation, der möglichst vollständigen Ver- 
schmelzung Zweier zu einer Einheit, daß der Identifizierende, um zu seinem 
Ziele zu gelangen, dem zu übernehmenden Schmerz ebensowenig wie der 
Lust ausweicht . . . 6 Und schließlich, da die Identifikation der psychologische 
Weg ist, sich des andern zu bemächtigen, so wird uns verständlich, daß der 
Mann, der sich mit dem Weibe identifiziert, gleichzeitig ein Besitzrecht auf 
das Weib und damit natürlich auch auf das Kind (mit dem er sich übrigens 
auch identifiziert) beansprucht. Es würde zu weit führen, wollten wir 
hier das Problem der Versklavung der Frau aufrollen. 



1) Reik: Imago II, 5, S. 4.16. 

2) Eine Tatsache, auf die übrigens Reik selbst hinweist. Imago II, 5, S. 423. 

3) Fräser: The golden bough. Third edition. 

4) Reik: Die Couvade. Imago III, 5. 

5) Audi Groddeck spricht von der höchsten Lust des Geburtsaktes. (Das Buch 
vom Es. 1933.) 

6) Man findet gelegentlich bei Männern auch hysterische Gravidität. Siehe darüber 
auch Groddeck: Das Buch vom Es. 1923. 






22 



Dr. Gustav Hans Graber 



Wir sahen, daß mit der Namengebung an der Taufe das Kind dem 
(Gott-) Vater dargebracht wird. Wir deuteten diesen Akt als einen, den 
Übergang vom Matriarchat zur Urvaterherrschaft symbolisierenden Volks- 
gebrauch. Wir haben nun noch eine Erklärung für die Fehlhandlung des 
Namenvergessens zu suchen. Freud hat uns den Weg zum Verständnis 
gewiesen. Es liegt im Vergessen eine unbewußte Absicht, der Wunsch 
nämlich, es möchte die Namenerteilung unterbleiben. Der Vorwurf des 
Vergessens trifft vor allem den Vater, welcher ja auf dem Kirchgange mit 
der Gotte längere Zeit im Gespräch steht, so daß bei ihm die Fehlhand- 
lung nicht so motiviert werden kann, wie Gotthelf dies tut, wenn er 
sagt: „Im Hast ob den vielen zu besorgenden Dingen und der Angst, zu 
spät zu kommen, hatte man die Mitteilung dieses Namens vergessen 
Frazer 1 hat uns mit vielen Beispielen belehrt, daß die Primitiven i m 
Kinde durch die Namengebung einen Ahnen auferstehen sehen. Anderseits 
aber werden die Namen der Toten auch sorgfältig vermieden. Die Gefühls- 
regungen gegenüber den Toten sind ambivalent. Man sehnt sich nach 
ihnen, man fürchtet sie aber auch. Es ist anzunehmen, daß auch bei Benz, 
dem Kindbettimann, solche unbewußte archaische Gattungserinnerungen 
zur Verpönung des Namens beigetragen haben. Wie die Bindungen des Kindes 
an die Eltern ambivalente Gefühlsregungen aufweisen, 2 so zeigen umgekehrt 
auch die Bindungen der Eltern an die Kinder diese Ambivalenz. Benz 
macht sich seine eigenen Gedanken über das Kind, namentlich weil es 
das erste Bübchen ist. Sein Unbewußtes scheint es abzulehnen. Wir 
werden in dieser unserer Vermutung bestärkt durch die Einsicht in die 
offensichtlichen Unterlassungsfehler, die der Vater begebt. Frazer» hat 
uns gezeigt, wie in aller Welt bei den Primitiven die Sitte bestand, die 
Erstgebornen zu töten, sie sogar zu essen. Während bei Tieren und in den 
auf früheste archaische Zustände zurückgreifenden Märchen, Sagen und 
Träumen, es meist noch die Mutter (als Hexe oder Vampir) ist, die das 
Kind verzehrt, sehen wir später den Vater sein Besitzrecht auf dasselbe 
geltend machen. Er ist es, der es tötet und es - - allein oder mit den 
Stammesgenossen - aufißt. Auch dafür gibt uns die Traum-, Sagen- und 
Märchenwelt genügend Beweismaterial.* Zu der rein triebhaften Lust des 

1) Frazer: The golden bough. 

2) Siehe meine Arbeit: Die Ambivalenz des Kindes. 1924. 
z) Frazer: op. cit. 

4) Einer der schönsten Brunnen in Bern stellt den Kind«rfr«ier dar, w.e er 
eben einem der vielen gefangenen Kinder den Kopf abbeißt. 



Die schwarze Spinne 



Verzehrens tritt mit der wachsenden Vaterherrschaft ein bewußtes Motiv 
in den Dienst der primären Lustbefriedigung. Das Erstgeborne wird vom 
Vater verspeist, weil er mit der Einverleibung des Kindes — nach viel- 
facher primitiver Auffassung sein wiedergeborenes Ich — sich selbst mittels 
dieser vollendetsten Identifikation verjüngt. Anderseits wirken im Vater 
Haßregungen mit. Er fürchtet, vom Sohne verdrängt zu werden, fürchtet, 
wofür Reik 1 Beweise gebracht hat, daß im Sohne dieselben Todeswünsche 
gegen ihn wirksam seien, wie er sie seinem eigenen Vater entgegen- 
gebracht. Die Vergeltungsfurcht treibt den Vater zu der Auffassung, im 
Kinde seinen eigenen Vater auferstehen zu sehen. Dieser wird einmal Rache 
nehmen. Lorenz 2 wies darauf hin, daß es durch die feindselige Haltung der 
Kinder gegen die Eltern (Titanen-Motiv) nach polynesischer Überlieferung zur 
Trennung von Himmel und Erde, dem Weltelternpaare, kam. Diese Trennung 
bedeutete eine Art Entmannung des Vaters (Himmel). Auch Kronos (Theo- 
gonie) entmannt seinen Vater, als dieser sich zur Nachtzeit voll Verlangen 
seinem Weibe nähert. Kronos fürchtet, als er selbst Vater geworden, daß 
ihm dasselbe Schicksal von seinen Kindern zuteil werde. Er verschlingt 
sie deshalb. Auch hier ersteht im Sohn der Rächer, eigentlich der Groß- 
vater. Reik 3 belehrte uns, daß das, in späteren Entwicklungsperioden den 
Göttern dargebrachte Opfer des Erstgebornen den Sinn habe, dem Groß- 
vater (deifizierten Vater) den Enkel als Sühne zu übergeben. Gleichzeitig 
ist aber auch das Kind, wie wir schon sagten, der wiedererstandene 
Großvater und muß deshalb vom Vater, der sich dadurch wieder in die 
Sohnesrolle gedrängt sieht, beseitigt werden. Merkwürdigerweise vernehmen 
wir von Gotthelf gar nichts über das Verhältnis vom Kindbettimann zu 
seinem Vater, dem Großvater, wie er in der Erzählung genannt wird. 
Letzterer spielt eine viel bedeutendere Rolle als der Kindbettimann. Wie aus 
verschiedenen Stellen hervorgeht, ist er der Meister und Besitzer des Bauern- 
gutes. Benz hat noch keine Rechte. Wir wundern uns darum nicht, wenn 
Benz sich seine Gedanken macht bei der Taufe seines Erstgebornen. Selbst 
noch nicht zu eigenen Rechten gekommen, ersteht ihm im Sohn schon 
ein verjüngter Vater, der sie ihm, wenn er sie einmal erlangt, wieder 
streitig machen wird. 

Nun aber, wenn wir in Betracht ziehen, daß die Taufe eine symbo- 



1) Reik: Die Couvade. Imago III, 5. 

a) Lorenz: Das Titanen-Motiv in der allgemeinen Mythologie. Imago II, 1, 

3) Reik: Die Couvade. Imago III, 5. 







24 Dr. Gustav Hans Graber 



lische Opferung des Kindes an Gott-Vater ist, 1 so müssen wir eigentlich 
erwarten, daß dem Unbewußten des Vaters im Taufakte, der doch einer 
Versöhnung gleichkommt, Genüge getan wird. Sein Bewußtsein aber weiß 
von diesen Zusammenhängen nichts mehr und sieht im Taufgebrauch 
lediglich die Feier der Anerkennung des werdenden Rivalen. 

Hinter des Vaters wiederholter Nötigung zum Weingenuß liegt der Wunsch 
nach Betäubung des hemmenden Bewußtseins verborgen, um das Fest, dessen 
eigentlicher Hauptakt das Mahl ist, ungetrübt genießen zu können. 

Der Sinn dieses Mahles, das bei den Bauern (aber auch bei der städtischen 
Bevölkerung) des Kantons Bern und der Schweiz im allgemeinen immer noch 
mit großem Aufwand abgehalten wird, erschließt sich uns, wenn wir wissen, 
daß bei den Primitiven stellvertretend für das Opfer des Erstgebornen nach 
und nach Tieropfer 2 traten. Der Kindermord wurde, weil er für das Unbe- 
wußte einen verkappten Vatermord bedeutete, tabuiert, sowie schließlich auch 
das Opfer des Tieres und der Genuß seines Fleisches verpönt wurden (diätetische 
Couvade und Fastenverbote), weil immer wieder unbewußt das alte Be- 
gehren nach dem Mord und dem Fressen des Vaters und der daraus her- 
vorgehenden Vereinigung mit ihm, durch das Fressen des Kindes oder des 
Tieres realisiert wurde. Das Verdrängte hat aber in unseren höchsten Kulten, 
in den uns bekannten Tauf-, Hochzeits-, Abendmahls- und Bestattungs- 
feiern einen Rückweg gefunden und sich zu rationalisieren vermocht. 
Wie bei den Primitiven das Totemtier, das sonst zu töten verboten war, 
bei gewissen Anlässen und unter Beteiligung des ganzen Clans geschlachtet 
und verzehrt wurde, sind auch die bei unseren Kulten stattfindenden 
gemeinsamen Mahlzeiten Wiederholungen des Totemmahles. Das viele 
Fleisch bei unserem Taufmahle, auf das Gott h elf besonders aufmerksam 
macht, ist Ersatz für das Fleisch des Kindes. Wir wollen nicht unerwähnt 
lassen, daß Gotthelf unbewußt sogar direkte Anspielungen darauf macht. 
So ist z. B. die Zupfe, die bei solchen festlichen Anlässen nicht fehlen darf, 
„dieses eigentümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber . . ., 



1) Über die Dreifaltigkeit des Einen, das Drei ist, hat uns R. Spici orientiert. 
Imago X, 2/3. 

2) Reik zitiert in seiner Arbeit über die Couvade (Imago, III, 5) aus Sehe f. 
telowitz, „Das stellvertretende Huhnopfer", ein Verbot, das im dreizehnten Jahr- 
hundert in Barcelona erlassen wurde: „Man schlachtet einen alten Hohn als Sühne 
für einen neugeborenen Knaben und schneidet seinen Kopf ab und hängt den Kopf 
mit seinen Federn am Eingang des Hauses zusammen mit Knoblauch auf, was ich 
für heidnisch halte und daher verboten habe". 



Die schwarze Spinne 2f - 



groß wie ein jähriges Kind und fast ebenso schwer". 1 Oder.- Man 
umstand das Kind und rühmte es wie billig, und es war auch ein wunder- 
appetitlich' Bübchen. 

Es scheint, daß man sich bei dem Mahle kaum Genüge tun kann. 
Besonders wird die Gotte, die wir als stellvertretende Mutter zu betrachten 
haben, zu übermäßigem Essen angehalten. Es fällt uns auf, daß die Gotte, 
wie übrigens auch die anderen Teilnehmer am Fest, gewohnheitsmäßig vor 
dem Essen die Nahrung verweigern, ein Gebrauch, den wir mit dem Tabu 
in Zusammenhang bringen müssen. Sollen wir darin, daß die Gotte, die 
die Mutter vertritt, besonders viel essen muß, eine Darstellung der Matri- 
archatszustände erblicken, wo die Mutter das Kind fraß? 

Wenn wir auch im Taufmahl einen Gebrauch kennen lernten, den wir 
bereits — da ja das Kind Gott-Vater dargebracht wird — als eine Remi- 
niszenz aus der Urvaterherrschaft erkannt haben, so müssen wir doch 
darauf verweisen, daß alle Akte in den Urverhältnissen des Matriarchats 
verwurzelt sind. Mit dem Aufessen des Kindes und den späteren Ersatz- 
befriedigungen wird doch immer wieder die Einheit von Mutter und Kind 
gesucht. Indem die Mutter das Kind, mit dem auch sie sich identifiziert, 
sich einverleibt, erfüllt sie ihren eigenen und des Kindes tiefsten Wunsch, 
in den intrauterinen Zustand zurückzukehren. 2 Sie kehrt gleichsam mit 
dem Kinde in sich selbst zurück, um wiedergeboren zu werden. Ganz die- 
selbe Vorstellung zeigt sich in der Ontogenese auf der oralen Stufe des 
Kindes, wenn es glaubt, daß z. B. ein Stück Fleisch, das die Mutter ißt, 
sich in ihr zu einem Kinde entwickelt und per anum geboren wird. 5 
Dieselben Zusammenhänge finden wir beim vatergewordenen Sohn, dessen 
Uridentifikation die mit der Mutter ist. Er frißt ihre Kinder, um wie sie 
Kinder tragen und gebären zu können. So erreicht er die höchste Erfüllung 
autoerotischer und narzißtischer Wünsche, nämlich, in sich selbst zurück- 
zukehren, um sich aus sich selbst zu zeugen und zu gebären. 



* 
* 



i) Von mir gesperrt. 

2) Rank: Dus Trauma der Geburt, 1924. 

3) Ich habe in meinem Buche: „Die Ambivalenz des Kindes", von einem solchen 
Fall berichtet, S. 4,3. 









2 6 Dr. Gustav Hans Graber 



B 
Die Urvaterhorde 

i 

Wir haben nachzuweisen versucht, daß die Urvaterherrschaft und das 
in der Menschheitsentwicklung sich bildende Macht- und Allmachtsbewußt- 
sein des Mannes hauptsächlich auf einer Identifikation mit den Funktionen 
des Weibes, als der Spenderin neuen Lebens, beruhte. Je weiter der Mann 
sich in diese Identifikation verstrickte, desto mächtiger kam er sich vor 
und desto narzißtischer betrug er sich. Freud hat uns mit dem Hilde des 
Urhordenvaters und des Führers überhaupt, die Figur des mächtigen Mannes, 
anschaulich gemacht. 1 Es ist mit der Macht genau gleich bestellt, wie 
mit dem Ich-Ideal. Je mehr sie gesteigert wird, desto mehr zerfällt sie. 
Auch die scheinbar echtesten männlichen Ich-Ideale, ja, diese ganz beson- 
ders, entstammen im Grunde dem Es und führen in ihrer Steigerung 
zum letzteren zurück, d. h. der narzißtische Führer, statt — wie es der 
Identifikation mit dem Weibe und dem Ich-Ideal entsprechen würde — 
zu dienen und zu helfen, verfällt in die Sohnesrolle zurück und läßt sich 
bedienen, stempelt schließlich seine ganze Umgebung zu „Müttern", 
zwingt sie, ihm zu dienen und bekundet so, daß sein Bestreben, Mutter 
zu werden, Fiktion geblieben. Wir werden versucht, dieses Zurückgeben 
der Mutterrolle und die Rückkehr in die Sohneseinstellung als einen 
„nachträglichen Gehorsam" (Freud), oder, um einen religiösen Ausdruck 
zu gebrauchen, als eine Art ungewollter und unerkannter Bekehrung z u 
bezeichnen. Das progressive Streben erweist sich als eine verkappte Re- 
gression. 

Die Horde (die Masse) aber verfällt wirklich der dienenden mütterlichen 
Rolle und sorgt sich und nährt ihren tyrannischen „Pflegling". 

2 

Die nun folgende zweite Episode in Gotthelfs Erzählung zeigt uns 
dieses typische Bild des allmächtigen Tyrannen und seiner ihm ergebenen 
Masse, welches wir, in die Menschheitsentwicklung projiziert, als eine 
Darstellung der das Matriarchat ablösenden Urvaterhorde ansehen dürfen. 

Wir erinnern uns, daß der Großvater, durch drängendes Fragen der 
Taufgesellschaft genötigt, unter dem Vorbehalt der Verschwiegenheit, seinen 

l) Freud: Totem und Tabu. Ferner: Massenpsychologie und Ich-Analyie. 1921. 



v 






■OME 



Die schwarze Spinne 27 



Bericht über den seltsamen „Fensterposten" beginnt. Daß Gotthelf den 
Erzählenden dabei bis auf archaische Zeiten zurückgreifen läßt, weckt in 
uns die Vermutung, dem Schriftsteller müsse ein Teil des Entwicklungs- 
gedankens, welcher der Geschichte zugrunde liegt, bewußt gewesen sein. 

Der Großvater beginnt: 

„Allemal, wenn ich dieses Holz betrachte, sä muß ich mich verwundern, 
-wie das wohl zuging, daß aus dem fernen Morgenlande, wo das Menschen- 
geschlecht entstanden sein soll, Menschen bis hieher kamen und diesen Winkel 
in diesem engen Graben faiuien, und muß denken, was die, welche bis hieher 
verschlagen oder gedrängt wurden, alles ausgestanden haben werden, und wer 
sie wohl mögen gewesen sein. Ich habe viel darüber nachgefragt, aber nichts 
erfahren können, als daß diese Gegend schon sehr früh bewohnt gewesen, ja 
Sumiswald, noch che unser Heiland auf der Welt war, eine Stadt gewesen 
sein soll; aber aufgeschrieben steht das nirgends. Doch das weiß man, daß es 
schon mehr als sechshundert Jahre her ist, daß das Schloß steht, wo jetzt der 
Spital ist, und wahrscheinlich um dieselbe Zeit stund auch hier schon ein Haus 
und gehörte samt einem großen Teil der Umgegend zu dem Schlosse, mußte 
dorthin Zehnten und Bodenzinse geben, Frondienste leisten, ja die Menschen 
waren leibeigen und nicht eigenen Rechtens . . . Ihr Zustand hing jeweilen 
von ihren Herren ab; die waren gar ungleich und doch fast unumschränkt 
Meister über ihre Leute . . . Dieses Schloß kam nämlich frühe in die Hände 
von ,Rittern, die sich im Auslande fast an ein heidnisch Leben gewöhnten. 
Sie ,gingen mit andern Menschen um, als ob kein Gott im Himmel wäre . . ■ 
Einer der wüstesten soll der Hans von Stoffeln gewesen sein aus dem Schwaben- 
lande, und unter ihm soll es sich zugetragen haben, was ihr von mir wissen 
wollt, und was sich bei uns voi? Vater auf den Sohn vererbet hat . 

Dieser Hans von Stoffeln läßt sich nun von den Bauern auf einem hohen 
Hügel ein mächtiges Schloß bauen. „Zu der und der Zeit sollte der letzte 
Ziegel gedeckt, der letzte Nagel geschlagen sein." Barmherzigkeit kannte der 
Ritter keine, „die Bedürfnisse armer Leute kannte er nicht. Er ermunterte 
sie auf heidnische Weise mit Schlügen und Schimpfen, und wenn einer müde 
wurde, langsamer sich rührte oder gar ruJien wollte, so war der Vogt hinter 
ihm mit der Peitsche und weder Alter noch Schwachheit ward verschont. Wenn 
die wilden Ritter oben waren, so hatten sie ihre Freude daran, wenn die 
Peitscke recht knallte". Endlich ist das Schloß fertig. Eines Abends werden 
die Bauern in den Rittersaal geladen. „Drinnen saßen um den schweren 
Eichentisch die schwarzbraunen Ritter, wilde Hunde zu ihren Füßen, und 
obenan der von Stoffeln, ein wilder, mächtiger Mann, der einen Kopf hatte 






28 Dr. Gustav Hans Graber 



wie ein doppelt Bernmäß, Augen machte wie Pflugsräder und einen Bart hatte 
wie eine alte Löwenmähne" Er erhob „seine Stimme, und sie tönte wie aus 
einer hundertjährigen Eiche . . . ,In Zeit eines Monates sollt ihr mir einen 
Schattengang pflanzen, sollt hundert ausgewachsene Buchen nehmen aus dem 
Münneberg, mit Ästen und Wurzeln, und sollt sie mir pflanzen auf Bär- 
hegen, und wenn eine einzige Buchen fehlt, so büßt ihr mir es mit Gut und 
Blut' . . . seine Stimme brach los wie der Donner aus einer Fluli . . . ,und 
wenn in Monatsfrist die hundert Buchen nicht oben stehen, so lasse ich euch 
peitschen, bis kein Fingerlang mehr ganz an euch ist, und Weiber und 
Kinder werfe ich den Hunden vor". Die Männer wurden „der Ritter 
Gelächter, der Knechte Spott, der Rüde Geheul". Sie setzten „sich an des 
Weges Rand und weinten bitterlich, keiner hatte einen Trost für den andern, 
und keiner hatte den Mut zu rechtern Zorn, denn Not und Plage hatten 
den Mut ihnen ausgelöscht, so daß sie keine Kraft mehr zürn Zorne hatten, 
sondern nur rweh zum Jammer . . . Wie sie da so ratlos weinten, keiner den 
andern ansehen, in den Jammer des andern sehen durfte, weil der seinige 
schon über ihm zusammenschlug, und keiner heim durfte mit der Botschaft, 
keiner den Jammer heimtragen mochte zu Weib und Kind, stund plötzlich vor 
ihnen ... ein grüner Jägersmann." Er schwört den Rittern Rache und will 
den Bauern helfen, begehrt aber als Lohn ein ungetauft Kind. Nun er- 
kennen die Bauern in ihm den Teufel und fliehen zitternd nach Hause 
zu den Weibern. 



Aus der Schilderung dieser Episode drängt sich uns vorerst der Vergleich 
des Hans von Stoffeln, der sich in solch «extrem narzißtischer und auch 
sadistischer Weise auslebt, mit der Urvaterfigur auf. Auch die Schilderung 
der geknechteten Talbewohnerschaft würde einer guten Charakteristik der 
von ihrem Führer abhängigen Urhorde entsprechen. Die Männer werden 
in ihrer Schwachheit und in ihrer Dienerrolle weibisch. Sie jammern und 
weinen und finden keine Kraft zur gemeinsamen Befreiungstat. Wie in 
der Urvaterhorde, so ist es auch hier schließlich das Weib, das die Ursache 
zum Sturz des Tyrannen bildet, ist es das Weib, das sich zur Führerin 
erhebt. Ihr allein ist die Überhebung ermöglicht, da jedem männlichen 
Gliede die Übernahme der begehrten Führerschaft durch den gemeinsamen 
Verzicht unmöglich gemacht ist. 1 

i) Freud: Totem und Tabu. 



Dunkel bleibt uns vorderhand die Gestalt des Teufels. Aus den Mythen 
wissen wir, daß wir ihn als eine Abspaltung Gottes zu betrachten haben. 
Wenn aber Gott der deifizierte Urvater ist, und dessen Eigenschaften eines 
Beschützers, narzißtischen Genießers und eigensüchtigen Tyrannen zeigt, 
was wir als eine Projektion der aus der Bindung an den Urvater entstan- 
denen ambivalenten Gefühle erkennen, so entspricht die Spaltung Gott- 
Teufel lediglich Personifikationen dieser sich gegenüberstehenden pro- 
jizierten Gefühle. Gott wird Beschützer und fordert zur Entsagung. Der 
Teufel ist als ein teilweiser Vaterersatz egoistischer Genießer und Ver- 
führer. 1 Da aber, wie wir früher gesehen haben, die Eigenschaften, die 
den Urvater über die Masse erheben, auf der Fiktion der hochgesteigerten 
Identifikation mit der Mutter basieren . . . Eigenschaften, die, auch wo sie 
später in Gott als Beschützer und Helfer und im Teufel als erotischem 
Genießer und Verführer in zwei Personifikationen getrennt auftreten, ohne 
weiteres als echt weibliche Eigenschaften erkannt werden ... ist es natur- 
notwendig, daß nach dem Sturz des Urvaters das weibliche und mütter- 
liche Prinzip sich wieder in seiner ursprünglichen Gestalt auswirken muß, 
so daß die Männer der Urvaterhorde sich wieder in der Sohnesrolle ge- 
nügen können. 

Wie kam aber der Sturz des Urvaters zustande? Freud 2 nimmt an, 
daß die Söhne, die nach des Vaters Machtstellung gelüstete, ihn mordeten . . . 
also ein revolutionärer Akt. Wir können aber auch annehmen, daß die 
Beseitigung sich evolvierend vollzog. Beide Annahmen haben ihre Berech- 
tigung, weil sie sich ergänzen. Die revolutionäre Beseitigung des Urvaters 
ist eine dramatische Verdichtung der evolvierenden. Auch dort aber, wo 
sich die Beseitigung ohne Gewaltakt vollzog, bestand in den Söhnen be- 
ständig der Wunsch, ihn zu begehen. Psychisch wurde er auch wirklich 
begangen. Beide Arten der Beseitigung finden sich in unzähligen Bei- 
spielen in der Geschichte vor, da sich die Vorkommnisse der Urhorde 
durch alle Generationen wenig abgeschwächt wiederholten. 

Wir haben gesehen, daß der Urvater mit der Steigerung seines Ichs, 
seiner aus der Nachahmung mütterlicher Funktionen erwachsenen Vater- 
rolle, sich selbst, statt wie es eigentlich dem Ich- und Vater-Ideal ent- 
sprechen sollte, unabhängig zu machen, immer mehr in die Abhängigkeit 
der Masse begibt und so schließlich in die Sohnesrolle regrediert. Mit der 

1) Reik: Der eigene und der fremde Gott. 1925. 
a) Freud: Totem und Tabu. 









SO 



Dr. Gustav Hans Graber 



Steigerung des Vater-Ich-Ideals . . . einer wachsenden Individualisierung . . . 
ist notwendig die Absonderung aus der Gemeinschaft, nämlich der Mutter- 
Sohngemeinschaft, gegeben, ist aber auch gleichzeitig das Bedürfnis ge- 
schaffen, in sie zurückkehren zu können. Das Bedürfnis aber bindet und 
wächst im selben Maß wie die Isolierung. Es führt auf dem Umwege über 
die Bildung des Ichs und seiner Ansprüche, die im Grunde mit den An- 
sprüchen der Vaterrechte identisch sind, zum Es, zur Mutter zurück. 
Freud hat uns diese Entwicklung aus dem Es zum Ich, Über-Ich und 
zurück zum Es verstehen gelehrt, 1 und wir haben einen Versuch der An- 
wendung gewagt, wenn wir die Begriffe Mutter und Es einerseits und 
Vater und Ich (Über-Ich) anderseits ineinanderschoben und darauf ver- 
wiesen, daß die Vater-Ich-Bildung auf einer Identifikation mit dem 
Mütterlichen (Es) beruht. Es hat sich dabei in etwas anderem Aspekt die 
Richtigkeit des Freud sehen Satzes erwiesen, „daß das Ich ein besonders 
differenzierter Anteil des Es ist". 2 

Nachdem wir am Urvater die Entwicklung zum Ich, Über-Ich und 
zurück zum Es als eine allmählich sich vollziehende dargestellt, wird es 
uns nicht schwer, da die Söhne der Horde nach demselben als Ideal er- 
scheinenden Ablauf des Lebens verlangen, zu erkennen, daß mit der 
Regression des Vaters zum Es, dieser der Progression der Söhne zum Ich 
förderlich war. Es mußte also der Zeitpunkt eintreten, wo die Mächte- 
verteilung sich die Wage hielt, um sich schließlich zugunsten der Söhne 
zu entscheiden. Das geschah dann, als sie selbst sich ihrer Vaterschaft 
bewußt wurden. 

Mit diesem Einblick in das Zusammenspiel der Mächte Vater-Sohn, die 
sich feindlich gegenüberstehen und sich doch gegenseitig in ihren Bestre- 
bungen unterstützen . . . beider Ziel bleibt eben die Rückkehr zur Multer 
und in die Mutter . . . wird uns der Sinn der Figur des Teufels in unserer 
Erzählung klarer. 

Er ist die Verkörperung dieser Mächte, ist der wieder sohnwerdende 
Vater (Wiedergeburt im Sohn) und ist der vaterwerdende Sohn. Schon in 
der Mythe trägt er diesen Doppelcharakter. Als ein abgefallener Teil Gott- 
Vaters (also eigentlich der Sohn) trägt Luzifer seine Züge, zeigt aber in 
seinem Begehren zu sein wie Gott, die typische Sohneseinstellung. Wenn 
wir die Episode der Herrschaft des Hans von Stoffeln als eine in geschicht- 



1) Freud: Das Ich und das Es. 1923- 
4) Freud: op. cit. S. 46. 






liehe Zeiten projizierte Darstellung der vorgeschichtlichen Urvaterhorde 
deuten, so müssen wir die hier auftretende Dämonenerscheinung wieder 
mit Fleisch und Blut ausrüsten, um so die einmal erfolgte Projektion 
wesenhafter Gestalten in die Geisterwelt aufzuheben. Der Teufel wird nun 
zum Sohn, der vom Urvater (Gott) abtrünnig (abgetrennt, gezeugt) wird 
und sich gegen ihn empört. In unserer Geschichte übernimmt er auch 
wirklich die Rolle des Empörers, der erstens die Macht der Urvaterfigur, 
des Ritters, brechen will, der aber, wie wir später sehen werden, selber 
Vatergelüste zeigt und nach der Mutter verlangt. Er ist der Empörersohn, 
der mit Hilfe des Weibes die unterdrückte Horde der Talbewohner zur 
Tat herausfordert und sie vom Joch des Tyrannen befreien hilft. Gleich- 
zeitig ist aber der Teufel die Verkörperung all der Empörergelüste, die in 
jedem einzelnen Bauern gären, die aber keiner zu realisieren wagt. Der 
Zustand der Bauernsame zeigt bereits das typische Bild der Melancholie. 
Selbst die Klagen sind verstummt. „Das Herz ist im Jammer verschwoüen, 
so kommen keine Worte mehr (Liraus. Das Weinen und Heulen sprengt nach 
des Teufels Meinung „Steine aus dem Boden", „Aste ab den Bäumen" und 
die „Sterne aus dem Himmel". Er braucht symbolische Bilder seiner eigenen 
Geburt und Abspaltung. Dann rüttelt er die Bauern geschickt aus ihrer 
melancholischen Passivität auf. Sie sollen wieder klagen. 1 „Man mag schlagen, 
was man will, Stein oder Baum, so gibt es einen Ton von sich, es klaget. So 
soll auch der Mensch klagen, soll dem ersten besten klagen, vielleicht hilft ihm 
der erste beste. 

Der zweite Schritt, die Bauern aufzurütteln, ist des Teufels Beispiel der 
Empörung. Er weckt wieder die Kraft zum Zorn. Er „hob drohend die 
lange, magere, schwarze Hand gegen das Schloß empor und vermaß sich zu 
schwerer Rache gegen solche Tyrannei' ' . 

Zum Dritten bietet er ihnen nun seine Hilfe an, „ihnen zulieb, den 
Rittern zum Trotz und um geringen Lohn . . . Wie ich gesagt, ich begehre 
nicht viel, nickt mehr als ein ungetauftes Kind 1 . 

Nun aber erkennen ihn die Bauern. „Das Wort zuckte durch die Männer 
wie ein Blitz, eine Decke fiel es von ihren Augen, und wie Spreu im Wirbel- 
winde stoben sie auseinander." 

Wenn wir die Teufelsfigur durch den Empörersohn ersetzen, so wird 
uns sein Lohn, den er für die Rache am Ritter (Urvater) fordert, sofort 



1) Oft ist in Analysen das Lautwerden von Klagen bei stark depressiv-verstimmten 
Patienten der erste Schritt zur Besserung. 



■HS 



_ 



Dr. Gustav Hans Graber 



verständlich. Er fordert das Kind, fordert wie der Urvater das Vaterrecht, 
fordert laut, was jeder Bauer (Sohn) im stillen wünscht. Der Blitz, der 
alle durchzuckt, ist das Schuldgefühl, das in ihnen erwachte. Die Flucht 
hedeutet also die Flucht vor den eigenen unstillbaren Gelüsten nach der 
Rachetat und nach der Macht des Ritters (Urvaters). Der teuflische Empörer- 
sohn weiß, daß sie alle noch in der Sohnesrolle verharren, und nicht 
umsonst ruft er ihnen nach, sie sollten bei ihren Weibern Rat suchen. 
„Blaß und zitternd an der Seele und an allen Gliedern stäubten die Männer 
nach Hause . . . wie Tauben vom Vogel gejagt zum Taubenschlag. Die Weiber 
locken sie an den Ort, „wo man im stillen ein vertraut Wort reden kann. 
Die Männer berichten. „Da ergriff namenlose Angst die Weiber, ein Weh- 
geschrei ertönte über Berg und Tal, einer jeden ward, als hätte ihr eigen 
Kind der Ruchlose begehrt." 

Damit schließt die zweite Episode, in der wir das Bild der Urvaterhorde, 
den mächtigen Führer, die gefügige Masse und die werdende Empörung, 
die Freiheit bringen soll, wieder zu erkennen vermochten. 



Die Herrschaft des Mannweibes 

In der kraftvollen Auswirkung der Vaterherrschaft, wie sie der Ritter 
Hans von Stoffeln über die Bewohner der Talschaft ausübte, sehen wir 
das Ich-Ideal eine Verwirklichung erfahren. Es berührt sich dadurch wieder 
mit dem Es und löst sich schließlich teilweise in ihm auf. Es ist zu er- 
warten, daß wie in diesem Fall, allgemein nach einer Vaterherrschaft das 
mütterliche Prinzip, das wir mit dem Es, wenn nicht als identisch, so 
doch als in engster Verwandtschaft uns vorzustellen gewagt haben, stets 
wieder — vor und während der Ablösung des Vaters durch den Sohn - — 
dominiert. 

Nach einer Sage 1 der transsylvanischen Zigeuner fliegt der Sonnenkönig 
zeitig in der Frühe als ein kleines Kind in die Welt hinaus, wird zu 
Mittag ein Mann und kehrt abends als schwacher Greis heim, um im 
Schöße seiner Mutter zu schlafen. Schläft er nicht im Schöße seiner Mutter, 
so bleibt er ein Greis, der keine Kraft hat und kann dann nicht in die 



1) H. v. Wlislocki: op. cit.: Die drei goldenen Haare des Sonnenkönigs. Ebenso: 
Die Sonnenmutter. 



j 



Die schwarze Spinne 



33 



Welt hinausfliegen. Die Sonnenmutter hilft einem Jüngling, dessen Leben 
ein König schon zweimal vernichten wollte. Der Jüngling, der zukünftige 
Schwiegersohn des Königs, findet nach langer Wanderung die Sonnen- 
mutter. Sie verschafft ihm drei Haare des Sonnenkönigs, dem sie diese in 
der Nacht, da er in ihrem Schöße schläft, ausreißt. Der Jüngling kehrt 
mit den drei Haaren, nach denen ihn sein Schwiegervater ausgeschickt, 
zurück. Dieser ärgert sich über des Jünglings Erfolg, will ebenfalls in der 
Fremde sein Glück versuchen, bleibt aber als Fährmann für ewig auf 
einen Kahn verbannt. Und der Jüngling wird König. 

Eine andere Sage 1 berichtet von einem Jüngling, der mit Hilfe der 
wundertätigen Kraft einer blauen Blume schließlich den Drachen (Vater) 
erlegt und die dadurch erlöste Jungfrau heiratet. Die blaue Blume aber 
fliegt fort und ruft: „Ich bin die Seele deiner verstorbenen Mutter!" 2 In 
beiden Sagen bewirkt die Mutter die Ablösung des Vaters durch den Sohn. 
Röheim 3 hat gezeigt, wie bei den Primitiven durch die Theophagie 
der gehaßte Vater, so wie er als Leiche genossen ist, zur Mutter gemacht 
wird. „Libidoquantitäten werden vom Urziel (Mutter) abgezogen, und die 
Leiche mit diesen Libidomengen besetzt . . . Sie aßen vom Vater wie sie 
als Säuglinge von der Mutter getrunken", d. h. sie hoben die Entwick- 
lung zur Vaterherrschaft und damit die erste Verdrängung, die von der 
Mutter ablösen sollte, wieder auf. Wenn die Söhne den Vater in sich auf- 
nehmen, so nehmen sie gleichzeitig mit der Leiche, die mütterliche Quali- 
täten erhielt, auch die Mutter in sich auf und identifizieren sich so mit 
beiden Elternteilen. Die Söhne, die den Urvater morden, erstreben also mit 
dem Mord am Vater nicht nur progressiv die Ermöglichung einer Identifi- 
kation und eigenen Vaterherrschaft — welche übrigens durch den aus- 
brechenden Streit der Söhne und den schließlichen Verzicht kaum reali- 
sierbar ist — sondern ebensosehr die Aufhebung der Vaterschaft überhaupt 
und damit die Begression in die Sohnesrolle, in welcher die Mutter wieder 
in den ungeteilten Besitz übergehen soll. So wird die Frau, die durch den 
Mord am Urvater befreit ist, und deren Söhne ein starkes Anlehnungs- 
bedürfnis zeigen, von selbst wieder in die führende Mutterrolle gedrängt. 
Da sie aber an der Seite des Urvaters sich stark mit diesem identifiziert 
hat, ist sie nun nicht mehr die schützende und dienende Mutter, sondern 



1) H. v. Wlislocki: op. cit. : Die blaue Blume des Glücks. 

a) Auch die in der Romantik eine so große Rolle spielende „blaue Blume" ist 
vor allem ein Muttersymbol. 

5; G. Röheim: Nach dem Tode des Urvaters. Imago IX, 1. 






-4, Dr. Gustav Hans Graber 



das anspruchsvolle, verruchte Mannweib, das sich des Penis versichert und 
ihn sich einverleibt. 1 

Eine transsylvanische Zigeunersage 2 berichtet von einer Königstochter, 
daß sie nur denjenigen zum Gatten nimmt, der sich so vor ihr verstecken 
kann, daß sie ihn nicht zu finden vermag. Viele Männer haben sich 
bereits um die Jungfrau beworben, aber sie fand sie alle, ließ sie ent- 
mannen und zersägen. Jeden abgeschnittenen Phallus aber hängt sie an 
einen hohen Turm, den sie, bevor sie stirbt, ganz behängen will. Einem 
armen Knecht, der sich ebenfalls um die Königstochter bewirbt, graben 
die Ameisen eine Höhle, die bis unter den Sitz der Königstochter führt. 
Der junge Mann schlüpft hinein und setzt sich unter sie. Sie findet ihn 
nicht, wirft den Spiegel fort und ruft: „Wo bist du?" Da sticht sie der 
Knecht mit einer Nadel und ruft: „Hier!" Und sie feiern Hochzeit. 

Auch hier ist es endlich der Sohn, der das Mannweib besiegt, und zwar 
der Sohn, der durch die „Höhle" in den Leib der Königstochter zurück- 
gekehrt, aus ihm geboren wird. 

Sonderbarerweise aber finden wir auch Sagen, in denen uns berichtet 
wird, daß das Weib durch das Aufessen des Penis den Mann aus einer 
mißgeborenen Gestalt erlöst. 

In dem Märchen „Das Ziegenkind"' wird ein Ziegenbock, den eine 
Frau geboren, dadurch zum Manne, daß ein Mädchen ihm seinen Schwanz* 
(Penis) abschneidet und ihn verzehrt. So ist sie imstande, dem Bock sein 
Fell abzuziehen und es zu verbrennen, worauf dieser sich in einen schönen 
Mann verwandelt, mit dem die Erlöserin Hochzeit feiert. 

In einem anderen Märchen 5 nimmt ein Mann, der als Schlange ver- 
zaubert ist, erst dann wieder natürliche Gestalt an, als ein Mädchen die 
Schlange küßt, mit ihr im Bette schläft und die neun Schlangenkinder, 
die sie gebiert, selber aufißt. Die Schlange ist als Fhallussymbol ge- 
nügend bekannt. Wie sollen wir die Erlösung des Mannes durch das 
Verschlingen des Penis verstehen? In erster Linie handelt es sich 
für das Weib um Bemächtigung und Vernichtung des Mannes, ver- 
bunden mit gleichzeitiger Identifikation mit ihm. Das Aufessen des Penis 



1) Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen Ge- 
sellschaft. Image- X, 2/3. 

a) H. v. Wlislocki: op. cit. : Der Spiegel, der alles sieht. 

3) H. v. Wlislocki: op. cit.: Das Ziegenkind. 

4) Im Originale = kdr (Khallus). 

5) H. v. Wlislocki: op. cit.: Die Schlange als Ehemann. 







1 



r 






Die schwarze Spinne 



35 



entspricht aber auch sowohl dem Koitus, wobei das Weib den Penis eben- 
falls in sich aufnimmt, als auch dem Verschlingen des männlichen Wesens 
überhaupt (der Penis ersetzt dabei den ganzen Mann), das hernach als 
wahrer Mann, nämlich als Sohn, geboren wird. 

Selten aber tritt in Mythen, Sagen usf., diese Muttertendenz des Mann- 
weibes klar zutage, gewöhnlich begegnen wir ihm, wie auch in Gotthelfs 
Erzählung, lediglich als einem Ungeheuer, das nach des Geliebten Leben 
lechzt. Seine Liebe ist der Tod. Liebe und Tod werden gleichbedeutend. 

Von solchen Unwesen seien nur die Medusa, die Sphinx, die böse Nixe, 
die Lore Lay, Erlkönigs Tochter, die böse Urme (die oft Krötengestalt 
annimmt), die Hexe, die Trude (Toggeli), die Mahrt, die Vampirkatze und 
aus Gotthelfs Erzählung die schwarze Spinne genannt. 

Von einigen dieser Ungeheuer, den weniger allgemein bekannten, wollen 
wir einige Beispiele ihrer verderbenbringenden Umtriebe uns vergegen- 
wärtigen. Sie werden das Vorspiel zum Drama der schwarzen Spinne bilden. 
Vorausschicken müssen wir, daß diese weiblichen Ungeheuer gewiß nicht 
bloß als Ausgeburten und Verkörperungen des Mannweibes betrachtet 
werden können, sondern, daß hier meist eine Verschmelzung des Mann- 
weibcharakters mit der negativen Seite des Charakters der Urmutter (Fressen 
des Kindes) vorliegt. In jedem einzelnen Falle eine genaue Scheidung zu 
treffen, dürfte allerdings schwer fallen. 

Die böse Urme (transsylvanisch) tritt als giftige Kröte auf, oder aber als 
häßliches Weib, das einen Drachen als Sohn oder als Bruder besitzt. 
Hex engeschichten sind ziemlich allgemein bekannt, erwähnt sei immerhin, 
daß die Hexen gelegentlich auch in Gestalt von Katzen (Vampire) er- 
scheinen. 

Eine hessische Sage' berichtet von einem Bauern, bei dem jeder Knecht 
nach der dritten Nacht, die er im Hause verbringt, tot in seiner Kammer 
liegt. Ein neuer Knecht tritt ein. Er wacht des Nachts. Zwei Katzen er- 
scheinen. Er schneidet der einen die Pfote und der andern die Kralle ab 
(Kastration). Am andern Morgen fehlt des Bauern Frau die Hand und 
seiner Schwester die Finger. Beide werden als Hexen verbrannt. 

Die Trude, auch Alptraum, Alpdruck, in der Schweiz meist Toggeli, 2 
genannt, ist in der Sage fast immer ein Mädchen (Weib), das ihren Ge- 
liebten (Mann) allnächtlich aufsucht und quält. 

1) J. W. Wolf: Hessische Sagen, 1853. Zit. nach S. Rütgers, op. cit. 

2) Siehe auch H. Zul liger: Zur Psychologie der Trauer- und Bestattungs- 
gebräuche. Imago X, 2/5. 



56 



Dr. Gustav Hans Graber 






In Hirschhorn (Hessen) wurde ein junger Mann jede Nacht vom Alp 
gequält. Schließlich fing die Mutter letzteren in ein Tuch, sperrte ihn in 
eine Kommode ein und ließ den Schlüssel stecken. Der Sohn war erlöst. 
In Erbach aber starb zur selben Stunde ein Mädchen. Als man es eben 
begraben wollte, zog der junge Mann in Hirschhorn den Schlüssel der 
Kommode weg, ein weißes Mäuschen schlüpft heraus und fahrt bald darauf 
in den Mund der Toten, die wieder aufwacht.' 

Nach einer norddeutschen Sage 2 reitet ein Mahrt (Trude) einen Knecht. 
Des letzteren Kamerad steht ihm schließlich bei und verstopft eines Nachts 
ein Astloch in der Türe, während der andere den Mahrt in Gestalt eines 
Strohhalms gefangen hält. Am Morgen ist aus dem Strohalm ein schönes 
Mädchen geworden, das der Knecht heiratet. Einmal aber verrät er seiner 
Frau, zu welchem Loche sie hereingekommen, und sofort verschwindet 
diese wieder. 

Junge Truden werden im Alter Hexen, die dann auch als Katzen auf- 
treten. Nach einem japanischen Märchen 5 tötet die Vampirkatze die Geliebte 
eines Prinzen, nimmt deren Gestalt an, begibt sich des Nachts zu ihm 
und saugt ihm das Blut aus. 

Diese Weiberungeheuer spielen, wie wir sehen werden, überall unge- 
fähr dieselbe Rolle wie Christine — das Mannweib in der schwarzen 
Spinne — nach der Verdrängung ihres Liebesaktes mit dem Teufel. Der 
erotische Trieb (Lebenstrieb) kehrt sich ihnen in sein Gegenteil und wird 
zum Todestrieb. Sie selber aber, die den Liebestrieb verleugnen, werden, 
da ihnen nun keine libidinöse Objektbesetzung des Mannes mehr möglich 
ist, zu seiner Würgerin. Wenigstens im Tode will sie ihn besitzen. Die 
Verdrängung der eigenen weiblichen Erotik und das damit gesteigerte 
Begehren nach des Mannes Eigenschaften äußern sich nunmehr aggressiv 
in der Bemächtigungsgier. Das Weib will nun, um einmal mit Alfred 
Adler zu sprechen, oben sein, es will herrschen. 

Überall, wo wir die Weiberherrschaft in der geschichtlichen Überliefe- 
rung auftreten sehen, ist sie eine Reaktionserscheinung auf eine Phratrie. 
Das Mannweib, als Führerin, schiebt sich nach Beata Rank „jedesmal 
zwischen das alte Vaterrecht und die neue Sohnesherrschaft ein". 4 Wir 
werden sehen, wie gerade dieser Satz mit unserer Erzählung eine weitest- 



j) Nach J. W. Wolf: op. cit. 

2) Kahn und Schwan: Norddeutsche Sagen, 1848. 

3) H. Kunike: Am Ufer des Silberstroms. 1924: Die VampirknUc. 

4) Beata Rank: op. cit. 



Die schwarz« Spinne 



57 



gehende Bestätigung erfährt. Wie in der Nibelungensage der Brunhilde, 
so wird dem herrschsüchtigen Weibe immer wieder der Gürtel der Macht 
durch den Sohn geraubt. Er macht sie mit dem Sexualakte wieder zum 
reinen Weibe und befreit sie von der drückenden Last des angestammten 
Vaterideals, unterwirft sie aber gleicherzeit einer neuen Vaterherrschaft, 
gegen deren Aufkommen das Weib sich wehrt, die sie aber gleichzeitig 
auch begehrt. 



Der Teufelspakt 



Nach dieser allgemeinen Orientierung wollen wir uns nun zunächst den 
ersten Teil der dritten Episode, die die Herrschaft des Mannweibes 
schildert, vergegenwärtigen. Den zweiten Teil müssen wir gesondert be- 
handeln, da er mit dem Spinnenmotiv das Hauptinteresse dieser Analyse 
auf sich zieht. 

Wir sahen die ganze Talschaft unter der Knechtschaft des Hans von 
Stoffeln jammern und an der Aufgabe, die er ihr stellt, verzweifeln, „Ein 
einziges Weib schrie nicht den andern gleich. Das war ein grausam handlich 
Weib . . . Es hatte wilde, schwarze Augen und ßirchtete sich nicht viel vor 
Gott und Menschen. Böse war es schon geworden, daß die Männer dem Ritter 
nicht rundweg das Begehren abgeschlagen; wenn es dabei gewesen, es hätte 
ihm es sagen wollen, sagte es. Als sie vom Grünen hörte und seinem Antrage, 
und wie die Männer davongestoben, da ward sie erst recht böse und schalt 
die Männer über ihre Feigheit, und daß sie dem Grünen nicht kecker ins 
Gesicht gesehen . . . Sie ergrimmte in der Seele, daß sie nicht dabei gewesen, 
und wäre es nur, damit sie einmal den Teufel gesehen und auch wüßte, was 
er für ein Aussehen hätte. Darum weinte dieses Weib nicht, sondern redete 
in seinem Grimme harte Worte gegen den eigenen Mann und gegen alle 
anderen Männer." Diese wußten keinen Rat und versuchten dem Ritter 
Gehorsam zu leisten . . . „Unter rastloser Arbeit keuchten die Armen . . . 
Der von Stoffeln schalt und fluchte" Es gelang nicht eine einzige Buche 
auf den Berg zu schaffen. Eine ,Jurchterliche Mutlosigkeit erfaßte" die 
Männer, und bald war alle Kraft erschöpft. Die Männer setzten sich eines 
Nachts trostlos an den Wegrand. Da kam Christine, die Lindauerin, das 



58 Dr. Gustav Hans Graber 



furchtlose Mannweib. „Sie war nicht von den Weibern, die froh sind, daheim 
zu sein, in der Stille ihre Geschäfte zu beschicken, und die sich um nichts 
kümmern als um Haus und Kind. Christine wollte wissen, ivas ging, und wo 
sie ihren Rat nicht dazu geben konnte, da ginge es schlecht, so meinte sie . . . 
bittere Worte ließ sie fallen." Sie brachte Nahrung. Die Männer verweigerten 
sie. Ein Knecht erzählte von ihrem Elend. „Da schalt die Lindauerin, daß 
das eitel Einbildung wäre und die Männer nichts als Kindbetterinnen; mit 
Schaffen und Weinen, mit Hocken und Heulen werde man keine Buchen auf 
Bärhegen bringen. Ihnen würde nur ihr Recht widerfahren, wenn der Ritter 
seinen Mutwillen an ihnen ausließe . . ■ mit grinseruiem Gesicht erschien 
plötzlich der Teufel. „Da hob der Schreck die Männer von dannen, sie stoben 
die Halde auf wie Spreu im Wirbelwinde.' Christine „blieb stehen wie gebannt, 
mußte schauen die rote Feder am Barett t und wie das rote Rärtchen lustig auf- 
und niederging im schwarzen Gesichte . . . gegen Christine machte er ein zärtlich 
Gesicht und faßte mit höflicher Gebärde ihre Hand . . . es war ihr, als zische 
Fleisch zwischen glühenden Zangen. Und schöne Worte, begann er zu reden, 
und zu den Worten zwitzerte lüstern sein rot Bärtchen auf und ab. So ein 
schön Weibchen habe er lange nicht gesehen, sagte er, das Herz lache ihm 
im Leibe; zudem habe er sie gerne mutig, und gerade die seien ihm die 
liebsten, welche stehen bleiben dürften, wenn die Männer davon liefen. Wie er 
so redete, kam Christine der Grüne immer weniger schreckhaft vor.' 1 Sie 
dachte: „Mit dem ließe sich etwas machen, und wenn man recht mit ihm zu 
reden wüßte, so täte er einem wohl einen Gefallen, oder am Ende könnte 
man ihn übertölpeln wie die andern Männer auch." Sie sah aber bald ein, 
daß er der einzige war, der nicht zu betrügen. Das nächste Kind, welches 
im Tale geboren wurde, forderte er ungetauft als Lohn. „Der Grüne klopfte 
Christine holdselig auf die Wange. Da klopfte doch ihr Herz, sie häute lieber 
die Männer hineingestoßen, um hintendrein sie schuld geben zu können. Aber . . . 
kein Mann war da als Sürulenbock, und der Glaube verließ sie nicht, daß sie 
listiger als der Grüne sei." Sie sagte dem Teufel zu. Es folgte die Besiege- 
lung des Paktes. Der Grüne sagte: „Von hübschen Weibern begehre er ni e 
eine Unterschrift, mit einem Kuß sei er zufrieden. Somit spitzte er seinen 
Mund gegen Christines Gesicht, und Christine konnte nicht fliehen, war 
wiederum wie gebannt, steif und starr. Da berührte der spitzige Mund Chri- 
stines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch 
Mark und Bein fahre . . . und Christine stund wie versteinert . . . Endlich war 
sie ihrer Glieder wieder mächtig, aber im Gemüte brauste und sauste es ihr" t 
und sie ward „der eigenen Gedanken sich nicht bewußt im Tosen, das 



Die schwarze Spinne 



59 






donnerte in ihrem Gemüte . . . und immer glühender ßihlte sie ein Brennen 
ah ihrer Wange, da wo des Grünen Mund sie berührt; sie rieb, sie wusch, 
aber der Brand nahm nicht ab. 

Christine eilte heim, fand die Männer in vermehrtem Jammer, weil 
sie fürchteten, Christine, die allein zu helfen wüßte, sei verloren. Sie 
„warf den Männern Vire übereilte Flucht vor . . , und wenn sie nicht besser 
gesinnet wäre als alle, und wenn sie nicht mehr Mut als alle hätte, so wäre 
noch jetzt weder Trost noch Ausweg da . . . Als endlich die ganze Versamm- 
lung vor Christine wie auf den Knien lag mit Bitten und Flehen . . . da 
schien Christine zu erweichen und begann zu erzählen . . . aber von dem Kusse 
sagte sie nichts". Ein altehrwürdig Weib warnte vor dem Pakt. Aber es 
wurde nach dem Rat Christines gehandelt. Nun schafften die Bauern die 
Buchen bis an den Fuß des Berges, und der Teufel brachte sie des Nachts 
hinauf und pflanzte sie beim Schlosse. „Den Bauren wohlete es mit jeder 
Buche, welche oben war, denn mit jeder Buche wuchs die Hoffnung, dem 
Herrn zu genügen, den Grünen zu betrügen." . . . Als die hundert Buchen 
oben standen, „da stieg der Jubel hoch in ihren (Bauern) Herzen, und viel 
Spott gegen den Grünen und gegen die Ritter floß". Dem Hans von Stoffeln 
„aber ward es graulicht, und er ließ ihnen sagen, sie sollten machen, daß sie 
heimkämen. Gerne hätte er ihnen sagen lassen, sie sollten den ganzen Schatten- 
gang wieder wegschaffen" ... Er fürchtete sich . . . „da schwollen die Herzen 
noch trotziger auf; die wilde Jugend tanzte im Schattengange, wildes Jodeln 
hallte von Kluft zu Kluft" . . . 

Groß war der Jammer eines jungen Weibes, das in der nächsten Zeit 
ein Kind gebären sollte. Aber der Priester zog um das Haus der Gebärenden 
„den heiligen Bann mit geweUitem Wasser, den böse Geister nicht überschreiten 
dürfen . . . Christine . . . war bei der plötzlichen Taufe zu Gevatter gestanden 
mit frechem Herzen'". Als man aber das Kind taufte, „da war es ihr, als 
drücke man ihr plötzlich ein feurig Eisen auf die Stelle, wo sie des Grünen 
Kuß empfangen . . . immer häufiger fu/ir sie mit der Hand nach dem bren- 
nend Fleck . . . unmerklich wuchs der kleine Punkt . . . und immer und immer 
mußte sie denken, daß auf dem gleichen Fleck der Grüne sie geküßt, und 
daß die gleiche Glut, die damals wie ein Blitz durch ihr Gebein gefahren, 
jetzt bleibend in demselben brenne und zehre . . . und der schwarze Punkt 
ward größer und schwärzer, einzelne dunkle Streifen liefen von ihm aus, und 
nach dem Munde hin schien sich auf dem runden Flecke ein Höcker zu 
pflanzen" . Christine „war von Natur ein vermessen Weib, jetzt aber erwildet in 
wütendem Schmerze. 




" 



4,0 Dr. Gustav Hans Graber 



Da geschah es, daß wiederum ein Weib ein Kind erwartete . . . Je näher 
der Tag der Geburt kam, desto schrecklicher ward der Brand auf ihrer 
(Christine) Wange, desto mächtiger dehnte der schwarze Punkt sich aus, deut- 
liche Beine streckte er von sich aus, kurze Haare trieb er empor, glänzende 
Punkte und Streifen erschienen auf seinem Rücken, und zum Kopfe ward der 
Höcker, und glänzend und giftig blitzte es aus demselben wie aus zwei Augen 
hervor. Laut auf schrien alle, wenn sie die giftige Kreuzspinne sahen auf 
Christines Gesicht . . . sie fühlte wohl: Der Teufel mahne sie an das verheißene 
Kind, und um das Opfer den Leuten einzureden mit unumwundenen Worten, 
fuhr sie ihnen nach in Höllenangst . . . Mit wütender Rede setzte sie dem 
eigenen Manne zu . 

Der Schmerz hörte nicht auf, „jedes Bein war ein Höllenbrand, der Spinne 
Leib die Hölle selbst, und als des Weibes erwartete Stunde kam, da war es 
Christine, als umwalle sie ein Feuermeer, als wühlten feurige Messer in ihrem 
Mark, als fuhren feurige Wirbelwinde durch ihr Gehirn. Die Spinne aber 
schwoll an, bäumte sich auf, und zwischen den kurzen Borsten hervor quollen 
giftig ihre Augen". Christine versucht das neugeborne Kind zu rauben, 
aber „starke Männer wehrten es". Das Kind wurde getauft. „Draußen aber 
lag Christine vor entsetzlicher Pein zu Boden geworfen, und in ihrem Gesichte 
begannen Wehen zu kreisen, wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erden, 
und die Spinne im Gesichte schwoll immer höher auf und brannte immer 
glühender durch ihr Gebein. 

Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende 
Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gratnselten über 
das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihr lebendig würde 
und glühend gramsle über den ganzen Leib weg. Da sah sie in des Blitzes 
fahlem Scheine, langbeinig, giftig, unzählbar, schwarze Spinnchen laufen über 
ihre Glieder, hinaus in die Nacht, und den Entschwundenen liefen langbeinig, 
giftig, unzählbar, andere nach. Endlich sah sie keine mehr den früheren folgen, 
der Brand im Gesichte legte sich, die Spinne ließ sich nieder, ward zum fast 
unsichtbaren Punkte wieder, schaute mit erlöschenden Augen ihrer Höllenbrut 
nach, die sie geboren hatte und ausgesandt, zum Zeichen, wie der Grüne 
mit sich spaßen lasse. 

Matt, einer Wöchnerin gleich, schlich Christine nach Hause ... der Grüne 
ließ ihr keine Ruhe mehr. 1 * Überall im Tal streckte der Tod das Vieh, auf 
dem es von zahllosen schwarzen Spinnen wimmelte. „Und alle diese Spinnen 
sahen der Spinne auf Christines Gesicht ähnlich wie Kinder der Mutter, und 
solche hatte man noch keine gesehen . . . und in immer höherem Zorne ver- 



^ 






Die schwarze Spinne ai 



nahm der von Stoffeln, wie Herde um Herde verloren gegangen." Die geäng- 
steten Bauern versammelten sich in einer einsamen Scheuer „und Christine 
mußte kommen und klaren Bescheid geben . . . Christine kam, verwildert, rache- 
durstig, aufs neue von der wachsenden Spinne gefoltert. 

Als sie das Zagen der Männer sah und keine Weiber, da erzählte sie 
punktum, was ihr begegnet . . . und die Herzen der Männer bebten . . . Nach 
und nach kamen aus den angstgepreßten Kehlen abgebrochene Laute hervor, 
und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade, was Christine meinte." 
Ein drittes Weib erwartete bald ein Kind. Sie berieten, „wie sie des Kindes 
sicher und sonder Fehl sich bemächtigen könnten". Christine gewann den 
Mann der Gebärenden für den Plan. Er wollte auf dem Wege zum 
Priester sich säumen. Das Weib gebiert, und Christine raubt das Kind. 
„Zagen und Grauen ergriff die Männer, als Christine mit dem geraubten 
Kinde herauskam . . . aber keiner hatte Mut, die Tat zu hemmen, und die 
Furcht vor des Teufels Plagen war stärker als die Furcht vor Gott." 
Christine war es, „als ob die Spinne in sanftem Jucken ihr liebkose". Die 
Räuberin eilte mit dem Kinde in jene Wegbiegung, wo sie den Pakt mit 
dem Teufel geschlossen, um diesem das ungetaufte Wesen zu übergeben. 
Doch auch der Priester war dahin gelangt. Er „drang zwischen den Grünen 
und Christine, die eben das Kindlein in des andern Arme legen wollte, mitten 
hinein, schmetterte zwischen sie dio-^jj-ei höchsten heiligen Namen, hält das 
Heiligste dem Granen ans Gesicht, sprengt heiliges Wasser über das Kind und 
■grifft Christine zugleich. Da fährt mit fürchterlichem Wehgeheul der Grüne 

von dannen . . . 

2 

Die überaus charakteristische Darstellung des Mannweibes in der Person 
der Christine zeigt uns diese vorerst als die wilde Amazone, die alle Männer 
„übertölpelt" und sie in ihrer Hilflosigkeit und ihrem Jammer „Kind- 
betterinnen" schilt. Sie macht damit eine direkte Anspielung auf die Couvade. 
Christine allein hält dem Teufel, dem Empörersohn, stand, mißt sich mit 
ihm und hofft ihn zu übertölpeln wie die andern Männer auch. Dieser 
aber überwältigt sie, indem er ihre durch Identifikation mit dem mächtigen 
Manne (Vater) erworbene Männlichkeit beseitigt, die Verdrängung aufhebt 
und das Weib wieder zum Weibe und zur Mutter macht. 

Wie in Märchen, so vertritt auch in unserer Erzählung der Kuß, in 
Verlegung nach oben, den Koitus. Christine „blieb wie gebannt stehen, mußte 
schauen die rote Feder am Barett, und wie das rote Bärtchen lustig auf- und 
niederging im schwarzen Gesicht". Zu des Verführers schönen Worten 






4 2 



Dr. Gustav Hans Graber 



„zwitzerte lüstern sein rot Bärtcken auf und ab". Wir erkennen darin un- 
zweideutig das Penissymbol. 

Christine erliegt der Kraft des erigierten Penis. Sie geht den Pakt mit dem 
Teufel ein und will ihm das ungetaufte Kind schaffen, d. h. sie will sich 
dem Verführer hingeben und will ihm ein Kind gebären, hofft aber, ihn 
betrügen zu können und ihm das Kind vorzuenthalten. Sie ist bereit, den 
Teufel (Empörersohn) in seinem Vorhaben gegen den Ritter (Urvater) zu 
unterstützen, aber sie will den Mann, dem sie erlegen, nicht als neuen 
Beherrscher und Vater über sich wissen. Sie will ihre erworbene Autorität 
nicht abtreten. Die Schilderung der Besiegelung des Paktes durch den 
Kuß zeigt uns an Christine typische Symptome des Weibes, mit denen es 
auf den Koitus gelegentlich reagiert. Der Leib Christinens wird steif und 
starr, so daß sie wie versteinert dasteht und ihrer Glieder nicht mächtig 
ist. Bei hysterischen Frauen begegnen wir manchmal diesem Steifwerden 
des Leibes als einer Abwehr gegen den Sexualakt. In der Umkehrung 
aber ist das Steifwerden des Leibes auch ein Begehren des Liebesaktes, 
und zwar äußert sich hier wieder die Identifikation mit dem Manne 
und dessen erigiertem Gliede. Das Symptom zeigt wie immer seinen Ambi- 
valenzcharakter. Auch die beim Koitus häufig eintretende Auflösung der 
hemmenden Ich-Instanzen zeigt sich bei Christine in einem der Amnesie 
ähnlichen Zustande. Sie ist sich der eigenen Gedanken im Tosen, das in 
ihrem Gemüte donnert, nicht mehr bewußt. Mit Anspielungen auf Vor- 
gänge in der Natur, macht uns Gotthelf noch deutlicher, daß Christine 
mit dem Teufel Hochzeit gefeiert. „In Lüften und Klüften heulte und 
toste es, als ob die Geister der Nacht Hochzeit hielten . . . die Blitze die 
Hochzeitfackeln wären und der Donner der Hochzeitreigen." Christine aber 
ist sich selbst untreu geworden. Sie ist besiegt. Sühnegedanken und ein 
neuer mächtiger Verdrängungsschub setzen bei ihr ein. Sie rieb, sie wusch 
(Waschzwang) die Stelle, wo des Grünen Mund sie berührt. Aber noch- 
mals triumphiert sie über die Männer, erzählt auf deren Bitten vom ab- 
geschlossenen Pakt, „aber vom Kusse sagte sie nichts". Sie verleugnet ihre 
Weiblichkeit. Die Männer fügen sich. Wieder ist es ein Weib, „altehr- 
würdig . . . hochgestaltet und mit einem Gesichte, vor dem man sonst sich 
beugen, oder vor ihm fliehen mußte", das die Führerrolle übernimmt und 
vor dem Pakt warnt. 

Das Pflanzen der Buchen können wir als symbolischen Akt für das 
Kinderzeugen deuten, d. h. für die Wiedergeburt. Der Empörersohn (Teufel) 
rückt damit in die Stellung des Vaters. Das zeigt sich auch darin, daß die 



Die schwarze Spinne 45 



Furcht der Männer vor des Teufels Plagen größer wird, als die Furcht 
vor dem Ritter (Urvater) und Gott. Wie die Buchen, so sind auch die 
vielen kleinen Spinnen symbolisch des Teufels Kinder. Der Urvaterfigur, 
dem Ritter, aber „ward es graulicht, und er ließ ihnen (Leuten) sagen, sie 
sollten machen, daß sie heinikämen. Gerne hätte er ihnen sagen lassen, sie 
sollten den ganzen Schattengang wieder wegschaffen" . Er fürchtet sich bereits. 
Seine Macht ist gebrochen. Das Volk jubelt, „und viel Spott gegen den 
Grünen und gegen die Ritter floß". Die Empörung hat nun auch die Masse 
ergriffen : „Da schwollen die Herzen noch trotziger auf . . . wildes Jodeln 
hallte von Kluft zu Kluft." Der Ritter übt von diesem Zeitpunkt an wirklich 
keine Gewalt mehr über das Volk aus, dagegen erwächst letzterem in der 
Gestalt des Teufels eine neue Vaterfigur. Solange der Teufel sich nur in 
der Rolle als Empörersohn zeigte, identifizierten sie sich mit ihm und 
verrichteten gemeinschaftlich das Werk, das dem Ritter zum Verhängnis 
werden sollte. Nun aber er selber nach der Vaterschaft strebt, suchen sie 
ihm diese mit allen Mitteln vorzuenthalten. Christine, die ihr Sexual- 
erlebnis verdrängt, und die sich ihre Sonderstellung als männliche Führerin 
wahren will, unterstützt sie. Zweimal gelingt es, neugeborne Kinder zu 
taufen, sie so dem deifizierten Urvater in einem nachträglichen Gehorsam 
darbringend, und den Teufel zu prellen. 

Bereits aber zeigen sich die Folgen des Liebesaktes mit dem Teufel. 
An der Stelle, wo das Weib den Kuß erhielt, regt sich das Kind in der 
Gestalt einer Spinne und verursacht Höllenschmerzen. Die Erotik Chri- 
stinens, der im Verhältnis zum Teufel in jener Hochzeilnacht ein Abfluß 
gewährt wurde, ist von neuem verdrängt und findet nur noch einen 
Ausweg im Krankheitssymptom (Höcker = Spinne). In Märchen und Sagen 
finden wir oft diese symbolische Darstellung des Symptoms, indem dort, 
wo das Weib den Geschlechtsverkehr verleugnet, es zur Strafe Unwesen 
gebiert. 

So hat in dem Märchen „Der arme Hirt"' eine böse Urme, „die nur 
ein Mann imstande ist zu besiegen" (es ist das mit dem Urvater sich 
identifizierende Mannweib), einen Drachen als Sohn. Ein Jüngling besiegt 
ihn, indem er ihm die Haare abscheren (Entmannung) kann, so daß der 
Drache Blut schwitzt. Das Märchen zeigt im Zusammenhang mit Wieder- 
geburtssymbolen die geschilderte Verbindung des Sohnes mit der Mutter. 
Der Jüngling muß sich in einen Brunnen mit siedendem Wasser (Mutter- 



1) H. v. Wlislocki: op. cit. 



■ 



44 



Dr. Gustav Hans Graber 



> 



leib) werfen, um einen Ring zu holen, kommt aber heil wieder herauf 
(Wiedergeburt). Die böse Urme ruft erfreut: „Du bist wert, mein Mann 
zu werden! Ich will mich nun wieder in ein so schönes Weib verwandeln, 
wie es kein schöneres auf Erden gibt (Aufhebung der Verdrängung). Doch 
mußt du mich mit diesem Messer zerstückeln (Kastration des vom Vater 
übernommenen Gliedes) und die Stücke meines Leibes in diesem Kessel 
kochen. Dann steige ich als das schönste Weib aus dem Kessel hervor" 
{Wiedergeburt) . 

Eigentlich ist das geborne Untier nicht bloß die während starker Ver- 
drängung von seiten der Mutter gewachsene Frucht, sondern es ist zu- 
gleich das Kind, das bereits unter gehemmten Trieben und anormalen 
Umständen gezeugt wurde. Es ist das Kind, entsprossen aus der Perversion. 
Christine, die vom Teufel auf die Wange geküßt wird, gebiert Spinnen. 

Unter Wehen, „wie sie noch keine Wöchnerin erfahren auf Erden" ge- 
biert Christine an der Wange giftige, unzählbare „schwarze Spinnchen", 1 
die nun, weil aus der Verdrängung geboren, nicht neue Vertreter des 
Lebenstriebes sind, sondern Todesboten, denen das Vieh anheimfällt. Noch 
immer stehen die Männer unter der Herrschaft Christinens, die nun un- 
umwunden ihren Liebesverkehr mit dem Empörersohn (Teufel) zugibt und 
bereit ist, in ihm den neuen Vater zu erheben. „Die Männer bebten" . . . 
und unterwarfen sich der verruchten Führerin. So wie diese sich aber dem 
stärkeren Sohne fügt, erkennt auch die Masse ihn als Bezwinger an. Die 
Bauern wollen dem Weibe und dem Teufel zum nächsten Kinde verhelfen. 
Christine gewinnt sogar den zukünftigen Vater für den Plan. Sie raubt 
das Kind und will ihren Tribut zahlen, da aber tritt der Priester, als 
Vertreter des erhöhten Urvaters (Gott), dazwischen. Keiner Sohnfigur ist 
gestattet, die ursprüngliche Macht des Urvaters wieder an sich zu reißen. 
Der Teufel muß fliehen, das Weib aber, das die Ursache zu dieser Ver- 
führung und Empörung gewesen, erleidet eine endgültige Verdrängung und 
wandelt sich zum todbringenden Ungeheuer, zur schwarzen Spinne. 



1) Es sei hier auf die vorzügliche Ausgabe der schwarzen Spinne von H. Bio seh 
(Verlag Eugen Rentsch, 1912I hingewiesen, zu der dos Manuskript Golthelfs als 
Druckvorlage benützt wurde. Während alle anderen Ausgaben „Spinnen" drucken, 
so steht nun hier wie im Manuskript „Spinnchen". Der Kindcharakter dieser Spinn- 
chen wird so gegenüber der später auftretenden schwarzen Spinne deutlich. 



. 



Die schwarze Spinne 45 



II 

Die schwarze Spinne 

Christine, das Mannweib, das seine weibliche Erotik verdrängt hatte, 
war durch das aus dieser Verdrängung erwachsene Krankheitssymptom und 
die Qual der damit verbundenen Leiden gezwungen worden, sich wieder 
ihrer ursprünglichen mütterlichen Linie zu nähern, offen ihren Verkehr 
(Kuß — Koitus) mit dem Teufel zuzugeben und ihm das versprochene 
(empfangene) Kind zu übergeben. Nun aber erwächst dem Weibe aus der 
Macht, die nach dem Bilde des männlichen Ich-Ideals geschaffen wurde, 
der Feind. Der Stellvertreter des Vater-Gottes, der Priester, gibt nicht zu, 
daß der Sohn (Teufel) ebenfalls Vaterrolle einnehme. Der alte Konflikt 
der Urvaterhorde dauert so eigentlich wenig eingeschränkt fort. Gott fordert 
gleiche Rechte, wie sie der Urvater besessen hatte, und er straft das ab- 
trünnige Weib, das zwecks seines Sturzes mit dem Sohne verkehrt und 
sich diesem als Weib hingibt. So wie die Frucht, die aus dem Teufels- 
verkehr entsproßt, eine Brut von Unwesen ist, so wird die Mutter selbst 
nun zum gleichen todbringenden Ungeheuer . . . zur schwarzen Spinne. 
Der Hüter des väterlich-göttlichen Ideals bewirkt im Weibe eine endgültige 
Verdrängung und Stauung der zur jungen kräftigen Potenz des Sohnes 
hintreibenden Libidoströmung. 

Der Hüter des Ideals bewirkt aber nicht nur die Verdrängung im 
Weibe, sondern er verdrängt selbst das Weib, denn das Ideal, das der Ur- 
vater noch verkörperte, vermag er nie mehr restlos in sich aufzunehmen, 
weil ein Teil seiner Kraft sich im Hüteramt verbraucht. Wollte er es aber 
versuchen, sich wieder dem Ideal entsprechend auszuleben, würde er bald, 
nicht wie man glauben sollte als der Erfüller, sondern als der Abtrünnige 
erkannt und erläge den neidischen Mächten der „besseren Hüter. Die 
Schranken aber, die er mit der Norm des Ideals zwischen sich und dem 
Weibe aufgetürmt, bewirken in diesem die Umwandlung der lebenspen- 
denden Liebestriebe in die Todestriebe. Wir sehen erneut, daß da, wo dem 
Weibe die Liebe versagt ist, dieses auf Bemächtigung des begehrten Liebes- 
objektes, sei es durch Identifikation, oder wie früher auf der oralen Stufe, 
auf dessen Vernichtung, sinnt. Das Weib, an das der Mann durch seinen 
Sexualtrieb gebunden ist, und das für ihn eine Verkörperung der erotischen 
Triebe bildet, wird zum todbringenden Untier. Die Liebe, dieser gesteigerte 
Ausdruck des Willens zum Leben, führt zum Tod. 



'' TIT 



46 Dr. Gustav Hans Graber 

Vergegenwärtigen wir uns nun die Gotthelfsche Szene der Umwand- 
lung des Weibes in die Spinne und der letzteren Taten, um hernach an 
das Problem der Spinne selbst heranzutreten. 

Wir sahen, wie der Teufel vor des Priesters heiligen Waffen die Flucht 
ergriff. „Vom geweihten Wasser berührt, schrumpft mit entsetzlichem Zischen 
Christine zusammen, wie Wolle im Feuer, wie Kalk im Wasser, schrumpft 
zischend, flammensprühend zusammen bis auf die schwarze, hochauf geschwollene, 
grauenvolle Spinne in ihrem Gesichte, schrumpft mit dieser zusammen, zischt 
in diese hinein, und diese sitzt nun giftstrotzend, trotzig mitten auf dem Kinde, 
und sprüht aus ihren Augen zornige Blitze dem Priester entgegen . . . immer 
größer wird die Spinne, streckt immer weiter ihre schwarzen Beine über das 
Kind, glotzt immer giftiger den Priester an . . . aber unerschüttert greift er 
fest, schleudert das Ungeziefer weg, faßt das KiiuL und eilt mit ihm sonder 
Weile der Mutter zu." Er tauft es. Aber das Kind erhält schwarze Brand- 
flecken und stirbt. Der Priester eilte, von Todesschauern durchrieselt, nach 
Hause. „Da sah er Hans, den gottvergessenen Vater . . . mitten im Wege auf 
dem Rücken liegen. Hochgeschwollen und brandschwarz war sein Gesicht, und 
mitten auf demselben saß groß und schwarz und grausig die Spinne . . . sie 
tat wie die Katze, wenn sie sich rüstet zum Sprung in ihres Todfeindes Ge- 
sicht." Er „hob die heiligen Waffen 1 , aber wilde Schmerzen reißen auch 
seinen Leib zum Tode. Die schwarze Spinne suchte sich im ganzen Tale 
ihre Todesopfer . . . „und wer am vorsichtigsten niedertrat und mit den Augen 
am schärfsten spähte, der sah die Spinne plötzlich sitzend auf Hand oder Fuß, 
sie lief ihm übers Gesicht, saß schwarz und groß ihm auf der Nase, und 
glotzte ihm in die Augen, feurige Stacheln wühlten sich in sein Gebern, der 
Brand der Hölle schlug über ihm zusammen, bis der Tod ihn streckte . . 
Dem von Stoffeln machte es bange . . . daß alles Leid, welches er den Bauren 
antue, auf ihn zurückfahre". Der Schreck kehrte im Schlosse ein. „Sie 
schlössen sich ein und fühlten sich doch nicht sicher. Aber eines Tages saß 
die Spinne groß auf dem Kopfe des Ritters Hans von Stoffeln „und glotzte 
um den Rittertisch, aber der Ritter fühlte sie nicht. Da begann die Glut zu 
strömen durch Gehirn und Blut, gräßlich schrie er auf, fuhr mit der Hand 
nach dem Kopfe, aber die Spinne war nicht mehr dort, war in ihrer schreck- 
lichen Schnelle den Rittern allen über ihre Gesichter gelaufen . . ." Sie starben. 
„Das Untier ward immer boshafter . . . Flucht, Widerstand, alles war eitel . . . 
Ihren eigenen Mann hatte sie (Christine — Spinne) auf einsamer Weide an- 
gefallen, dort fand man seinen Leichnam gräßlich zugerichtet, wie keinen 
andern, seine Züge zerrissen in unaussprechlichem Schmerze; an ihm hatte sie 






Die schwarze Spinne 4,7 



ihren gräßlichsten Zorn ausgelassen, das gräßlichste Wiedersehen dem Ehemanne 
bereitet. 

Ein frommes Weib betet für ihre Kinder. „Sie hatte schon oft gehört, 
wie kundige Männer Geister eingesperrt hätten in ein Loch in Felsen oder 
Holz, welches sie mit einem Nagel zugeschlagen, und solange den Nagel 
niemand ausziehe, müsse der Geist gebannt im Loche sein . . . Sie bohrte ein 
Loch in das Bystal . . . rüstete einen Zapfen, der scharf ins Loch paßte, weihte 
ihn mit geheiligtem Wasser, legte einen Hammer zurecht ..." Als die Spinne 
eines Nachts erschien, drückte sie sie „unter tausendfachen Todesschmerzen . . 
mit der einen Hand ins bereitete Loch, mit der andern den Zapfen davor und 
schlug mit dem Hammer ihn fest. 

Drinnen sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbelwinde 
streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der Zapfen, 
gefangen blieb die Spinne". Die treue Mutter starb. „Nun war der schwarze 
Tod zu Ende." „ „ 

Wir sahen, daß verschriene und gefürchtete Mannweiber in Sagen und 
Märchen Tiere, wie Ziegenböcke, Schlangen, Hunde, Drachen, Spinnen usw. 
zur Welt bringen können. Übergehen wir die angeführte Reihe der mensch- 
geborenen Tiere, so sehen wir, daß es ausgesprochen männliche Tiere sind, 
oder doch Tiere, die als Phallussymbole bekannt sind. Das Mannweib ge- 
biert (oft selbst gezeugt) „Kinder" seiner Identifikation mit dem Manne. 
Die Spinnen bilden allerdings in dieser Reihe eine Ausnahme. Obschon, 
wie wir sahen, auch die Spinne als männliches Sexualsymbol bekannt ist, 
so ist sie doch von jeher fast ausschließlich als ein Symbol des Weibes 
dargestellt worden, und zwar des teuflischen Mannweibes, das auf Ver- 
nichtung der Männer sinnt, um deren Stelle einnehmen zu können. Aber 
in unserer Erzählung ist natürlich, daß Christine als Mutter, die sich selber 
zur Spinne wandelt. Spinnchen zur Welt bringt. 

Es ist, als ob mit der verstärkten Verdrängung des Weibes, in welcher 
es nunmehr als gefürchtetes Untier gemieden wird, die Paternität den 
Sieg erlangt habe. Jedenfalls ist die Gott -Vaterreligion gewahrt, die Ver- 
bindung des Weibes mit dem Empörersohn soweit hintertrieben, daß dieser 
sich nicht selbst zum (Gott-) Vater machen kann, da ihm der Besitz des 
Kindes unmöglich gemacht wird. Aber dieser Sieg wird teuer erkauft, 
denn er ist ein Verstoß gegen das Naturgesetz. Die Jungfrau will sich 
vom Vater lösen und will dem Jüngling das Kind gebären, will ihn zum 
Vater machen. 



L_ 






p— 















Dr. Gustav Hans Grab er 



Mannweiber, denen wegen irgendwelcher Verursachung — gewöhnlich 
ist die tiefste diejenige einer zu starken, positiven oder negativen Bindung 
an den Vater — die Entfaltung ihres Weib- und Muttercharakters nicht 
möglich ist, werden in irgendeiner Form zur Rächerin am Manne als 
dem Vertreter des Vaterrechtes. Das Mannweib identifiziert in ihrer Bindung 
an den eigenen Vater alle Männer mit diesem, begehrt sie wie ihn, muß 
sie aber, gebunden an die Inzestschranke, ablehnen, ja vernichten, um 
selbst frei zu werden. Das verdrängende und verdrängte Weib raubt dem 
Manne (Vater), der ihr das junge Leben, das Kind, vorenthält, sein eigenes 
Leben. Sie saugt es wie die Spinne und Vampirkatze in sich auf und ver- 
wirklicht so nicht nur ihren Wunsch zu empfangen, sondern nimmt den 
Vater in sich auf, um ihn als Sohn zu gebären, dem sie sich später, wie 
wir aus dem Märchen sahen, als Weib wieder hingeben kann. 

Nachdem die zur schwarzen Spinne gewordene Christine sich des Kindes 
bemächtigt hat, stürzt sie sich vornehmlich auf alle jene Männer, die das 
Vaterrecht vertreten, die sie am Mutterwerden, an der Übergabe des Kindes 
an den Teufel, verhindern wollten. So wird vorerst der Priester, der Stell- 
vertreter Gott -Vaters, ihr Opfer, dann aber auch jener Hans, der „gott- 
vergessene Vater" . Hier wird uns drastisch die Umkehr des Verhältnisses 
Mann -Weib vor Augen geführt. Die Rollen sind vertauscht. Der Mann, 
der sich über das Weib erhob, muß seine Vermessenheit büßen. Das ver- 
drängte und durch die Verdrängung krank gewordene Weib erlangt in der 
Umkehrung ihrer Liebe in Haß als Spinne eine furchtbare Macht über 
den Mann und bringt ihn zu Fall. Sie ist es nun, die sich wie eine Katze 
auf den machtlos wie ein Weib auf dem Rücken liegenden Mann stürzt. 
Der Vergleich der Spinne mit der Katze wird in Gotthelfs Erzählung öfters 
gebracht. Die Katze vertritt in Sagen, Träumen usw. ebenfalls das Weib. 
Hans von Stoffeln und die anderen Ritter kommen auch zu Fall. Die 
Spinne setzt sich ihnen auf die Köpfe. Den eigenen Mann hat sie am 
gräßlichsten zugerichtet. Davon, daß die Spinne auch die Frauen angefallen 
hätte, hören wir nichts. Ihre Rache gilt den Männern, deren Sterben 
immer dieselben Begleiterscheinungen zeigt. So wie die Opfer von der 
Spinne berührt sind, strömt es wie Feuer durch ihr Mark und Blut. Die- 
selbe Kraft der Sexualität, die früher in der Berührung mit dem Weibe 
das Blut erhitzte, die belebte, verbrennt es nun und tötet. 

Man hat von jeher die schwarze Spinne als Symbol der Pest angesehen, 
gewiß mit Recht, denn so wie Gotthelf das Sterben der Menschen, die 
schwarz werden, schildert, stimmt dies. Nun wir aber auch die tiefere 






- *r.'»- 



Die schwarze Spinne 49 



Symbolik zu durchschauen vermögen, wird uns die Spinne nicht nur zum 
Symbol einer bestimmten Krankheit, die zum Tode führt, sondern auch 
zum Symbol des Weibes als der Trägerin der Sexualität. Da aber der 
Mann Sexualität und Weib in einer Einheit, deren Teile einer für den 
anderen stehen können, erlebt und verdrängt hat, erscheint ihm nun das 
Weib in der Verdrängung als die Trägerin der Todestriebe. Ihre Berührung 
bringt den Tod. Diese Wandlung Sexualität = Tod läßt sich aber auch 
ohne den Mechanismus der Verdrängung verstehen, wenn wir uns über- 
legen, daß gerade der Sexualtrieb, der die stärkste Spannung erzeugt, mit 
der Befriedigung am weitgehendsten die Aufhebung dieser Reizspannung 
und damit den trieblosen Zustand herbeiführt und so „dem belebten organi- 
schen innewohnenden Drang zur Wiederherstellung eines anorganischen 
Seins" ' am ehesten entspricht. Hinter dem das Lustprinzip und das Es 
vertretenden Weibe steht der Tod, der mit der stärksten Entladung der 
Potentiale zum vornehmsten Diener des Lustprinzips wird. 

Das Tabu, welches das begehrte und zugleich gemiedene Weib umgibt, 
wird bei des letzteren Verwandlung in die Spinne auf diese übertragen 
und verstärkt. Die Berührung mit ihr hat nun den Tod zur Folge. Aber 
gerade die Art und Weise wie dieser Tod, der wie Feuer durch das Mark 
dringt, regelmäßig beschrieben wird, läßt uns seine tiefe Verwandtschaft 
mit der Sexualität ahnen, die ebenfalls als wie ein Feuer, das den Menschen 
zu verzehren droht, erlebt wird. Die ambivalenten Gefühlsregungen sind 
auch auf die Spinne übertragen, wenn schon scheinbar nur mehr die 
negative Einstellung zum Ausdruck kommt. 

Versuchen wir nun aus Etymologie, Sage, Aberglauben, Träumen, Kinder- 
aussagen, Dichtung usw. allgemein des Menschen Verhältnis zur Spinne 
zu beleuchten. Abgesehen davon, daß diese Aufgabe an sich sehr reizvoll 
ist, hoffen wir durch das Zusammentragen einiger beachtenswerter Beziehun- 
gen, nicht sowohl ein größeres Verständnis für den tieferen Sinn und die 
geschickte Symbolik der Gotthelfschen schwarzen Spinne zu erbringen, als 
auch einen Beitrag zur Psychoanalyse der Spinne überhaupt zu geben. 

a) Etymologisches 2 

Man mag mit Recht befürchten, daß wir uns mit der Exkursion aui 
das Gebiet der Erforschung der Sprachentwicklung auf einen Seitenweg 

1) Freud: Jenseits des Lustprinzips. 

a) Benützt wurden folgende Werke: O. Schade: Altdeutsches Wörterbuch. Halle 
1872 bis 1882. Fr. L. K. Weigand: Deutsches Wörterbuch. Gießen 1907. Fr. Kluge: 






~ 



! 



go Dr. Gustav Hans Graber 



begeben, der uns von der allgemeinen Richtung nach unserem Ziele ab- 
führt; aber schon mit den ersten Schritten, die wir unternehmen, werden 
wir zu unserer Überraschung gewahr, daß der Abweg sich durch inter- 
essantes Neuland in unserer Hauptrichtung hinzieht. 

Das Wort Spinne ist ein nur im Westgermanischen des Festlandes zu 
belegendes Verbalsubstantiv zu spinnen. Althochdeutsch: spinna; mittelhoch- 
deutsch: spinne. Dänen und Schweden haben die den Westgermanen ent- 
lehnte Bezeichnung für das Spinngerät (Spindel) auch auf das Tier über- 
tragen, wohl mit Rücksicht auf die Ähnlichkeit zwischen dem von der 
Decke sich herunterspinnenden Tier und dem zu Boden hinabschnurrenden 
Gerät (G). Die ursprüngliche Bedeutung der Spinne ist allgemein die der 
Spinnerin, und zwar entstanden durch eine Übertragung der spinnenden 
Frau auf das spinnende Tier. 

Damit haben wir bereits einen sehr alten Zusammenhang zwischen 
Spinne und Weib aufgedeckt, der z. B. in der appenzell ischen Bezeichnung 
Spinne, für ein junges Mädchen, um das ein Bursche freit, besonders her- 
vortritt. („Wenn i zur Spine goh, so goh ni im Tunkel." Tobler: Appen- 
zellischer Sprachschatz. Zürich 1837.) 

Spinnen nun ist ein gemeingermanisches Verbum mit weiterem ins 
Slawisch-Litauische reichenden Hintergrund: Althochdeutsch: spinnan, mit 
dem Stamm spann, demselben wie in spannan (tendere) zu dem spinnen in 
altem Ablautverhältnis steht. Der Stamm spann ist erweitert aus span und 
aus der Wurzel spa, die noch in spdti und spän erkennbar, und dessen 
ursprüngliche Bedeutung im verwandten griechischen OJtuü) (ziehen, saugen) 
erhalten ist. Die Grundbedeutung ist also ziehen, die durch Bildung und 
Gebrauch verschiedentlich, in sinnlicher und geistiger Richtung, modifiziert 
erscheint: Ziehen, lang ziehen, ausdehnen, straff anziehen, in 
geistiger Spannung sein, an sich ziehen, locken und verführen, 
knüpfen, heften, zusammenbinden — Bedeutungen, die auch in den 
urverwandten Worten außergermanischer Sprachen enthalten, wie litauisch: 
pinti (flechten) ; lettisch : pit (flechten) ; altslawisch : peti (fesseln) ; tschechisch : 
pnonti (spannen), spenti (anspannen); polnisch: spetaö (fesseln); lituslawischer 
Stamm: pan (geschwächt pin mit Abfall des Anlautes s); lateinisch: spes 
{spatium, Ausgedehntes); kirchenslawisch: speja; italienisches Lehnwort ist 

Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Straßburg 1899. J. und W.Grimm: 
Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1854. H. Fischer: Schwäbisches Wörterbuch. Tübin- 
gen 1904. 

Zitate aus Grimm wurden bezeichnet mit (G 










. ^ -■■ v - 



Die schwarze Spinne 



5i 



spannare (Tücher oder Netze abspannen) ; altfranzösisch : espan ; altbulgarisch : 
ptna (spannen). 

Wenn auch die Grundbedeutung der der Wurzel spa nächstverwandten 
Stämme den eindeutigen Sinn von ziehen (an sich ziehen, verbinden 
zweier Objekte zu einer Einheit) zeigt, so treffen wir doch schon den 
Gegensinn des Urwortes an, indem das Spannen sich bereits auch auf das 
Ausdehnen, das Auseinanderziehen, das Trennen, bezieht. So stehen sich 
schon im Althochdeutschen die beiden stammverwandten Wörter spanan 
(reizen, locken, antreiben) und sparman (spannen, strecken, kämpfen), sowie 
eine Anzahl späterer Ableitungen aus beiden, einander gegenüber. Es läßt 
sich aber ihre Verwandtschaft auch nach Weigand — wenn schon nicht 
überall im Germanischen streng nachweisbar — volksetymologisch mit 
Sicherheit annehmen. Die Trennung vollzog sich nach dem von Abel 
aufgestellten Gesetz 1 : „Die ursprünglich doppelsinnigen Worte legen sich 
in der späteren Sprache in je zwei einsinnige auseinander, indem jeder der 
beiden entgegengesetzten Sinne je eine lautliche .Ermäßigung' (Modifikation) 
derselben Wurzel für sich allein okkupiert." 

Wir fühlen uns verlockt, nach den Prinzipien über den sexuellen Ursprung 
der Sprache, die Urwurzel vornehmlich auf den Ausdruck einer erotischen 
Funktion, nämlich derjenigen des Saugens (Ziehen an der Mutterbrust) 
zurückzuführen, wofür viele Hinweise sprechen. Wir können aber auch 
diese Wurzel überhaupt als lautlichen Ausdruck der ursprünglichsten Form 
der Objektbezogenheit Mutter — Kind, nach dessen Muster die meisten 
übrigen gebildet wurden, ansehen. Es wird uns freilich nicht gelingen, den 
vollen Nachweis für diese unsere Annahme zu erbringen, aber einige Hin- 
weise werden uns doch einen kleinen Einblick in Ursprung, Bedeutungs- 
wandel und die immer neu sich knüpfende Verwandtschaft der angeführten 
Stämme gewähren und werden uns zeigen, daß der Zusammenhang von 
Spinne und Weib auch im Sprachlichen einen Ausdruck gefunden hat. 

Im Althochdeutschen weist das von spanan abgeleitete spunni (Mutterbrust, 
auch Muttermilch, mittelhochdeutsch: spänne, auch spüne) auf diese Ur- 
beziehung hin; ferner altnordisch: speni (Brustwarze oder Zitze). Aus der- 
selben Wurzel wurden, wie wir sehen werden, Bezeichnungen für das 
Objekt, das mit einem andern im Spannungsverhältnis steht, sowie für 
die Funktion des Anziehens, Verbindens und deren Gegensinn des Abstoßens, 
Trennens, gebildet. 

1) K. Abel: Über den Gegensinn der Urworte. 1884. Zitiert bei Freuds gleich- 
namiger Abhandlung, Jahrb. für PsA, II. Bd. S. 179 (Ges. Schriften, Bd. X). 






g 2 Dr. Gustav Hans Graber 



Nennen wir nun einige neuhochdeutsche Wortbildungen, die diesen 
Stamm beibehalten, aber meist eine oder mehrere Bedeutungswandlungen 
durchgemacht haben: Span (Mutterbrust); Span (Genosse, Gefährte, statt 
Gespan, synonym mit Gespün, das im Mittelhochdeutschen auch als spünne- 
bruoder (Milchbruder) gebraucht wurde. Span, das Gerät, das etwas zu- 
sammenspannt. Span* (als Gegensinn), der Abfall bei jeder Art von Holz- 
arbeit, also auch hier das Abgetrennte (wie der Neugeborene von der Mutter), 
das mit dem Stück (Mutter), von dem es losgetrennt wurde, wieder ein 
Ganzes bildet. Auch die Verletzung des Rechts, die ebenfalls eine Ab- 
trennung ist, wird als Span bezeichnet. Der Span diente früher auch als 
Rechtssymbol bei Eigentumsübertragung (Abtrennung) von Grund und 
Boden, zunächst allerdings bloß für Gebäude. Als Beweis für eine 
vollzogene Hinrichtung (Trennung vom Leben, oder des Leibes von der 
Seele) wurde ein Span aus dem Galgen gehauen. Nach einem Volksaber- 
glauben (Wuttke, Volksaberglauben) legt eine fortgehende Frau einen Span 
von ihrem Tragkorbe in die Wiege des Säuglings, um ihm die Ruhe nicht 
zu nehmen. Sie hebt so symbolisch die Trennung auf. Span (pluralis) 
haben, heißt auch Vermögen haben (besonders in Süddcutschland). Nach 
einer Volkssage schenken gütige Wesen den Sterblichen zur Belohnung 
Späne, die sich nachher in Goldstücke verwandeln. Wenn wir an die in 
der Psychoanalyse bekannte Analogie Kind-Kot-Gold denken, so wird uns 
der Sinn dieser Sage verständlich : Das Abgetrennte (Kind-Kot) wird wieder 
vereinigt. 

Endlich geht Span auf jegliche Art von Entzweiung, d. h. was eins war, 
wird nun zwei (Mutter- Kind) und bedeutet so Hader, Zank, Kampf, auch 
rein geistige Streitfragen (Span mit Vokaldehnung versehen, dialektisch 
heute reichlich gesprochen, jedoch wird niederdeutsch noch immer an den 
Zusammenhang mit spannen gedacht). 

Spänen aus althochdeutschem spanan (reizen, locken, antreiben) und ver- 
wandt mit dem älteren althochdeutschen spenen (säugen) zeigt im Bedeutungs- 
wandel bereits auch den Gegensinn und heißt neben saugen auch ent- 
wöhnen. In Spanferkel (auch Spen- und Spinferke\ mit Vokalangleichung 
an spänne, Muttermilch) haben sich beide Bedeutungen erhalten, indem 



1) Außerhalb des Germanischen läßt sich die Geschichte des Wortes nur unsicher 
verfolgen. In Kuhns Zeitschrift wird griechisch ocpr|V (Keil) verglichen (G). Eine Ver- 
wandtschaft mit unserem Stamm läßt sich, trotzdem sie volksetymologisch angenom- 
men werden dürfte, nicht voll nachweisen. Immerhin wurde Span (abstula) nach (G) 
mit Span (controversia) in Zusammenhang gebracht. 






Die schwarze Spinne 55 



damit sowohl das saugende, als das eben abgesetzte, entwöhnte Schwein 
bezeichnet wird. Spanhexe, auch Spannhexe bedeutet in Basler Mundart 
ein Scheltwort für eine struppige, nachlässig gekleidete, etwas unheimliche 
Weibsperson. Auch das Wort Spange (althochdeutsch: spanga) ist wahr- 
scheinlich eine Bildung zu spannen gehörig, die mit einem g-Suffix, das 
faktitive Bedeutung hat, gebildet wurde. In niederdeutschen Gegenden heißt 
Spind (auch Spinde) Schrank. Das Wort geht zurück auf ein mittellateini- 
sches spenda, spinda und bezeichnet ursprünglich die Austeilung von Speise 
an die Armen, eine Bedeutung, welche das auch hiehergehörige Spende 
selbständig weiterentwickelt hat. Ebenfalls auf das mittellateinische Spinda 
geht Spind, Spinr zurück, nur daß sich hier statt des Begriffes der Örtlich- 
keit der einer bestimmten Menge von zu verteilenden Almosen entwickelte. 
Die Verwandtschaft mit unseren Stämmen ist hier nicht nachzuweisen, es 
ist aber naheliegend, daß eine Übertragung von der stillenden Frau auf 
den Schrank, aus dem die Nahrung genommen wird, stattfand. 

Nennen wir noch einige Ableitungen von spunni (Muttermilch, Mutter- 
brust), ein in der alten Sprache häufiges Wort, das sich später nur noch 
in Besten auf die Mundarten zurückgezogen vorfand: In der Sprache der 
Jäger wird das Gesäuge beim weiblichen Rot-, Dam-, Elen- und Rehwild 
Spinne genannt (G). Als Verstärkung des mittelhochdeutschen spünne haben 
wir: Gespann, Gespunst, Gespünst, davon Nebenformen mit geschwächtem 
Stammvokal: Gespin, Gespinn, und mit schließendem Dental: Gespind, 
Gespint, Gespinst, immer in der Bedeutung von Muttermilch. Eine direkte 
Übertragung von spünne (Brust) auf die Frau fand im sächsischen Recht 
statt, nach welchem die Verwandte weiblichersei ts Gespinne genannt wird. 
So heißt es im Magdeburger Weichbildrecht von 1382 (G) „die neste 
gespinne nimpt kein nusteil . 

Schon Spillmag (G) hat spunni und die vielen obenangeführten, davon 
abgeleiteten Formen auf spinnen umgedeutet, wobei ja wie beim Saugen 
(spenen) auch gezogen wird. So haben wir für das Gesponnene die oft 
gleichlautenden Ausdrücke, wie: Gespinne, Gespinn, Gespinst, Gespinnst, 
hervorgegangen aus dem älteren Gespünst und dem mittelhochdeutschen 
gespunst. Gespinnst kann bedeuten: Das Garn, der Faden, das Gewebe des 
Webers, das Gewebe von Insekten, vornehmlich der Spinne, dann wird es 
auch bildlich gebraucht wie bei Jean Paul (G) „. . . die Spinne des Hasses, 
die bei jedem Menschen über eine Ecke der Herzkammer ihr Gespinnste 
hängt". Oder bei Gryphius: „. . . ein Huren- und Kupplergespinnst" (G). 
Ferner spricht man von träumerischem Einspinnen in Gedanken: „Ein 



,. Dr. Gustav Hans Graber 



junger Metaphysikus webt ein durchsichtiges Gespinnste und stellt und 
haftet Schluß an Schluß" (Hagedorn, G); dann vom Gespinnst der Lüge: 
„Das Gespinnst der Lüge umstrickt den besten" (Schiller, G); ferner von 
einem Gespinnste des Weibes, womit es den Mann einfängt. Die Ver- 
knüpfung von Spinne und Weib ist eine sehr vielseitige. Beide sind spin- 
nende Wesen, beide stehen aber auch in engster Beziehung zum Saugen. 
Das Weib säugt das Kind, spendet Nahrung und Leben. Umgekehrt saugt 
die Spinne ihren Opfern (Fliegen usw.) die Säfte und das Leben aus. 
Gerade in dieser Tatsache liegt wohl einer der tiefsten Gründe, warum das 
Mannweib, das nach Vernichtung des Mannes trachtet, mit der Spinne 
identifiziert wird. In dieser Annahme werden wir verstärkt, wenn wir vom 
Zoologen vernehmen, daß das stärkere Spinnen weibchen nach der Befruch- 
tung durch das Männchen auf dieses Jagd macht, es tötet und aussaugt. 
Die Verzweigungen, die von unserem Stamme spart (spann) ausgehen, 
sind derart mannigfach, daß es kaum möglich ist, ihnen allen nachzugehen. 
Immer aber, wo wir eine solche Verzweigung antreffen, finden wir in 
irgendeiner Modifikation die Grundbedeutung des Ziehens wieder, auch 
in jenen Bezeichnungen, die eine Beziehung (von ziehen) wiedergeben. 
In Kärnten heißt G'(e)spunst auch Freundschaft. Spenzeln liegt ebenfalls 
spanan zugrunde 1 , während die Worte Gespon, Gespan (Gefährte) zu 
spannen gehören. Gespons, mittelhochdeutsch gespunse, gespuntze, kann aller- 
dings auch aus dem lateinischen sponsus und sponsa (Verlobte) abgeleitet 
werden, aber nach G. entstand durch Anlehnung an Gespon Gespons und 
durch Antritt eines t im Auslaut Gesponst 2 , im österreichischen erweitert : Die 
Gespunstin (Ehegattin); bei Gottfried Keller auch Gesponsin; in Wien 
G'spusi (frivol), Dirne. In dem „Heiligen Leben" von 1472 wird der 
gesponz, ein Heiliger, wieder mit der ursprünglichen Bedeutung verknüpft: 
„Unser liebe frow nam irem lieben kind das brüstlein aus dem mund und 
gab es sant Bernhart, irem lieben gesponzen und hies in saugen (G). 
Gespons kann bedeuten: Bräutigam, Braut, Gemahl, Gemahlin (französisch: 
epouse), Kebsweib, Seele („Gespons und Freundin Gottes", Keisersberg, 
Granatapfel, G), Kirche („die Kirch' ist die Gespons, Christus ist der 
Bräutigam", Fischart, Bienenkorb, G), Nonne (als Gespons Christi); immer 
ist eine Person (oder ein personifizierter Gegenstand) gemeint, die mit einer 
andern in irgendeiner intimeren — meist erotischen — Beziehung steht. 

1) Nach Höfer (G). 

2) Durch Anlehnung an gespan entstand die Form der gcspans f Normenbüchlein 
des 15. und 16. Jahrhundert») und durch italienischen Einfluß Getpuii (G). 





Die schwarze Spinne 



55 



Gesponselt wird aber auch für das Verbinden von bloßen Gegenständen 
gebraucht: „. . . Großvaterstuhl, der mit vier hölzernen Löwentatzen die Erde 
ergreift, welche mit vier Querhölzern gesponselt sind" (Jean Paul, G). 

Die schwarze Spinne wird gelegentlich auch als ein Gespenst bezeichnet, 
und wir wollen nicht versäumen, noch auf die interessanten Zusammenhänge 
von Spinne, spinnen, Gespenst und Weib hinzuweisen. Gespenst kommt 
vom althochdeutschen gispanst; mittelhochdeutsch: gespanst. Es gehört als 
Verbalsubstantiv ebenfalls zu spanan (locken), daher oft auch noch die 
Schreibung Gespänste oder Spenst. Auch Gespengnus (Verlockung, Trug) 
gehört zu spanan. Mit besonderer Deutlichkeit tritt des Menschen ambi- 
valente Einstellung zu den Dingen in bezug auf das Gespenst hervor. 
Ursprünglich ist das Gespenst etwas, das begehrt wird, das verlockt, so wie 
die Mutter mit ihrer Brust (spunni) den Säugling lockt. Mit der Verdrängung 
aber verband sich dem Begehren die Angst. Die Hingabe an das Verlockende 
wurde mit der Vorstellung des Verderbens verbunden, und die Furcht ließ 
das früher Begehrte fliehen. Gespenster sind als Wahngebilde Produkte des 
Gehirns, sind das Gespinnst des Hirns, sind Hirngespinnste. Sie entstehen 
nur, wenn sich der Mensch in seine Gedanken einspinnt (eine geläufige 
edewendung). Das Eingesponnensein in Gedanken aber verbildlicht den 
Zustand der Abschließung des Geisteskranken von der Welt, verbildlicht 
seine Introversion. Das Wort Hirngespinnst (auch Hirngespinst) wird 
zuerst aus den Quellen der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts 
nachgewiesen, muß aber älter sein, da die ihm zugrunde liegende Redens- 
art von Spinnen " des Gehirns bereits im siebzehnten Jahrhundert gang und 
gäbe ist (G). Spater wurde Hirngespinnst auch mit Hirngespenst ersetzt. 
Besonders Kant und Wieland zeichnen sich durch eine starke Vermischung 
der beiden Begriffe aus. So sagt Kant z. B.: „Die Erkenntnis würde gar 
nichts, sondern die bloße Beschäftigung mit einem Hirngespinnst sein" (G). 
„. . . ob nicht die Anschauungen von Raum und Zeit bloß selbstgemachte 
Hirngespinnste wären ..." (G). Dagegen: V A priori zu meinen, ist an sich 
ungereimt und der gerade Weg zu lauter Hirngespenstern" (G). „. . . bei 
den Narren ist es ein albernes Hirngespenst, welches die Grundsätze der 
Vernunft umkehrt" (G) usw. Und Wieland: „Ein Hirngespinnst kann 
nicht so tiefe Spuren graben" (Oberon, G). „. . . ihr half Koketterie nicht 
mehr als Eifersucht . . . abtreten mußte sie ihn und an . . . ein Hirn- 
gespinnst" (G). Dagegen: „. . . wenn also Catos Tugend eine Dulcinea 
war, so war sie ein bloßes Hirngespenst" (G). „Die Aspasien, die Danaen, 
die Musarion sind in der Natur; es sind keine Hirngespenster (G). „. . . doch 



56 



Dr. Gustav Hans Graber 



nein, sie täuscht mich nicht, die schönste der Ideen, sie kann kein Hirn- 
gespenst sein!" (G.) Goethe hat ein ergötzliches Wortspiel auf diese Ver- 
wandtschaft von Gespinnst und Gespenst geschaffen: 

„. . . mit Hexen — Fexen, Gespenst — Gespinnstcn, 
kielkröpfigen Zwergen steh ich gleich zu Diensten." (Faust.) 

In Märchen und Sagen kommt es gelegentlich vor, daß die Gespenster 
wieder die ursprüngliche Gestalt der Frau erhalten. So heißt es in einem 
Märchen von Bechstein: „Die gespenstige Erscheinung ward zu einem, 
holden Frauenbild geworden" (G). 

Eine Nebenform von Gespinnst (allerdings mehr zu spannen gehörend) 
ist die Bedeutung des Wortes Gespenst als Gerüst der Bauleute. 

Zum Schluß dieser sprachwissenschaftlichen Exkursion sei noch einiges 
über die Spindel angeführt. Wie der Name der Spinne, gehört auch 
dieses Wort zu spinnen, gebildet mittels Z-Suffix und durch Einschub 
des dem n entsprechenden Zwischenlautes d. Althochdeutsch: spinnala, 
spinnila, spinnela ; mittelhochdeutsch: spinnele. Die Berner Mundart hat die 
Bezeichnung Spinnele (auch Spinnala) auch für die Spinne beibehalten. Die 
Spindel ist ein bereits bei den alten Babyloniern allgemein gebräuchliches 
Frauengerät. Bei den Ausgrabungen in Tello fand man ein Belief aus 
schwarzem Stein, das eine vornehme Dame zeigt, wie sie ihr Garn spinnt. 
Auch die Göttin Mnaseas hält einen Spinnrocken in der Hand (Standbild 
in Bambyke). Man vergleiche auch den Mythus von der spinnenden klein- 
asiatischen Muttergöttin Kybele-Omphale. 1 

Die Spindel sowie das sie ersetzende Spinnrad bildeten häufig das Braut- 
geschenk am Hochzeitstag. Im alten Becht gab die Spindel das Symbol der 
Frau und ihrer Sippe ab. Umgekehrt war die Spindel auch ein Rechts- 
symbol für den Mann und als solches Ausdruck seiner Unfreiheit und 
Knechtschaft der Frau gegenüber. 

In der sprichwörtlichen Redewendung: „Die Spindel taugt nicht, wo der Bart 
nicht darübersteht", wird die Frau selbst als Spindel bezeichnet. Als später die 
Spindel durch das Spinnrad ersetzt wurde, zeigte sich diesem gegenüber die- 
selbe Einstellung. Ein zehnjähriges Mädchen brachte mir als freien Aufsatz 
folgendes selbst erfundene Märchen, in dem eine Frau zum Spinnrad wird: 

„Es war einmal eine alte Hexe, die spann unaufhörlich an ihrem Spinn- 
rad. Als sie eines Tages wieder so emsig spann, kam ein großer Geier zum 
Fenster geflogen und sagte: Wenn du uns nicht wieder erlösest, dann wird 

1) Nach R. Eisler: Der Fisch als Sexualsymbol. Imago IU, a. 






Die schwarze Spinne 



57 



es dir schlimm ergehen. Denn der Geier war ein verzauberter König und 
das Spinnrad seine Frau. Die Hexe hörte nicht auf des Geiers Worte, sondern 
spann immer weiter. Eines Tages wurde die Alte sehr krank und mußte 
sterben. Der Geier und das Spinnrad wurden wieder zu Menschen verwandelt 
und lebten vergnügt zusammen. Die abscheuliche Hexe hatte auch noch andere 
Menschen gequält und zu Bäumen und zu Steinen gemacht. Nun, diese alle 
wurden auch erlöst. Seitdem die Hexe gestorben war, kam in der Nacht immer 
ein schwarzes Ungetüm hervor. Das war grausig anzusehen. 

Die enge Verknüpfung der Begriffe Frau und Spindel' hat sich auch 
auf die Spinne übertragen, die ja Gerät (Berner Mundart = Spinn ele 
= Spindel) und Spinnerin zugleich ist. 

Die Spindel ist aber nicht bloß als Frauensymbol bekannt, sondern wegen 
ihrer Form und der Fähigkeit des Stechens auch als männliches Sexualsymbol. 
Das geht schon daraus hervor, daß man den Begriff Spindel auch für die 
in das Muttergewinde einzudrehende Schraube verwendet. Es war Volks- 
glaube, — wir begegnen ihm in Märchen wieder — daß die Spindel den 
Freier ins Haus bringt. Bei Frey tag finden wir die Stelle: „Die Spindel 
stach in den Finger, das bedeutet Besuch (G). 

Im Märchen „Dornröschen" sticht die Spindel die reif gewordene Jung- 
frau. Ihr hundertjähriger Schlaf entspricht dem Liebestod, der Hingabe. 
Es ist dieselbe Symbolik wie diejenige von Amors Pfeil. Ein elfjähriger 
Knabe erzählte mir folgende Phantasie: 

Ein König hatte einen Sohn, welcher sehr abenteuerlustig war. Nun 
ging im Lande die Kunde von einer Spinnerin, die auf einem Berge wohne. 
Eines Tages stieg der Prinz den Berg hinauf. Als er in die Hütte trat, kam 
ihm die Spinnerin entgegen und sprach: Auf der andern Seite des Berges 
findest du eine Höhle mit großen Schätzen, rühre aber nichts an, sondern 
hole mir eine Spindel. Der Prinz gehorchte. Als er nach einiger Zeit wieder 



i ) Nach C. Kohlrusch: Schweizerisches Sagenbuch (Leipzig 1 854) wird die Spinnenn 
Bertha, die Bnrgunderkönigin, mit der Mythe verknüpft: Frigga = Peratha, später 
Perchta, Bertha. — „Frigga ... die zeugende und gebärende Erdgöttin, die man sich 
als Spinnerin vorstellte und der man als Attribut die Spindel, als Zeichen der Weib- 
lichkeit, beigab — eine Symbolik, welche auch die römische und indische Mythologie 
auf die Vertreterinnen des Prinzips der zeugenden Kraft anwandte.« — Dazu als Fuß- 
note: „Diana, welche als Geburten befördernde Mondgöttin mit Juno, welche sich 
mit ihr in diese Wirksamkeit teilt, den gemeinschaftlichen Namen Lucina führt, 
nennt Homer ,die Göttin mit der goldenen Spindel' (Iliad. 16, 184), während 
letztere Göttin als Juno Pronuba (Vorsteherin der Ehen) mit einem Spinnrocken ab- 
gebildet und ihre Tochter, die Geburtsgöttin Ilithya, als Spinnerin gedacht wurde. 
Ebenso stellt man sich die syrische Venus mit dem Attribut der Spindel vor usw." 



58 



Dr. Gustav Hans Graber 



zurückkam, die Spindel in der Hand, ertönten einige Donnerschläge, daß 
die Erde zitterte, und die Spinnerin sank tot um. Der Prinz entsagte hierauf 
der Fürstenkrone und ward ein Mönch und Einsiedler. 

Die Höhle mit den großen Schätzen auf der andern Seite des Berges deutet 
auf die anale Einstellung, die zugunsten der genitalen (Spindel = Penis) auf- 
gegeben wird. Donnerschläge und Erzittern der mütterlichen Erde begleiten 
diesen Wandel, der zum Tode führt — zum Liebestode. 

Von Uhland seien noch folgende Stellen angeführt (G): 

Die erste sprach behende: 
ja, lächle nur auf mich, 
ich gebe dir frühes Ende 
von einer Spindel Stich. 

• 

Die Fürstin tat erbleichen 
als man von Spindeln sprach; 
sie wollte flugs entweichen: 
die Spindel sprang ihr nach 
und an der morschen Schwelle, 
da fiel das Fräulein jach, 
die Spindel auf der Stelle 
sie in die Ferse stach. 

Spindeln galten abergläubisch auch als giftig. So berichtet Auerbach 
(Dorfgeschichten, G) j „Der Arzt bestätigte, daß ihm seine Mutter oft erzählt 
habe, Spindeln seien giftig." 

Die Eigenschaft des giftigen Stiches (Biß) hat auch die Spinne, so daß 
auch in dieser Beziehung der Vergleich mit der Spindel gegeben ist. Als 
Stechende symbolisiert sie das männliche Genitale, dessen sich das Weib 
(= Spinne), wie in Gotthelfs Erzählung, bemächtigt hat. 

Mit unseren Andeutungen über den sprachlichen Zusammenhang konnten 
wir nicht mehr bieten als ein loses Gerüst, das zu stützen und auszubauen 
nun unsere weitere Aufgabe sein wird. Immerhin haben wir erkennen 
können, daß das Gerüst zum Bau gehört, daß die Sprache ein lebendiger 
Ausdruck erkannter oder gefühlter Zusammenhänge ist. Sie ist nicht bloß 
Mittel zum Zwecke, richtig Erkanntes auszudrücken, sie ist selbst Wirkung 
und Auswirkung. Ihr Studium wird immer mehr ihre tiefe Verankerung 
mit dem Triebleben aufdecken und wird ein Grundstein zum Brückenbau 
vom Geistigen zum Triebhaften bilden. Das Wort bleibt nicht mehr nur 
Mittel der Mitteilung von Gedachtem, sondern wird zum Lautsymbol des 
Erlebens und der Dinge selbst. 









Die schwarze Spinne 



59 



b) Die Spinne als Traumsymbol 

Die Spinne ist eine in Träumen ziemlich häufig wiederkehrende Er- 
scheinung, und zwar vor allem als ein Symbol der gefürchteten Mutter, 
die männliche Charakterzüge trägt. 

Karl Abraham berichtet in seiner Arbeit: „The spider as a dream symbol", 1 
in der er erstmals dem Spinnenproblem nachgegangen, von drei Träumen 
eines Patienten und kommt zu folgendem Ergebnis: „In conclusion we can 
say that these three dreams give an explanation of spider symbolism in 
three directions. The spider first of all represents the wicked mother (formed 
like a man), and then the male genital attributed to her. The spider's web 
represents the pubic hair; the Single thread has a male genital significance 

(S. 316)- 

Wir finden also bei Abraham die Bestätigung, daß die Spinne vorab, 
wie bei Gotthelf, ein Symbol der gefürchteten männlichen Mutter ist, 
sodann aber auch ein Phallussymbol, und zwar des Phallus, dessen sich 
das Weib, in der Identifikation mit dem Manne, bemächtigte. Auch 
Stekel erwähnt die Spinne als Phallussymbol. 2 Besondere Beachtung ver- 
dient die Symbolik des Spinnennetzes als Genitalhaare. Ein zehnjähriges 
Mädchen (Nelly) brachte mir folgenden Traum, der auch deshalb besonders 
interessant ist, weil er ein geschichtliches Ereignis, welches dem Mädchen 
unbekannt war, als unbewußtes Vorbild hat. Der Traum lautet: 

„Ich war mit jemand so sehr in Streit geraten, daß ich die Flucht er- 
greifen mußte. Als ich in den Wald kam und die Verfolger hinter mir 
herkamen, versteckte ich mich in einem gToßen Loch, da war eine große 
Spinne darin. Sofort spann sie ein Netz über mich, daß die Verfolger 
mich nicht sehen konnten. Sie gingen an mir vorbei und sagten: ,Da ist 
es nicht, da ist ja nur ein altes Spinnennetz' und gingen weiter. Als sie 
fort waren, ging ich hinaus, und die Spinne hatte mich gerettet. Nachher 
erwachte ich; wie war ich froh, daß ich in meinem Bette lag und nicht 

auf der Flucht." 

Der Traum symbolisiert typisch die Flucht vor der Welt und die Be- 
gression an den Ort absoluter Sicherheit, den Mutterleib. Das Spinnennetz, 
das den Eingang verdeckt, stellt die Schamhaare dar. Einen ähnlichen 
Traum berichtete ein neunjähriger Kna be = 3 Sein Vater ist ein Henker mit 

,) K. Abraham: „The spider as a dream symbol." The International Journal of 
Psycho-Analysis, Vol. IV, part 3. 

3) Stekel: Die Sprache des Traumes. 

3) Aus Graber: Ambivalent de» Kindes. S. 67. 



60 Dr. Gustav Hans Graber 



zweischneidigem Schwert, der ihm den Kopf abschlagen will, er aber weiß 
ihm hinterlistig einen Stoß zu versetzen, so daß er sich flüchten kann. Er 
rettet sich in eine Höhle, vor welcher ein dichtes Gebüsch war. 

In gleicher Weise wie Nelly im Traume, wird nach einer Sage, die 
jüdischen Ursprungs, David vor Saul gerettet (cit. bei Dähnhardt, Natur- 
sagen, S. 66). Die Sage lautet nach der „Cronique de Tabari", Paris 1867: 
„Als David auf der Flucht vor Saul sich in einer Höhle verborgen hatte, 
wob die Spinne auf Gottes Geheiß ihr Gespinnst am Eingang derselben. 
Als Saul an die Höhle kam und das Gespinnst sah, sagte er: ,Wenn er da 
hineingegangen wäre, so hätte er das Spinnengewebe zerrissen.' Und so 
ging er weiter." 

Während nun nachweisbar eine Übertragung der Sage auf Mohammed 
stattfand, finden sich keine literarischen Zeugnisse, die diese auch in das 
Leben Jesu versetzen. Dähnhardt führt eine arabische und eine bulgari- 
sche Überlieferung aus dem Volksmunde an. Danach wird die heilige 
Familie auf der Flucht nach Ägypten auf dieselbe Art gerettet. Rosegger 
hat wohl diese Überlieferung in seinem Buche „I. N. R. I." verwertet. 

M. Bornsztajn 1 erzählt als Beitrag zu dem erwähnten Aufsatz von 
Abraham „The spider as a dream symbol" einen Traum, in welchem das 
Gebüsch, in dem die Spinne sitzt, ebenfalls als Netz und als Genitalhaare 
zu deuten ist. Der Patient „sah im Traume eine Zeichnung (er ist Maler), 
die eine Spinne in einem Gebüsch darstellt — er schaut die Zeichnung 
an — die Spinne habe ein Füßchen wie abgebrochen". Patient ist 
neidisch auf seine Frau, die ebenfalls dem Malerberuf angehört. Er glaubt, 
„er könne es nicht so weit bringen wie seine Frau, er fühle sich klein 
ihr gegenüber, sie sei ihm ganz entschieden überlegen, alle sagen, ihre 
Malerei habe einen männlichen Zug". 

Bornsztajn gibt folgende Deutung, die wir als zutreffend anerkennen: 
„In einem solchen Zusammenhange kann eine Spinne im Gebüsch mit 
einem abgebrochenen Füßchen nicht anders gedeutet werden, als das weib- 
liche Genitale der Frau — dabei muß hinzugefügt werden, daß Patient 
vielfach seine Frau mit seiner Mutter identifiziert hat — mit einem Penis, 
einem abgebrochenen Penis. In diesem Traumsymbol kastriert er seine Frau, 
er will sie entmännlichen, ihr die Kraft, die Überlegenheit rauben." 

Einen weiteren interessanten Beitrag lieferte ein Mädchen (Ruth), das 
im Traume seine Identifikation mit der Spinne mit dem Tode bezahlt: 

1) Bornsztajn: Zur Frage: Die Spinne als Traumsymbol. Internat. Zeitschr. 
f. PsA IX, 2. 






r 






Die schwarze Spinne 



61 



' 






„Es träumte mir einmal, ich liefe als Spinne in den Wald und verirrte 
mich. Ich lief weiter und weiter durch Gras und Moos und hatte festen 
Hunger. Da kam ich zu einem Fliegenpilz, und weil ich so Hunger hatte, 
aß ich davon. Nun ging ich voller Freuden fort, weil ich meinen Hunger 
gestillt hatte. Nach und nach tat mir der Magen weh, je mehr ich lief, 
um so mehr verspürte ich Schmerzen. Als ich nicht mehr weiter konnte, 
rief mir eine Schnecke und sagte: Lege dich auf das Efeuhlatt, ich hole 
dir kalte Umschläge. Ziemlich lange ging's, da kam die Schnecke mit 
feuchtem Moos und machte mir die Umschläge. Ich konnte mich nicht 
mehr bewegen, so weh hatte ich. Auf einmal zuckten mir alle Glieder, 
und ich war tot. Da erwachte ich plötzlich, ich war froh, daß alles nur 
ein böser Traum war, und ich die tote Spinne nicht bin. 

Eine Analyse des Traumes mit Beschaffung des latenten Traummaterials 
war leider ausgeschlossen. Es scheint aber, daß er eine Aktivierung der 
Angst vor der Spinne, dem Tod, dem Gefressenwerden darstellt, die aber 
insofern mißglückt, als das eigene Fressen des Fliegenpilzes (Fliegen) den 
Tod bringt. In der Schnecke (Penissymbol) liegt wohl die Andeutung, 
woher die mögliche Rettung hätte kommen sollen. 

c) Infantile Material 

Um einen Einblick in die seelische Einstellung des Kindes zur Spinne 
zu erhalten, ließ ich eine Schulklasse zehnjähriger Kinder nach freier 
Wahl selbsterfundene Märchen, Phantasien oder Erlebnisse, in denen die 
Spinne eine Rolle spielt, niederschreiben. Die Arbeiten entstanden ohne 
irgendwelche Vorbereitung oder Andeutungen seitens des Lehrers und ergaben 
einiges interessantes Material, das uns nicht allein die bereits erschlossenen 
Einsichten in das weitschichtige Problem der Spinne erhellen hilft, sondern 
auch neue Einblicke gewährt. 

Beinahe in allen Arbeiten äußerte sich die große Angst, das Grausen 
und die Furcht der Berührung mit der Spinne, so wie die Verknüpfung 
derselben mit dem Tode. Vorab seien einige Arbeiten wiedergegeben, in 
denen Mädchen sich mit der Spinne identifizieren, oder in denen letztere 
als Frauengestalt (Hexe oder Gespenst) auftritt. (Hieher gehören auch die 
beiden erwähnten Träume von Nelly und Ruth.) 

Fritz: Einmal war ein König, der hieß Adolf. Adolf haßte die Spinnen. 
Als er einmal reiten ging, sah er eine Spinne, die gerade gegen ihn kam. 
Er nahm einen Spieß und tötete die Spinne. Es war eine Kreuzspinne. 
Als er heimkam, war seine Tochter tot. Da wurde er zornig und sprach: 






6 2 Dr. Gustav Hans Graber 



„Soll mir die Tochter gestorben sein, töte ich die Spinnen sogleich." Als 
er das gesagt hatte, kam eine Spinne und legte sich auf den Boden. Er 
wollte sie töten, aber die Spinne war verschwunden. Da hörte er das Vieh 
brüllen. Als er in den Stall ging, war das Vieh tot. Da kam ein Männlein 
und sprach : „Wenn du die Spinnen nicht mehr tötest, so kannst du dein 
Vieh und deine Tochter wieder haben." Sogleich verschwand das Männlein. 
Auf einmal sah Adolf das Vieh fröhlich weiden. Und die Tochter kam zum 
König. Von nun an hatte er die Spinnen wieder gern. 

Fritz scheint vom Aberglauben gehört zu haben, wonach man die Kreuz- 
spinne nicht töten darf, weil sonst jemand aus der Verwandtschaft sterbe. 
Es scheint aber auch eine Inzestphantasie in dem Märchen verborgen zu 
sein. Die Spinne, die der König mit dem Spieße (= Penis) beim Reiten 
tötet (koitiert), ist seine Tochter. Sie stirbt. Nun will er alle Spinnen töten. 
Eine legt sich vor ihm auf den Boden. Er will auch sie töten. Dafür 
erhält der König seine Strafe. Das Vieh stirbt ihm (vgl. Gotthelfs schwarze 
Spinne). Wie er aber verspricht, die Spinnen nicht mehr zu töten (Inzest- 
schranke), nimmt alles wieder seinen normalen Verlauf. 

Max: Es war einmal eine Spinne im Keller. Die Spinne hieß Vergiß- 
meinnicht. Ist das nicht gar ein lustiger Name für eine Spinne? Sagt einmal? 
Getauft hat sie ein kleiner Zwerg, Zwerg Viduit hieß er. Zwei Freunde waren 
es. Zwei schöne, doch waren sie fast immer böse. Heute kam der Zwerg 
leise herzugeschlichen und sprach: „Morgen! Morgen! Ah! Kutschenfahren 
können wir dann, ah! Ah! Jauchzen möchte ich jetzt am liebsten! Am 
andern Tag, da kam die Kutsche. Einsteigen hieß es nun. Die Spinne, die 
war halt zu dick, drum lief sie hintendrein. Nachher, da starb das Zwerglein 
vor Kummer wegen seiner Spinne. Auch die Spinne starb vor Leid. 

Das Märchen ist durchsichtig. Auch hier ist die Spinne Todesursache. 
Der Tod erfolgt am Hochzeitstage. Die Brautleute (Zwerg und Spinne) 
sterben den Tod der Liebe. 

Ein Mädchen (Klara) ergreift die Gelegenheit des Fabulierens, um in 
der tagträumerischen Spinnenphantasie einen alten Wunsch zu realisieren. 
Seine kleine Rivalin, das Schwesterchen, muß sterben. Klara war einziges 
Kind, mußte bei Ankunft des Schwesterchens erleben, wie die Liebe der 
Eltern mehr diesem zufloß und wünschte ihm deshalb den Tod. Dieser 
Wunsch war natürlich längst verdrängt. Der Durchbruch des Verdrängten 
in der Erzählung wurde dem Mädchen nicht bewußt. 

Klara: Es war einmal eine Spinnenfamilie. Eine Mutter und zwei 
Kinder. Der Vater war tot, denn er war von einem Menschenfuß zertreten 



Die schwarze Spinne 



6 5 






worden (Klaras Vater starb vor einigen Jahren). Aber die Spinnen familie 
wohnte fröhlich in ihrem einsamen Häuschen. Aber einmal sagte die 
Mutter: „Ich muß schnell fort. Bleibt mir ja in dem Haus und geht nicht 
fort, sonst könnte es euch schlecht gehen! Denn die Spinnenkinder waren 
sehr jung, das eine war zwei Wochen alt, das andere drei Wochen alt. 
„Jetzt," sagte die Mutter, „ich gehe jetzt, bleibt mir ja im Hause!" Nun 
ging sie. Die Kinder waren eine Zeitlang im Hause und spielten. Aber 
wie sie so beim Spielen waren, sagte das Jüngste: „Ich möchte gern hinaus , 
aber das andere sagte: „Du weißt, was die Mutter gesagt hat." Aber es 
hörte nicht und ging. Da kam die Mutter gerade heim und fragte, wo das 
Kind sei. Da sagte das älteste, es habe nicht mehr daheim bleiben wollen 
und sei fort. Da erschrak die Mutter und sprang fort, um das Kind zu 
suchen, aber sie fand es nicht, denn das kleine Spinnlein war schon weit 
fort. Als es wieder heimkehren wollte, kam es durch einen dunklen Wald 
und fand den Weg nicht. Es fing an zu dunkeln und wurde kalt. Das 
konnte es nicht länger aushalten und legte sich auf den Boden. Am Morgen 
aber war das Spinnlein tot, denn es war erfroren. 

Wie groß Angst und Grausen vor Spinnen sein können, zeigt folgendes 
Erlebnis : 

Gertrud: Als ich einmal auf den Estrich ging, mußte ich ein Dach- 
bett (Bettdecke) und ein Kissen herunterholen, weil Besuch bei uns war. 
Als ich wieder hinuntergehen wollte, kam eine große, lange Spinne daher- 
gekrochen und lief mir den Arm hinauf. Als ich das sah, schrie ich aus 
Leibeskräften um Hilfe. Da kam meine Mutter auf den Estrich geeilt. 
Sie fragte mich, was mir fehle. Ich sprach ängstlich: „Eine Spinne ist mir 
.angelaufen'." Die Mutter glaubte das nicht und nahm mir das Bettzeug 
ab. Die Spinne hatte sich in der Zeit als ich um Hilfe gerufen hatte, in 
dem Bettzeug verkrochen, ohne daß ich es bemerkt hatte. Als am Morgen 
der Besuch beim Frühstück saß, erzählte er, es sei ihm in der Nacht etwas 
Schauriges vorgekommen. „Zuerst meinte ich, erzählte der Gast, „es 
streiche mir jemand über das Gesicht. Aber als ich das Licht anzündete, 
sah ich, daß es eine Spinne war. Schnell sprang ich aus dem Bett." Von 
da an kam der Gast nie mehr zu uns. 

Paul: Die Spinne ist so gespensterartig. Viele Leute fürchten sie, 
weil sie abergläubisch sind. Sie sagen, wenn man eine Spinne am Morgen 
sieht, so bringe es Unglück, und wenn man eine Spinne am Abend 
sieht, so bringe dieses Glück. Die Spinne kommt so unbemerkbar heran- 
geschlichen. 






TP 




g. Dr. Gustav Hans Graber 



Der sehr unpersönliche Bericht Pauls bringt zweierlei: Erstens die Ge- 
spensterhaftigkeit der Spinne und sodann des Menschen ambivalente Ein- 
stellung, die die Spinne im Aberglauben als Glücks- und Unglückstier 
erscheinen läßt. Auf diesen letzteren Punkt werden wir im Zusammen- 
hange mit einigem folkloristischem Material noch näher eingehen. Erwähnens- 
wert ist, daß drei Schüler eine Einteilung der Spinne in Kreuzspinnen und 
Glücksspinnen machten. 

Die Zusammengehörigkeit von Spinne und Gespenst, die wir bereit 

etymologisch nachweisen konnten, zeigt sich auch in folgender Phantasie: 

Trudy: Als ich einmal in den Wald ging, Beeren zu suchen, verirrte 

ich mich. Ich lief im Walde umher, bis ich ganz müde wurde und mich 

unter einen Baum setzte. Da sah ich neben mir im Grase etwas schimmern, 

und wie ich schaute, war es viel Geld. Ich stopfte alle Taschen voll. Kaum 

hatte ich sie gefüllt, kam eine große Spinne daher und gerade auf mich 

zu. Ich erschrak und wollte fortspringen, aber die Spinne rannte mir nach 

und bekam immer längere Beine. Ich rannte was ich mochte nach Hause. 

Als ich aus dem Walde kam, war sie verschwunden. Ich griff in die Taschen, 

aber welcher Schreck, sie waren anstatt des Geldes voller Spinnen, die ihre 

langen Beine aus meinen Taschen streckten. Ich rannte nun nach Hause 

und rief immer um Hilfe. Als ich daheim angelangt war, waren die Spinnen 

verschwunden. Ich ging gleich ins Bett, denn es war schon Abend. Als 

ich schlief, war mir, als sähe ich im Zimmer ein Gespenst, das immer 

auf das Bett hüpfte und wieder hinunter. Von da an durfte ich nirgends 

mehr hin, weder in den Keller, noch auf den Estrich. Wenn ich etwas 

auftun wollte, meinte ich immer, ein Gespenst käme heraus, und ich durfte 

es nicht aufmachen. 

Neben der Gespensterhaftigkeit steckt in Trudys Tagtraum auch eine 
Geburtsphantasie. Trudy gebiert (wie Christine in der schwarzen Spinne) 
aus seinen Taschen viele Spinnen. Das Geld (= Kot = Kind) hat sich darin 
verwandelt. Eine ähnliche Geburtsphantasie liegt in folgendem Traum ver- 
borgen : 

Dora: Einmal als ich im Bette lag, da hatte ich einen Traum. Es 
träumte mir, ich stricke an einsm Strumpf. Als ich bald fertig war, 
kamen auf einmal Spinnen aus dem Strumpfe. Ich ließ den Strumpf fallen. 
Dann rannte ich auf den Estrich, aber dort war es finster. Da gramselte 
mir etwas auf dem Kopf, es war eine Spinne. Ich schüttelte den Kopf, da 
fiel sie auf den Boden. Als ich ein wenig nach hinten ging, sah ich ein 
großes Spinnennetz, dort waren viele kleine Spinnen. Jetzt ging ich hinunter, 



Die schwarze Spinne ßc 



da lag der Strumpf fertig und keine Spinne mehr darin, denn die Spinnen 
haben ihn fertig gemacht. Da erwachte ich und lag auf dem Boden. Ich 
war aber froh, daß der Traum nicht wahr war. 

Wie sehr auch schon im Unbewußten des Kindes Frau, Spinnerin und 
Spinne zusammengehören, zeigt folgendes reizende Märchen: 

Max: Es war einmal eine Königin, die spann immer. Einmal hatte sie 
keinen Flachs mehr, da ließ sie Spinnen herbeibringen und spann mit 
den Spinnenfaden. Dies gab prächtigen Zwirn und wunderbare Kleider. 
Diese hatten die Eigenschaft, daß, wer eines trug, sich wünschen konnte, 
was er wollte. Docli bei einem grausamen König war es nicht so. Diesem 
brachte es Unglück. Als er das merkte, verbrannte er das Kleid. Da stiegen 
Spinnen aus den Flammen und spannen ihn ein. Er starb eines jämmer- 
lichen Todes. 

Der Geburt der Spinnen aus den Flammen liegt eine tiefe Bedeutung 
zugrunde. Ein Mädchen schrieb: Es gibt rote und schwarze Spinnen. Sie 
krabbeln so, daß einem gramselt und kitzelt. 

Die Spinnen steigen aus dem roten Feuer der Sexualität, bringen dem 
Ich, das sich in der Liebe verändern muß, den schwarzen Tod. Wir haben 
bereits darauf hingewiesen, daß auch Gotthelf die Berührung mit der 
schwarzen Spinne mit dem Brand glühenden Feuers, das durch Mark und 
Blut strömt, vergleicht. Nach einem alten estnischen Märchen ist es die 
Spinne, die der Menschheit, der das Feuer fehlt, dieses aus dem Schlund 
der Hölle heraufholt. 1 Ein Knabe (Theodor) verbannt in seinem Märchen 
die Spinne, die mit ihrem giftigen Stachel den Schlangengott tötete, ins 
Feuer des Erdinnern. Hölle und Erdinneres aber, worin das Feuer kocht, 
sind längst bekannte Vaginasymbole. 

Theodor: Fern in Afrika, in Numidien, wurde die Spinne nebst Schlangen- 
göttern hoch verehrt. Täglich brachten ihr fünf braune Numidier ein- 
gefangene Insekten. Da ergrimmte Siphax, der weiße Schlangengott, und 
überredete die Numidier, die Spinne zu töten. Die Spinne aber belauschte 
dieses Gespräch und schwor Rache. Gelimer, der König der Vandalen, kam 
und besiegte die numidischen Stämme. Die Wenigen, die üßrig blieben, 
irrten obdachlos in der Wüste herum. Die Spinne selber floh in die Höhle 
eines Berges. Von da au* unternahm sie Raubzüge gegen den Schlangen- 
gott Siphax. Eines Tages stand Hiempal, der Gott der Rache, vor ihr und 

l) Witschi: Von Blumen und Tieren. Bircher, Bern 1919. — Dähnhardt erwähnt 
verschiedene Variationen dieses estnischen Märchens. (Natursagen. Bd. II.) 



L 






sprach: Hier hast du einen Stachel mit Gift, mit dem du deinen Feind 
unschädlich machen kannst. Bald erreichte sie den Schlangengott und tötete 
ihn. Am andern Tage ging sie auf den Berg, da züngelten Flammen um 
sie, in denen sie verbrannte. Der Sage nach soll sie im Innern des Berges 
als Dämon leben, sicher aber ist, daß nach ihrem Tode Feuer und Rauch 
aus dem Berge kam. Manchmal, wenn das Feuer größer wurde, versengte 
es. die ganze Landschaft und tötete Menschen und Vieh. Ganz Afrika zitterte 
und bebte dann. 

Theodor wickelt unbewußt das Drama der Menschheitsgeschichte ab, 
das in vielen Punkten demjenigen in Gotthelfs schwarzer Spinne gleicht. 
Anfangs wird die Spinne (Weib) nebst den Schlangengöttern (Schlange 
= Penis, Schlangengötter =■ Männer) hoch verehrt. Ihr wird große Gunst 
zuteil, wird Nahrung zugetragen. Es ist die Zeit allgemeiner Verehrung, 
ohne Kampf und Hader — die Zeit des Matriarchats. Da aber ergrimmt 
Siphax, der Schlangengott (Urvater) und will die Spinne (Weib) töten. 
Diese aber schwört Rache (Weiberherrschaft), wird aber gezwungen in die 
Höhle eines Berges zu fliehen. Es handelt sich um dieselbe Verdrängung 
wie bei Gotthelf, wo die Spinne in das Loch des Fensterpfostens eingesperrt 
wird. Von der Höhle aus unternimmt sie Raubzüge gegen den Schlangen- 
gott. Das Verdrängte kehrt wieder. Auch bei Gotthelf wird die Spinne 
wieder frei und verbreitet Tod und Verderben. Der Gott der Rache ver- 
leiht der Spinne nun den Giftstachel (Penis), mit dem sie den Schlangen- 
gott tötet. Das Weib erlangt mit der Aneignung des Penis den Sieg über 
den Mann. Wir sahen, wie auch die schwarze Spinne den Männern den 
Tod brachte. Den Sieg bezahlt sie aber in beiden Dichtungen mit neuer 
Verdrängung. Theodor läßt die Spinne als Dämon im Innern eines Berges 
' in Feuer und Rauch weiterleben und weiteres Unheil verbreiten. Das 
Feuer strömt aus, versengt die Landschaft und tötet Menschen und Vieh. 
Ganz Afrika aber zittert und bebt. Bei Gotthelf heißt es: „Drinnen (im 
Fensterpfosten) sauste und brauste es, wie wenn mit dem Meere die Wirbel- 
winde streiten, das Haus wankte in seinen Grundfesten, aber fest saß der 
Zapfen, gefangen blieb die Spinne." (S. 75.) Das Verdrängte (Spinne — 
Sexualität), das vom Widerstand (Zapfen) in den Tiefen des Unbewußten 
in Schach gehalten wird, wütet, verheert und will befreit sein. 

Die neuen Einsichten, die wir mit dem kindlichen Material neben der 
Vertiefung der früher gewonnenen erhalten haben, sind kurz folgende: 

1) Der Tod, den die Spinne dem Manne bringt, ist der Liebestod. Der 
Mann erschlafft, stirbt in der Umarmung des Weibes, das ihn umfaßt und 



Die schwarze Spinne 67 



aussaugt (Koitus) wie die Spinne ihre Opfer (Männchen). 2) Spinnen- 
phobien sind bei Kindern ziemlich häufig und darum wird 5) die Spinne 
oft als Gespenst erlebt. 4) In Geburtsphantasien tritt sie auch als Symbol 
für das Kind auf. 5) Wird sie in enge Beziehung zum Feuer gebracht, 
welches die Sexualität symbolisiert. 

Die wertvollen Einblicke in das Seelenleben, die gerade das Kind immer 
dann bietet, wenn wir es nicht mit dem Dunkel unserer bewußten Dogmen 
und Normen verhüllen, sind uns eine erneute Mahnung, dem Rhythmus 
des kindlichen Seelenlebens noch mehr zu lauschen und zu folgen, als 
wir es bereits zu tun uns gewöhnt haben. 

d) Mythe, Aberglaube, Sage, Dichtung 

Wenn Gotthelf durch Verwandlung eines Weibes, das die göttlichen 
Mächte verhöhnt und mit den teuflischen im Bunde steht, seine schwarze 
Spinne erschafft, so vermögen wir nicht festzustellen, inwieweit er dabei 
der ihm mitgeteilten Sage gefolgt ist und inwieweit dem von Ovid erzählten 
Mythus von der Metamorphose der Arachne zur Spinne. 

Ovid berichtet folgende Szene: 1 Pallas und Arachne sind eifrig damit 
beschäftigt, die Taten der Götter auf Tüchern, die sie weben, darzustellen. 
Während aber Pallas die Olympier mit ihren Bildwerken verherrlicht, stellt 
Arachne ihre lasterhaften Vergehen dar {caelestia crimina: nach Menge: 
Abbildung lasterhafter Vergehen oder Vorgänge, dargestelltes oder geschil- 
dertes Laster). Pallas zerreißt empört diese Tücher der Anklagen gegen die 
Götter und will Arachne töten, empfindet aber Mitleid mit ihr, läßt sie 
leben, aber hängend an einem Faden und verwandelt in eine Spinne: 

„. . . et txtemplo, tristi medicamint tactat, 
Deflurere comae, eumque his et naris et auris; 
Fitque caput minimum, toto quoque corpore parva est. 
In latere exiles digiti pro cruribus haerent; 
Cetera venler habet, de quo tarnen illa remittit 
Stamen, et antiquas esercet aranea* telas." 

Auch Hans Sachs hat diese aus der Antike stammende Metamorphose 
dargestellt : 

j) Ovid: Metamorphosis VI, 1 — 145. 

2) Nach Menge: Lateinisch-Deutsches Schulwörterbuch « : aranea — Spinne, aus 
arägnea, zu griechisch dodjcvn; cf. auch doxv?. Nach Benselers Griechisch-Deutsches 
Schulwörterbuch": r\ Üqxvc, (verw. ark spinnen, siehe öod^vn) = Netz, Fessel, übertr. 
poet. Fallstrick, drohende Gefahr. 



/ 






68 



Dr. Gustav Hans Grab er 



„Aragne war mein rechter nam; 

Pallas war meiner kirnst gram, 

das sie mich in ein spinn verkeret" (G). 

Während bei Ovid Arachne (Spinne!) erst nach dem Wettkampf in 
eine Spinne verwandelt wird, steht in zwei Sagen die reine, gottesfürchtige 
Jungfrau Maria, die Mutter Jesu, als Spinnerin bereits der hochmütigen 
Spinne (Mannweib) feindschaftlich gegenüber. Die Sagen lauten (nach 
Dähnhardt, Bd. 1, S. 253 u. 254): 

a) So schöne Fäden spinnen wie die hl. Jungfrau konnte niemand. 
Die Spinne aber sagte, sie spänne schöner und viel geradere Fäden 1 Und 
sie spann auch und hing sich an ihrem Gespinst auf und sagte der hl. Jung- 
frau, sie solle sich auch an das ihrige hängen. Da sprach die hl. Jungfrau : 
,Nun sollst du auch dann an deinem Gespinst hängen, wenn du es nicht willst!' 
Seitdem hängt die Spinne immer an ihrem Gespinst! Auch das sagte die 
hl. schöne Jungfrau Maria noch, daß verflucht sei im Himmel und auf 
Erden, wer die Spinne nicht tötet. 

b) „Vor langer Zeit hat die Mutter Gottes lange, sehr feine Fäden ge- 
sponnen. Die Spinne saß in der Ecke, schaute dieser Arbeit zu und sagte 
spöttisch, sie könne einen noch dünneren Faden spinnen. Wirklich war 
der von der Spinne gewobene Faden dünner, länger und gleichmäßiger. 
Zur Strafe gab Gott der Spinne Gift. 

Von einer mehr auf Volksglauben beruhenden Auffassung der Ent- 
stehung der Spinne berichtet Megenberg (G): „. . . ez werdent auch 
spinnen an unkäusch ausz faulen dingen, sam ausz dem klainen staub, der 
in der sunnen fleugt, wenn der erfault, und aus des menschen spaicheln, 
die er wirft so er gezzen hat. 

Kehrseite zu dieser Geburt der Spinne aus dem Munde (wir können 
den Gedanken des bereits erwähnten Zusammenhanges von Spinne und 
Perversion nicht umgehen) ist ihre Rückkehr in den Mund: 
„Von der Kindheit auf, wie noch jetit als 
Geist, stets fühlt' ich entsetzlichen Abscheu 
vor Spinnen, und floh dies häßliche Tier 
weit mehr als Laster und Ehbruch. 
Als abends ich einst samt meinem 
Gemahl, dem behaglichen, saß an der Tafel, 
spann plötzlich, weh! sich ein solches 
Getüm von der Decke herab in den Mund mir." PUten (G). 

Ebenso: „. . . bis sich . . . eine Giftspinne wie ein Grubenfahrer an 
ihrem Faden herabläßt in das Bergwerk deines staunend geöffneten Mundes. 



Die schwarze Spinne 69 



Es erhebt sich ein unwirsch Prusten und Spucken . . . und das Ende des 
Waldtraumes ist: Der .Herr der Welt' nimmt vor der kleinen Spinne die 
Flucht" (Lienhard: Wasgaufahrten. G). 

Eine eigene reizvolle Studie würde es sein, die Spinneneinstellung des 
Dichters, — auch eines „Herrn der Welt" — der ja im allgemeinen ein 
großer Frauenverehrer ist (und es auch dann bleibt, wenn er als Frauen- 
verächter seine Liebe in Haß gekehrt), zu untersuchen. Oft zeigt sich bei 
ihm eine besondere Sympathie für dieses geächtete Tier. So entrüstet sich 
Schopenhauer über die „Schandtat" eines „Mannes Gottes" (Parerga und 
Paralipomena: Über Religion, § 177): „• • • wirklich empörend ist es, wenn 
der so überaus christlich gesinnte und fromme Jung-Stilling in seinen 
„Szenen aus dem Geisterreich", Bd. 2, Sc. l, S. 15, folgendes Gleichnis 
anbringt: „Plötzlich schrumpfte das Gerippe in eine unbeschreiblich scheuß- 
liche, kleine Zwerggestalt zusammen, so wie eine große Kreuzspinne, wenn 
man sie in den Brennpunkt eines Zündglases bringt und nun das eiter- 
ähnliche Blut in der Glut zischt und kocht." 

Demgegenüber scheint aber auch Schopenhauer nicht unberührt 
geblieben zu sein vom „grenzenlosen Abscheu, Entsetzen und Grausen", 
das einem beim Anblick der Spinnen befällt. Aber er erkennt ganz richtig, 
daß diese Abneigung in einer „tieferen, metaphysischen und geheimnis- 
vollen (sagen wir unbewußten) Beziehung seinen Grund" habe. Es ist so, 
als ob die verdrängte Liebe zum Weibe sich im Ersatz, gleichsam im Fetisch, 
im Symbol sich auszuwirken vermöchte — immerhin nur als Perversion. Deut- 
lich klingt dies durch in einer Stelle in P. Voivenels Buch: „Remy de 
Gourmont, vu par son mödecin" (Paris 1924), wo mit Bezug auf die 
„sensuels cerebraux" gesagt wird: „Leurs dereglements ä eux se passent 
dans leurs rives et leur perversite apparente est fonction de leur ingenuite. 
Und als Fußnote dazu: „Je ne suis pas sür que le Divin Marquis n'ait 
pas ete un chaste. Diable! il a passe vingt-cinq annees de sa vie en prisort . . . 
avec, comme compagne, une araignee u {Voir: Paul Voivenel: Les Allemands 
et le marquis de Sade. — Le Progres m^dical, 17-2-1917). 

Selbst nach dem Tode des Dichters bleibt die Spinne seine Gefährtin. 
Charles Baudelaire läßt den „poete maudit" durch einen guten Christen 
begraben (Fleurs du mal, N° LXXII : Sepulture d'un podte maudit) : 



„A Vheure oü les chastes e'toiles 
Ferment leurs yeux appesentis, 
L'araignee y fem ses toiles 
Et la vipere ses petits." 



r ■ 

L 



_ Dr. Gustav Hans Graber 



Und so wie die Spinne dort im Leben, hier im Sterben Gefährtin, 
bekundet ihr der Schweizer Dichter H. Fe der er 1 in der Identifikation mit 
dem heiligen Franz von Assisi seine Liebe zwischen Leben und Sterben, 
läßt den harrenden Papst seiner und des Todes warten, wird zu ihrem 
sorgenden Diener, zum Spinner „irdischer Lebensfäden", ehe er die „himm- 
lischen" zieht, ehe er den Erlösungsbedürftigen sterben läßt. 

Manchmal wird der Dichter oder Denker selbst mit der Spinne ver- 
glichen. So sagt Eugen Marsan in „Les Cannes de M. Paul ßourget" 
(Paris 1924) von Baudelaires Gangart: „. . . une de'marche saccadee qu'on 
lui vit longtemps, qui le faisait comparer ä une araignee" (p. 216). 

Hamann sagte mit Bezug auf die Werke, daß den Spinnen und ihrem 
Bewunderer Spinoza die geometrische Bauart natürlich sei, und es ist ja 
wohl nicht Zufall, daß man gerade einem Menschen, der, wie Spinoza, 
im höchsten Grade einsam und verlassen ist, nachredete, er halte Umgang 
mit Spinnen. Dem Einsamen, dem das Weib, die natürlichste Gefährtin, 
fehlt, wird dessen bereits aus der Antike bekannter Ersatz, das Totemtier, 
die Spinne, beigegeben. 

Und so wie höchste Lebenslust und Tod sich eng berühren, treten im 
gesunden Weibe, dem Liebe und Leben spendenden und in der vergiftenden 
Spinne die krassesten Gegensätze uns verkörpert und gepaart entgegen. Weib 
und Spinne gehören zusammen wie Leben und Tod. 

In klassischer Weise hat H. v. Hofmannsthal 2 in dem Gedichte „Der 
Jüngling und die Spinne" diesen Zusammenhang zur Darstellung gebracht. 
Der Jüngling schwärmt: 

„Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze 
ist über alle Worte, alle Träume.« 

Er schwebt im All, fühlt sich als Ganzes in wachsender Trunkenheit, — 
da aber tritt er ans offene Fenster, das mit hellem Mondlicht angefüllt und 
von den Schatten wilder Weinblätter eingerahmt ist. Währenddem krabbelt 
unter seinen Augen aus dem Dunkel eines Blattes eine große Spinne mit 
laufenden Schritten hervor und umklammert den Leib eines kleinen Tieres. 
Es gibt in der Stille der Nacht einen äußerst leisen, aber kläglichen Laut, 
und man meint die Bewegungen der heftig umklammernden Glieder zu 
hören. — Der Jüngling muß zurücktreten. Rausch und Traum klingen 



1) H. Federer: Das letzte Stündlein des Papstes. Heilbronn 1914. 

2) h! v. Hofmannnsthal: Die Gedichte und kleinen Dramen. Im Inselverlag iu 
Leipzig 191z. S. 51 u. 52. 






Die schwarze Spinne 



7 1 




ab. Sein Blut muß ebben vor häßlicher Gewalt und Tod. Auch er will 
sich der Gewalt überlassen, will Schmerzen leiden, Schmerzen zufügen — 
will leben. 

Der Jüngling erlebt in höchster Auswirkung des Lebenstriebes, in der 
,iebe zum Weibe, in der Vereinigung mit ihr, das Ganzwerden — aber 
zugleich den Tod, denn Lieben ist Sterben. Wenn auch Lebenstriebe und 
bdestriebe in ewigem Kampfe im Individuum wüten, so haben sie doch 
asselbe Ziel: Die Wiederherstellung des wunschlosen paradiesischen Zu- 
tandes, ähnlich dem im Mutterleib erlebten. Diese Vereinigung entspricht 
der höchsten Wunscherfüllung, bedeutet aber gleichzeitig durch die Wieder- 
holung des Geburtstraumas auch den Tod. Die Urform des Tabu, das Tabu 
des Weibes, findet so seine Erklärung. Es verleiht höchste Lust, das leid- 
ose Dasein, und verleiht höchsten Schmerz, den Tod. 

In der Spinne begegnet uns auch in Hofmannsthals Gedicht die Ver- 
örperung der schrecklichen, zerstörenden und todbringenden Macht im 
eibe, als der Würgerin, als der Schuldbeladenen, die bei der Geburt das 
Kind „hervorwürgt". Die schrecklichste Plage, die der israelitische Gott 
über Ägypten ausgießen konnte, war die Aussendung des Würgengels. 
Würgengel und (schwarze) Spinne, beide die Pest bedeutend, werden somit 
als die schrecklichsten Dienerinnen des Todes mit dem Geburtstrauma, 1 
von dem sich der Mensch eben nie restlos zu befreien vermag, verbunden. 
Auch im Koitus, im unbewußten Versuch der Wiedervereinigung mit 
der Mutter, erlebt der Mann einen Akt extremer Ambivalenz, erlebt 
höchste Spannung der Lebenstriebe und erlebt in der folgenden todähnlichen 
rmattung den kurzen Sieg der Todestriebe. So wie das Weib den Mann 
im Liebesakt mit seinen Gliedern umschlingt, um ihn in sich aufzu- 
nehmen, so umschlingt die Spinne ihr Opfer, das sie sich einverleibt. 2 

In dem Buche „L'oeuvre du Divin Ärztin" (deuxieme partie, Paris 1923, 
p. 237 et 238) ist in derselben Erkenntnis dieser Zusammengehörigkeit, die 
Spinne mit der Kupplerin verglichen worden: 

„Je veüx te raconter les moindres vetiües, parce qu'ü n'y a pas de doute 
que la maquerelle doive parfois ressembler ä l'araignee; s'il arrive que ses 
nM .W> vnirnt rmvemp.s. eile les revrend comme Varaienee refait sa loile ä 



projets soient renverses, eile les reprend 



1) O. Rank: Das Trauma der Geburt. 1924. 

2) Marcel Seh wob erzählt in seinem Buche „Coeur Double" (Paris 1891) eine 
ausgezeichnete Phantasie, betitelt „Arachne", in der er mit verblüffender Geschicklichkeit 
Spinne und Weib identifiziert und sie zu Spinnerinnen und Verderberinnen seines 
Lebensfadens macht. 



~ ■ - . -^ .—--^a^ 



2 2 Dr. Gustav Hans Graber 



l'endroit rompu. De mime que l'araignee reste tout un jour pour attraper 
une mouche, ainsi la maquerelle doit guetter immobile, pour attraper n'importe 
qui, et, l'occasion se presentant, eile en tirc aussitdt profit, comme l'araignee 
se jette sur le moucheron tombe dans ses Jils; le gibier a beau n'itre pas 
bien gros, qu'importe! suffit qu'on puisse becqueter une bouchee. Quand la 
maquerelle parvient ä se faire heberger ä credit, grdce ä la bitise de quelqu'un, 
eile suce le sang de la bourse, comme l'araignee suce le sang des mouches 
qu'elle attrape. L'araignee est toujours eveillee: la maquerelle de mime; 
l'araignee court au moindre fetu qui vole sur la toile: la maquerelle court 
immediatement ouvrir a qui frappe ä sa porte, et toujours guette, comme 
guette l'araignee." 

Vielleicht beruht auch der Aberglaube, daß die Spinnen sich auf das 
Haupt der Schlangen herablassen, um diese durch einen Biß zu töten, auf 
der unbewußten Analogie mit dem Weibe. So wie das männliche Glied 
beim Liebesakt im Weibe „stirbt", so tötet die Spinne das uralte Penis- 
symbol, die Schlange. Wir erinnern uns, daß Theodor, der Knabe, den 
Schlangengott durch die Spinne töten ließ. Ferner finden wir bei Megen- 
berg (G) die Stelle: „. . . diu spinn hat die art, dass sie sich an ainem 
vadem wigt auf der slangen haupt, wo sie dass under ainem paum auf- 
recket an den schaten, und peisst die slangen so krefticleich, dass sie ir 
dass Hirn begreift uuz in den tot . . .' Und ähnlich: „. . . über dieser 
betrachtung leesz sich eine spinne aus der decke des zimmers etliche mal 
an einem fedeme auf Sentiens brief herunter, und stach in selbten, wie 
sie auf die schlangen zu thun und sie zu töten pflegen" (Lohenstein, G). 

Was schon der mittelalterliche Philosoph und Okkultist Agrippa von 
Nettesheim aussagte:' „Jedes Ding hat etwas Furchtbares, Schreckliches, 
Feindliches und Zerstörendes, und dagegen etwas Freundliches, Freudiges, 
Stärkendes und Erhaltendes , das gilt vor allem auch in bezug auf die 
Spinne. Sie ist in außerordentlichem Maße Tabu, ist einerseits heil- und 
anderseits todbringend. Sie tötet nicht nur durch ihr Gift, das sie angeblich 
aus den Blumen gewinnen soll (Fastnachtspiele, G), sondern sie macht 
unter gewissen Umständen den Menschen gegen jedes Gift immun, „. . . wie 
wol die Spinnen auch so gar ein böses Ding an ihm selber nicht seyn . . ., 
sintemal der gemeine Mann hält dafür, dasz sie alles Gifft des Hauses auff- 
lesen, und das bey sich behalten" (Coler, G). Ferner: „. . .' nicht weniger 
soll von diesen großen Spinnen (Kreuzspinnen), wenn sie recht vollkommen 

1) Zitiert bei A. Arndt: Über Tabu und Mystik. Iniago X, 2/5. 



Die schwarze Spinne 73 



und zu rechter Zeit aufgefangen, in ein Büchslein getan und darin Jahr 
und Tag verschlossen gehalten werden, bis sie sich in sich selbst verzehrt, 
ein gesprengkelt Stein erwachsen, der dem Gift widersteht" (Oecon. Lex., G). 
Und Hans Sachs sagt in einer Fabel (G): 

„die weil die pawren mich auch lieben, 

weil die alten zeitten jähen, 

ich thu die posen dempf aufahen." 

Selbst vor der Pest, welche durch die Spinne (wenigstens bei Gotthelf) 
verkörpert wird, bewahrt sie: „. . . eine dergleichen Spinne in einer Hasel- 
nußschale am Halse getragen, soll für die Pest bewahren" (Oecon. Lex., G). 

Sogar das Netz, das das Opfer einfangt und doch anscheinend nur Ver- 
derben bringt, kann als Heilmittel dienen: „. . . wer der spinnen netzel 
über ein frisch wunden legt, dem geswilt diu wund niht und faulet auch 
niht" (Megenberg, G). 

Auch als Wetterprophet tritt die Spinne auf: „. . . wenn die spinnen 
iren netzel höher ziehent, daz ist ain zaichen, daz ez regenen wil" (Megen- 
berg, G) „. . . diu spinn webt so daz weter lauter ist, niht wenn ez trüeb ist" 
(Megenberg, G) „. . . nimmt an s. Michelstag der eychopffel war, haben sie 
spinnen, so kommet ein bosz jähr, haben sie fliegen, ein milds" (Fischart, G). 

Das ambivalente Verhalten zur Spinne äußert sich auch darin, daß sie 
bald als Glücks-, bald als Unglückstier auftritt: 

„Spinne am Morgen, 
viel Müh und Sorgen; 
Spinne am Abend, 
erquickend und labend." 

Im allgemeinen aber wird doch die Spinne gehaßt und gefürchtet, und 
zwar ohne Rücksicht auf bestimmte Arten. Berührung, Stich oder Biß 
vergiften. Man ist ihr feind (spinnefeind sein): „. . . das wissen die frawen 
und junckfrawen zu dem aller basten, was glatter wort man inen gibt, 
und wan sie dan betrogen werden, so werden sie dan als feint als einer 
spinen, wan sie zu schänden kumen" (Pauli: Schimpf und ernst, Oesterley, G). 
Die Spinne ist ein Ausdruck des Ekels und des Widerwillens: „daß auf 
diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine Spinne 
und ein altes Weib" (Schiller, Räuber, G) „. . . Vor einer Spinne schütteln 
wir uns, aber das schwarze Ungeheuer Verwesung drücken wir im Spaß 
in die Arme" (Schiller, Kabale und Liebe, G). Oft wird die Spinne auch 
als beliebtes Schreckmittel verwendet: „. . . ein paar Tage darauf reitet die 



74 



Dr. Gustav Hans Graber 



östreichische Patrouille gegen das Städtlein am Galgen vorbei, da sagt 
einer zu dem andern: ,Es lauft dir eine Spinne am Hut, so groß wie ein 
Taubenei', so zieht der andere vor den Gehenkten den Hut ab" (Hebel, G). 

Die Spinne ist wie kaum ein anderes Tier dem Menschen in äußerst 
starkem Ausmaße Tabu. Es kann wohl nicht dem Zufall allein zugeschrieben 
werden, wenn in einem Bildwerk: W. Michel: „Das Teuflische und Gro- 
teske in der Kunst" (Piper & Co. 1919) keine einzige Spinnendarstellung 
sich findet. 

Unsere Proben aus Mythus, Volksglauben, Kunst u. s. f., trotzdem wir 
nur eine sehr beschränkte Auswahl bringen konnten, trugen doch dazu bei, 
uns noch mehr von der engen Zusammengehörigkeit der Spinne und des 
Weibes zu überzeugen und uns näher über das Tabu des gefürchteten In- 
sektes zu orientieren. 



* * * 



Versuchen wir, als Abschluß dieses Kapitels über „die Entwicklung der 
Herrschaft des Mannweibes" nach dem biogenetischen Grundgesetz, noch 
einen kurzen Vergleich der ontogenetischen Entwicklung des Mädchens zum 
Weibe mit der Phylogenese: 

Der reinen autoerotischen und narzißtischen Phase des Mädchens, während 
welcher auch das Objekt ins Ich einbezogen wird, entspräche die Periode 
des Matriarchats, in der die Einheit der menschlichen Psyche noch nicht 
gesprengt, der Subjekt-Objektgegensatz sich noch nicht gebildet hat. Für 
die von Freud 1 angenommene Latenzperiode des Kindes eine nachweis- 
bare Parallele in der Menschheitsentwicklung zu finden, dürfte schwer 
fallen. Für das Weib ließe sich vielleicht dafür die Urvaterherrschaft, 
welcher es sich mit Einschränkung seiner eigenen Natur beugen muß, 
einsetzen. Auf sichererem Boden bewegen wir uns, wenn wir für die 
Phase des Mädchenalters, während welcher das Mädchen einer ausgesprochenen 
Klitorissexualität frönt, sowie für die Phase in der sie durch die eigent- 
liche Vaginasexualität ersetzt wird, Parallelen der Phylogenese suchen. 
Der Periode der Klitorissexualität, jener nachweisbar typisch männlichen 
Auswirkung, entspräche die aus der Identifikation mit dem Urvater ent- 
wachsene Periode der Weiberherrschaft. Klitoris und der dem Urvater ge- 
raubte Phallus spielen dieselbe mächtige Bolle. Mit der Pubertät beginnt 
bei normalem Verlauf die Ersetzung der Klitorissexualität durch die Vagina- 
sexualität. Das Mädchen wird zum Weib und zur Mutter. Der Prozeß 

1) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Ges. Schriften, Bd. V). 






Die schwarze Spinne 75 



entspricht der in der Geschichte immer wiederkehrenden Entmannung der 
amazonenhaften Jungfrau, die jede Verleugnung ihrer weiblichen Wesen- 
heit, jede Vermännlichung, mit einem Verlust ihrer Vitalität, mit der 
Kapitulation und der Hingabe an den Mann bezahlen muß. 

Wir haben mit diesem Kapitel einige Einsichten in die erschütternde 
Tragik der Empörung des Weibes gegen den Mann gewonnen. Die Wucht 
dieser Tragik erscheint uns um so größer, als die Empörung des Weibes, 
begleitet von der Entfremdung der eigenen Natur, der Illusion folgt, dem 
Manne gerade jenes Streben, das auf Erschaffung, Schöpfung — also auf 
Identifikation mit echt weiblichen Funktionen — hinzielt, nachzuahmen. 



* * * 



D 

Verdrängung und Periode der Vaterreligion \ 

1 

Mit dem Opfer des eigenen Lebens hat das mütterlich ergebene Weib zur 
Rettung ihrer Kinder die schwarze Spinne im Fensterpfosten eingesperrt. 
Es hat die Männer der Talschaft vom Fluche der Weiberherrschaft befreit, 
indem es selbstlos alle Macht preisgibt und entsprechend der Ureinstellung 
des Weibes wieder die dienende Rolle der Helferin und Beschützerin ein- 
nimmt. Es entspricht der naturnotwendigen inneren Wandlung des Weibes, 
wenn Gotthelf die Rettung erstmals vom Weibe selbst ausgehen läßt. Was 
für Folgen diese Wandlung und Rettung nach sich zieht, werden wir aus 
der weiteren Wiedergabe der schwarzen Spinne ersehen. 

Bevor der Großvater seine Sage weitererzählt, erhebt sich ein allgemeines 
Gespräch über die Spinne, dessen Stoff die Furcht vor ihr ist. Die Gesell- 
schaft beginnt von neuem zu essen: . . . „zwei glänzende Schinken prangten, 
gewaltige Kalbs- und tchaf braten dampften, frische Zupfen lagen dazwischen, 
Teller mit Tateren (Torten), TelUr mü dreierlei KüchUne waren dazwischen 
gezwängt, und auch die Kännchen mit dem süßen Tee fehlten nicht." Schließ- 
lich wird der Großvater aufgefordert, seine Sage fertig zu erzählen. Er be- 
richtet : 

„Als die Leute die Spinne eingesperrt wußten . . . da soü es ihnen gewesen 
sein, als seien sie im Himmel und der liebe Gott mit seiner Seligkeit mitten 
unter ihnen, und lange ging es gut. Sie hielten sich zu Gott und flohen den 



~ 



7 6 



Dr. Gustav Hans Graber 



Teufel, und auch die Ritter, die frisch eingezogen waren ins Schloß, hatten 
Respekt vor Gottes Hand... Sie (die Großmutter) lehrte ihre Enkel: hier sei 
die Spinne gebannt durch Gott Vater, Sohn und heiligen Geist, solange diese 
drei heiligen Namen gelten in diesem Hause, solange in diesen drei heiligen 
Namen an diesem Tische gegessen und getrunken werde, so lange seien sie vor 
der Spinne sicher und diese fest im Loche . . . Hier an diesem Tische, hinter 
ihnen die Spinne, werden sie nie vergessen, wie nötig ihnen Gott und wie 
mächtig er sei; so mahne sie die Spinne an Gott und müsse, dem Teufel zum 
Trotz, ihnen zum Heil werden. Ließen sie aber von Gott, und wäre es hundert 
Stunden von da, so könnte die Spinne sie finden oder der Teufel selbst . . 
Die schreckliche Lehre war den Menschen zu Herzen gegangen, sie hielten fest 
an Gott; was sie taten, taten sie in seinem Namen . . . So schwanden viele 
Jahre in Glück und Segen." Darob vergaßen die Leute aber Gott. „So wurden 
. . . Hochmut und Hoffart heimisch im Tale, fremde Weiber brachten und 
mehrten beides . . ., ja selbst an die heiligen Zeichen wagte die Hoffart sich . . . 
Um Gottes Gebote bekümmerte man sich nicht, seines Dienstes, seiner Diener 
spottete man; denn wo viel Hoffart ist oder viel Geld, da kömmt gerne der 
Wahn, daß man seine Gelüsten für Weisheit hält, und diese Weisheit höher 
als Gottes Weisheit. Wie sie früher von den Rittern geplagt worden waren, 
so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde und plagten dieses . . . Fast zwei- 
hundert Jahre waren verflossen, seit die Spinne im Loche gefangen saß, da 
war ein schlau und kräftig Weib hier Meister, sie war keine Lindauerin, aber 
doch glich sie Christine in vielen Stücken . . ., der Hoffart, dem Hochmute er- 
geben und hatte einen einzigen Sohn; der Mann war unter ihrer Meisterschaft 
gestorben. Dieser Sohn war ein schöner Bube, . . sie hatte ihn auch gar lieb, 
aber sie ließ es ihn nicht merken. Sie meisterte ihn jeden Schritt und Tritt, 
und keiner war ihr recht, den sie ihm nicht erlaubt, und längst war er er- 
wachsen und durfte nicht zur Kameradschaft und an keine Kilbi ohne der 
Mutter Begleit. Als sie ihn endlich alt genug glaubte, gab sie ihm ein Weib 
aus ihrer Verwandtschaft . . . Jetzt hatte er zwei Meister statt nur einen, und 
beide waren gleich hoffärtig und hochmütig . . . und wenn er freundlich war 
und demütig, wie es ihm wohl anstund, so erfuhr er, wer Meister war . . 
Er sagte, wie er es meinte, aber seine Weiber hießen ihn schweigen, und weil 
er ihr Knecht war, so schwieg er auch, weinte aber oft bitterlich, wenn sie 
es nicht sahen." Die Weiber erzwingen es, daß ein neues Haus gebaut wird. 
Sie freuten „des neuen Hauses sich, wurden alle Tage hoffartiger, dachten an 
die Spinne nicht, sondern führten im neuen Hause ein üppiges, arbeitsloses 
Leben mit Putzen und Essen, kein Mensch konnte es ihnen treffen, und an 



Die schwarze Spinne 77 



Gott dachten sie nicht . . . wenn Christen dasselbe (das Gesinde) auch unter 
seiner Aufsicht haben wollte, so duldeten die Weiber es nicht und schalten ihn, 
die Mutter aus Hochmut hauptsächlich, das Weib aus Eifersucht zumeist . . 
Wie die Hoffart der Meisterweiber keine Grenzen mehr kannte, so hatte der 
tierische Übermut des Gesindes keine Schranken mehr ... Sie . . . höhnten jeden 
Gottesdienst, leugneten alle höhere Geivalt und plagten auf alle Weise den 
Priester, der strafend zu ihnen geredet hatte; kurz, sie hatten keine Furcht 
mehr vor Gott und Menschen und taten alle Tage wüster . . . da fiel es einem 
(Knecht) ein, mit der Spinne im Loche die Mägde zu schrecken oder zahm 
zu machW Er schmiß Löffel voll Habermus oder Milch an den Zapfen und 
schrie, die drinnen werde wohl hungrig sein, weil sie so viel hundert Jahre 
nichts gehabt." Später fing er an „mit dem Messer gegen das Loch zufahren, 
mit den gräßlichsten Flüchen sich zu vermessen, er mache den Zapfen los . . 
Er konnte sanft tun wie ein Lamm und reißend wie ein Wolf . . . solche 
sollen den Weibsbildern aber gerade die liebsten sein . . . Den Meisterweibern 
war er unter allen alleine recht, er alleine war oft im obern (neuen) Hause, 
dann taten unten die Mägde wüst; sobald er es merkte, steckte er sein Messer 
an. den Zapfen und begann sein Drohen, bis die Mägde zum Kreuze krochen . . 

Es nahte Weihnacht . . . Sie begannen den heiligen Abend mit Fluchen und 
Tanzen, mit wüstem und ärgern Dingen . . . sie schändeten alle Speisen, lästerten 
alles Heilige; der genannte Knecht spottete des Priesters, teilte Brot aus und 
trank seinen Wein . . . Da stach er mit dem Messer ins Loch . . . weil er das 
Gleiche schon manchmal getrieben ... so griff er in halber Raserei nach einem 
Bohrer . . . drehte mit wildem Stoße den Bohrer in den Zapfen hinein . . . 
ein roter Glutstrom brach aus dem Loche hervor, und mittendrin saß groß 
und schwarz, aufgeschwollen im Gifte von Jahrhunderten, die Spinne und 
glotzte in giftiger Lust über die Frevler hin, die versteinert in tödlicher Angst 
kein Glied bewegen konnten, dem schrecklichen Untiere zu entrinnen, das lang- 
sam und schadenfroh ihnen über die Gesichter kroch, ihnen einimpfte den 

feurigen Tod." 

B 

Damit, daß die Mutter den Sieg über das Mannweib (Spinne) erlangt, 
werden die Männer dem Weibe gegenüber aus ihrer kämpfenden Situation 
befreit und finden wieder ihre frühere Sohneseinstellung, mit dem Unter- 
schiede zwar, daß sie nun das Ideal des Urvaters, von dem sie sich nicht 
mehr zu lösen vermögen, in ihrer Brust tragen. Die Verwirklichung des 
Ideals ist ihnen aber versagt, sie verzichten auf Besitz und Allmacht, proji- 
zieren diese begehrten Eigenschaften des Urvaters in den nach seinem Bilde 



Dr. Gustav Hans Graber 



idealisierten Gottvater und stehen nun auch ihm gegenüber im Sohnes- 
verhältnis. Der Urvater waltet in der Vergottung weiter über ihnen als ihr 
selbsterrichteter Schutz, geschaffen gegen eine neue Entfesselung des Be- 
gehrens und Ringens um den Besitz des Weibes und damit gegen eine 
neue Knechtung durch das Weib. Gotthelf preist in allen Tönen die Wohl- 
tat der Gottesfurcht, die die Spinne in ihrem Loche in Schach halte. Die 
Einhaltung der Tabuschranke verhütet die Entfesselung der Begierden und 
den damit verbundenen Hader und Streit. Die Verdrängung der Begierden 
wird aber mit der Einkehr von Wohlstand ins Volk wieder gehoben. Man 
hält „seine Gelüste fiir Weisheit, und diese Weisheit höher als Gottes Weisheit". 
Man lebt sich nach dem Vorbild des Urvaters — der „blonden Bestie", 
wie wir nach Nietzsche ihn nennen könnten — aus, . . . „wie sie früher 
von den Rittern geplagt worden, so wurden sie jetzt hart gegen das Gesinde 
und plagten dieses" (S. 51). 

Die Periode der Vaterreligion hat ihr Ende gefunden, die Identifizierung 
mit dem Urvater wird verwirklicht. In der Person des teuflischen Knechtes, 
der alle Mägde, ja selbst die Bauern weiber in seinen Bann zwingt, tritt 
der neue Übermensch auf, der die Rolle des Urvaters mit gutem Erfolge 
wieder spielt. Aber gerade er kommt am ersten durch die Spinne zu Fall, 
wahrend sie den Meister, der in der dienenden Sohnesstellung geblieben, 
verschont. Gegenüber der mit wachsender Ausschweifung, wilder Hingabe 
an das ungehemmte Triebleben und mit vermehrten Machtansprüchen sich 
auslebenden Welt mußte der gottesfürchtig und dienstfertig gebliebene 
Meister in untergeordnete Stellung kommen. Er bleibt der abhängige Sohn 
seiner Mutter und seiner Frau. Das Weiberregiment tritt wieder auf den 
Plan. Die Befreiung der Spinne ist nur die symbolische Darstellung der 
gesteigerten Machtausübung des Weibes, stellt seine Befreiung aus der Ver- 
drängung dar. Die Periode der Vaterreligion wird wieder durch eine Weiber- 
herrschaft (die Wiederkehr des verdrängten Triebhaften, des Es), die, wie 
wir sehen werden, sich zwischen Vaterreligion und Sohnesreligion ein- 
schiebt, abgelöst. So wie im einzelnen Familienleben da, wo der Vater 
stirbt, der Sohn ihn aber noch nicht zu ersetzen vermag, die Mutter die 
führende Stellung übernimmt, so sehen wir in der Geschichte immer 
während des Überganges von einer Vater- zur Sohnesherrschaft das Weib 
bestrebt, sich eine Vorzugsstellung zu erobern. Immer aber scheitern diese 
Versuche in dem Augenblick, da der Sohn in der Identifizierung mit dem 
(Ur-) Vater sich das Weib unterwirft. Christine hatte sich mit dem Sohne 
(Teufel) verbunden, um den Vater (Ritter) seiner Macht zu berauben. Das 



Die schwarze Spinne 



79 



Nichtanerkennen dieses Sohnes als Vater, d. h. Christines eigenes Verharren 
in der Vateridentifikation, hat die Wandlung zur schwarzen Spinne zur 
Folge. Ihre Herrschaft aber wird gestürzt durch den Sieg des mütterlichen 
und opferfreudigen Weibes, gelangt aber wieder zur Entfaltung mit der 
Befreiung durch den Knecht, „der lachte wie der Teufel selbst", der, wie 
zuvor der Teufel, (Ur-) Vaterrechte sich aneignen will und darum das Weib 
(Spinne) aus seiner Zwangslage befreit, in ihm alle verdrängten Triebe 
wieder weckt, um selbst zu genießen, zu besitzen, ja, mit der restlosen 
Entladung der Potentiale, im „roten Glutstrorn , der aus dem Loche hervor- 
bricht, in der feurigen Umarmung, die höchste Lust, den Tod zu erleben. 
Wie früher der Teufel mit dem flammenden und zwitzernden roten 
Bärtchen (Penissymbol) im Kuß (Koitus) das Weib gewann, so auch der 
Knecht, indem er den Bohrer (Penis) ins Loch stößt, aber die Eroberung 
bedeutet für beide Entäußerung und Hingabe im Liebesakt, bedeutet Tod. 
Auch der Teufel ist ja mit dem Siege der Vaterreligion „tot". Er erlebt 
erst in der Person des Knechtes wieder seine Auferstehung. 






E 



Wiederhehr des Verdrängten. Neue Weiberherr schuft 



Eigentlich setzt die neue Herrschaft des Weibes nicht erst mit der 
Befreiung des Dämonischen, der Spinne, ein, sondern wie wir im letzten 
Kapitel darstellten, bereits mit der Einkehr des Wohlstandes im Tal. Besitz 
ist Macht und entbindet von aller Abhängigkeit. Die Urvatergelüste können 
wieder realisiert werden. Das Weib mit seiner entfesselten Erotik erhält als 
Brennpunkt, auf den sich alle Strahlen heißen Begehrens sammeln, Vorzugs- 
stellung, Macht und Übermacht. Der Mann gerät in Abhängigkeit und muß 
schließlich, wie Gotthelf dies in dem Einzel Schicksal des teuflischen Knechtes 
darstellt, dem von ihm selber entfesselten Dämon im Weibe erliegen. Das 
Verdrängte ist nicht, wie dies in der psychoanalytischen Behandlung ge- 
schieht, durch Abreaktion, durch affektive Neutralisierung befreit, aufgelöst, 
bewußt gemacht worden, sondern hat seinen Bückweg über das Krankheits- 
symptom — in Gotthelfs Novelle als „schwarze Spinne" symbolisiert — 
gefunden. Die schwarze Spinne ist das durch das Trauma (Teufelsempfang- 






-~— 



80 



Dr. Gustav Hans Graber 



nis) erkrankte, das verdrängende und verdrängte, nicht das geheilte, das 
gesunde Weib. Wir werden vernehmen, daß es dem frommen Prediger 
Gotthelf letztlich nicht an der Heilung des Trieblebens und nicht an der 
Erlösung des Weibes, sondern an der endgültigen Verdrängung beider — 
nach dem Vorbilde seines Meisters, Jesus von Nazareth — gelegen ist. 
In der Person Christens (des Christen, eigentlich Christian), des Meisters, 
schuf der gottesfürchtige Lützelflüher Pfarrer ein getreues Abbild Christi, 
des Begründers der ausgesprochensten Sohnesreligion. Wie Christus, so 
nimmt auch Christen die Schuld zur Sühne der Erbsünde auf sich und 
gibt sich selbst zum Opfer dar, um die Talschaft zu retten. 

Hören wir Gotthelfs eigene Schilderung: 

Der schwarze Tod war befreit. „Wie in hundertjähriger, aufgcschwellter 
Lust flog die Spinne durch die Talschaft, las zuerst die üppigsten Häuser sick 
aus, wo man am wenigsten an Gott dachte. . . . schneller, giftiger als das 
frühere Mal war die Spinne jetzt . . . sie tat, wo sie konnte, viele auf einmal 
ab. Darum lauerte sie am liebsten auf die Züge, welche die Toten zur Kirche 
geleiten wollten . . . Mann um Mann fiel nieder, bis der ganze Zug der Be- 
gleitenden am Wege lag und rang mit dem Tode . . . Da wurden keine Toten 
mehr zur Kirche gebracht, niemand wollte sie tragen, niemand geleiten; wo 
der Tod sie streckte, da ließ man sie liegen. 

Verzweiflung lag überm ganzen Tale. Wut kochte in allen Herzen, strömte 
in schrecklichen Verwünschungen gegen den armen Christen aus; an allem sollte 
jetzt er schuld sein . . . Auf einmal wußten alle, daß der Meister für sein 
Gesinde mehr oder minder verantwortlich sei, daß er wachen solle über Beten 
und Essen, wehren solle gottlosem Leben, gottlosen Reden und gottlosem 
Schänden der Gaben Gottes. Jetzt war allen auf einmal Hoffart und Hochmut 
vergangen, sie taten diese Laster in die unterste Hölle hinunter . . . und über- 
redeten sich selbst, sie seien immer gleich fromm gewesen, und an ihnen fehlte 
es nicht . . . Christen allein unter ihnen allen sollte gottlos sein, und Flüche wie 
Berge kamen von allen Seiten auf ihn her. Und war er doch vielleicht unter 
allen der Beste, aber sein Wille lag gebunden in seiner Weiber Willen, und 
dieses Gebundensein ist allerdings eine schwere Schuld für jeden Mann; und 
schwerer Verantwortung entrinnt er nicht, weil er anders ist, als Gott ihn 
will. Das sah Christen auch ein, darum war er nicht trotzig, pochte nicht, 
gab sich schuldiger dar, als er war; aber damit versöhnte er die Leute nicht, 
erst jetzt schrien sie einander zu, wie groß seine Schuld sein müsse, da er so 
viel auf sich nehme, so weit sich unterziehe, es ja selbst bekenne, er sei nichts 
wert. 



Die schwarze Spinne 81 



Er aber betete Tag und Nacht zu Gott, daß er das Übel wende, aber es 
ward schrecklicher von Tag zu Tag. Er ward es inne, daß er gut machen 
müsse, was er gefehlt, daß er sich selbst zum Opfer geben müsse, daß an ihm 
liege die Tat, die seine Ahnfrau getan. Er betete zu Gott, bis ihm so recht feurig 
im Herzen der Entschluß emporwuchs, die Talschaft zu retten, das Übel zu sühnen, 
immer größer war der Sterbet, immer wilder die Wut der Überlebenden. 

Mitten in diesen Schrecken sollte ein wildes Weib ein Kind gebären. Da kam 
den Leuten die alte Angst, ungetauft möchte die Spinne das Kindlein holen, 
als Pfand ihrer alten Pacht." Der Mann des Weibes machte sich auf den 
Weg zum Priester, kam aber nicht zurück. „Da riß das Weib in der Wut 
der Verzweiflung vom Lager sich auf, stürzte hin nach Christes Haus, dem 
tausendfach Verwünschten, der betend bei seinen Kindern saß, des Kampfes 
mit der Spinne gewärtig . . . da fuhr er auf, er wußte erst nicht, war es 
Christine in ihrer ursprünglichen Gestalt . . . die Flut ihrer Verwünschungen 
ausgießend . . . Da überwaüete der Schmerz ihr Fluchen, und ein Söhnlein war 
geboren vom wilden Weibe auf Christes Schwelle . . . Das unschuldige Kindlein 
hielt Christen in den Armen; stechend und wild, giftig starrten aus des Weibes 
verzerrten Zügen dessen Augen ihn an, und es ward ihm immer mehr, als 
trete die Spinne aus ihnen heraus, als sei sie es selbst. Da kam eine Kraft 
Gottes in ihn, und ein übermenschlicher Wille ward in ihm mächtig . , . Zur 
heiligen Weihe wollte er das Kindlein selbsten tragen, zur Sühne der Schuld, 
die auf ihm lag." Ein armes Bübchen folgte ihm . . . „am Kilchstalden . . . 
im Wege saß die Spinne, im Busche wankte rot ein Federbusch . . . Da rief 
Christen mit lauter Stimme zum dreieinigen Gott . . . es schwand die rote Feder, 
in Bübchens Arme legte er das Kind und griff, dem Herren seinen Geist 
empfehlend, mit starker Hand die Spinne . . . Glut strömte durch sein Gebein . . . 
Schrecklich war der Brand in seiner Hand, der Spinne Gift drang durch alle 
Glieder. Zu Glut xuard sein Blut . . . er . . . hielt Gott fest vor Augen, hielt 
aus in der Hölle Glut . . . unter der Türe war das Weib. Als dasselbe ihn 
kommen sah ohne Kind, stürzte es sich ihm entgegen, einer Tigerin gleich, der 
man die Jungen geraubt . . . er . . . muß frei die Arme kämpfen, ehe es ihm 
gelingt, ins alte Loch die Spinne zu drängen, mit sterbenden Händen den 
Zapfen vorzuschlagen. Er vermags mit Gottes Hülfe. 

2 

Die schwarze Spinne, an Weihnachten wiedergeboren, am Tage, der damit 
auch zum eigentlichen Geburtstage des sich opfernden Heilandes, Christen, 
wird hält reichere Ernte als zuvor. Christen wird der unschuldig beschul- 

6 



F 



82 Dr. Gustav Hans Graber 



digte Märtyrer. Wie in der ödipus -Tragödie die Chorgenossen die Schuld 
des Verbrechens auf den Helden abwälzen, so wälzt auch hier die Masse 
des Volkes die Sünde der Überhebung gegen Gott, welche tiefster Grund 
zum Durchbrechen aller Dämme der Moral, zur Entfesselung des lüsternsten 
Auslebens und damit wieder zum Verbrechen am Urvater wird, auf Christen, 
den Gottergebenen ab. Wir begegnen hier denselben Situationen, die sich 
auch in der Passionsgeschichte Jesu mehrmals vorfinden. Christen, der 
tragische Held, wird wie ödipus und wie Christus zur Übernahme der 
Schuld und der Erlöserrolle gedrängt. Im Opfertod wird das Verbrechen an 
Gott (= Urvater) gesühnt, indem die Masse den Sühnenden zum Heiligen, 
zum Gott erhebt und sich mit ihm identifiziert. Freud sagt vom Opfertod 
Christi: 1 „Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil 
gleichzeitig mit dem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um 
dessen willen man sich gegen den Vater empört hatte." Bei Gotthelf wird 
uns diese Gleichzeitigkeit und Identität von Sühne, Opfertod, Triebverdrän- 
gung und Verzicht auf das Weib plastisch vor Augen geführt. 

Wenn wir nun aber den Tod Christen s, der in der Berührung mit der 
Spinne auch hier wieder, wie die Schilderung Gotthelfs uns ahnen läßt, 
als die Glut der Umarmung mit dem Weibe zu deuten ist [(die „Glut de? 
Hölle")-. Über das Hinabsteigen in die Hölle (Hei) als inzestuöse Vereinigung 
mit der Mutter, siehe Freud: Das Unheimliche. Imago, V. Jahrg. 1920 
(Ges. Schriften, Bd. X) und Reik: Der eigene und der fremde Gott, S. 152)], 
so liegt auch in der Sühnetat, im Opfertod, eine verkappte Verwirklichung 
des tiefsten menschlichen Begehrens, der Wiedervereinigung mit der Mutter 
und, damit verbunden, der Absetzung des Vaters. 

Während die erste Besiegung des Mannweibes, der Spinne, durch das 
eigentliche Mutterweib erfolgte, geschieht sie nun durch den Mann, der 
auf seine Vateransprüche verzichtet, der sich wieder als Sohn — durch 
ein Mannweib, einer zweiten Christine, gehemmt — mit seiner Mutter 
vereinigt. Mit diesem „Tod" in der Mutter verzichtet der Sohn freilich 
auf seine Gleichsetzung mit dem Vater und auf die Überhebung über ihn 
und verzichtet auf den Besitz des Weibes, aber — und darin liegt das 
Paradoxon und zugleich seine Auflösung — er „tötet" doch damit den 
Vater, indem er ihn seines Kindes und so auch der Vaterschaft beraubt, 
und er besitzt doch das Weib, die Mutter, indem er sich restlos und für 
immer mit ihr vereinigt. # + 



1) Freud: Totem und Tabu. 



t 



Die schwarze Spinne 



83 



Neue Verdrängung und Periode der Sohnesreligion 

1 

Über den Akt der neuen Einkerkerung der schwarzen Spinne haben wir 
uns geäußert. Es bleibt uns zum Schlüsse noch die Aufgabe, seine Folgen 
für das weitere Zusammenleben der befreiten Bevölkerung zu betrachten: 

„Eine höhere Hand schien seine (Christens) Glut zu löschen, und laut betend 
schließt er zum Tode seine Augen." Das Bübchen kehrte mit dem Kinde 
zurück, „vom Priester begleitet, der das Kind schnell getauft ... und mutvoll 
dem gleichen Kampf entgegengehen wollte, in dem sein Vorgänger siegreich das 
Leben gelassen. Aber ein solch Opfer forderte Gott nicht von ihm, den Kampf 
hatte schon ein anderer bestanden . . . da beteten sie freudig mit dem Priester, 
dankten Gott für das neu geschenkte Leben und für die Kraft, die er Christen 
gegeben. Diesem aber baten sie im Tode noch ihr Unrecht ab und beschlossen, 
mit hohen Ehren ihn zu begraben, und sein Andenken stellte sich glorreich 
wie das eines Heüigen in aller Seelen . . . Sie beschlossen viele Messen und einen 
allgemeinen Kirchgang; vor allem wollten sie die beiden Leichen bestatten, 
Christen und seine Drängerin . . . Es war ein feierlicher Tag, als das ganze 
Tal zur Kirche wanderte. . . . Als in der Kirche und auf dem Kirchhofe viele 
Tränen geflossen, viele Gebete geschehen waren, gingen alle aus der ganzen Tal- 
schaft, welche zum Begräbnis gekommen waren — und gekommen waren alle, die 
ihrer Glieder mächtig waren — zum üblichen Imbiß ins Wirtshaus. . . . was 
Christen an ihnen getan, vergaßen die Leute nicht, an seinen Kindern vergalten 
sie es ... und man fürchtete die Spinne nicht, denn man fürchtete Gott." 

Zum Schluß erzählt der Großvater, wie er den alten Pfosten dem neuen 
Hause eingefügt. „Da ward meine Überzeugung noch fester, daß weder ich 
noch meine Kinder und Kindeskinder etwas von der Spinne zu fürchten hätten, 
solange wir uns fürchten vor Gott." Die Taufgesellschaft geht nach Hause. 
„Bald war es still ums Haus . . sorglich und freundlich barg es brave Leute 
in süßem Schlummer, wie die schlummern, welche Gottesfurcht und gute Ge- 
wissen im Busen tragen, welche nie die schwarze Spinne, sondern nur die 
freundliche Sonne aus dem Schlummer wecken wird. Denn wo solcher Sinn 
wohnet, darf sich die Spinne nicht regen, weder bei Tag noch bei Nacht." 1 

1) Das Haus mit dem sagenumwobenen Pfosten wurde im Sommer 1914 (kurz 
vor Kriegsausbruch) abgerissen und der Pfosten an das Historische Museum in Bern 
verkauft. Es handelte sich aber um einen Schwindel. Wo der richtige alte Pfosten 
damals hingekommen, weiß man nicht. 

6* 






^ 




I 






Dr. Gustav Hans Graber 



Das Opfer des Priesters, des Vertreters der Vaterreligion, wird beim 
neuen Einschließen der Spinne durch dasjenige des (Gott-) Sohnes, der mit 
der Tat zum Heiligen und Gott erhoben wird, ersetzt. Der „nachträgliche 
Gehorsam" des Volkes stellt sich ein. Es bittet sein Unrecht ab, begräbt 
Christen mit hohen Ehren und behält ein glorreiches Andenken wie für 
einen Heiligen. 

Nach dem Begräbnis geht die ganze Talschaft zum üblichen Imbiß. Das 
Abhalten eines Begräbnismahles, eines sehr alten und weitverbreiteten 
Gebrauches, erinnert uns an das Taufmahl, welche Sitte wir als eine Re- 
miniszenz aus archäischer Zeit, während welcher die Kinder, vor allem 
die erstgeborenen, getötet und aufgegessen wurden, erkannten. Nach dem 
Aufkommen der Vaterreligionen wurde das Verspeisen der Kinder nach und 
nach mit Tabu belegt, d. h. man brachte dem (Gott-) Vater seinen Tribut 
und opferte ihm das Kind. Bei der Kindstaufe der christlichen Religion 
wird das Kind ebenfalls noch Gottvater dargebracht und das Opfer sowie 
das frühere Verspeisen im Taufmahle wiederholt. 

Auch im Begräbnismahl wird ein altes anthropophagisches Gelüste neu 
befriedigt. Die Sitte der Verspeisung der Leichen war bei den Primitiven 
und sogar bei den Völkern mit ansehnlich hoher Kultur allgemein üblich. 
Als ein indischer Fürst auf seine Frage, was die Bewohner des Abend- 
landes mit den Leichen der Eltern machten, von Alexander dem Großen 
die Antwort erhielt, man vergrabe sie in der Erde, entsetzte er sich und 
konnte nicht verstehen, wieso man so unverständig sein könne, die Leichen 
den Maden zu überlassen, statt sie selber zu essen. Freud 1 hat dargestellt, 
wie der Urvater nach seiner Ermordung durch die Söhne von diesen ver- 
speist wurde. Wir führten aus, daß das Taufmahl eine Ersatzbefriedigung 
für das Verspeisen des Sohnes, welcher aber zugleich auch der wieder- 
erstandene Vater ist, auslösen soll. 

Und nun schließt sich uns der Kreis der Betrachtung, indem wir mit 
der Schlußszene unserer Novelle zum Anfang zurückkehren : Das Begräbnis- 
mahl hat genau dieselbe Bedeutung wie das Taufmahl: Der Imbiß 
nach dem Begräbnis Christens ersetzt die Verzehrung seiner Leiche. Christen 
ist der einzige, der nicht gegen den Gottvater (Urvater) sich auflehnte, ist 
derjenige, der sich der Mutter unterstellte, ist der Sohn geblieben. In 

1) Freud: Totem und Tabu. 



Die schwarze Spinne 85 



der Opfertat aber, die wie die Kreuzigung Christi, 1 Sühne und Erfüllung 
tiefsten Triebbegehrens zugleich — in der Vereinigung mit der Mutter — 
wird er zum Heiligen, zum Gott, zum wiedererstandenen Vater erhoben. 
Es wird also beim Begräbnismahl, wie beim Taufmahl, im Sohn auch 
der Vater verspeist, beseitigt. Wir entdecken in beiden Akten denselben 
Sinn, der auch in der christlichen Kommunion liegt, und den Freud in 
folgende Worte faßte: 2 „Zum Zeichen dieser Ersetzung (Vaterreligion durch 
Sohnesreligion) wird die alte Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, 
in welcher nun die Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht 
mehr des Vaters, genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm 
identifiziert . . . Die christliche Kommunion aber ist im Grunde eine neuer- 
liche Beseitigung des Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. 

Mit der Beseitigung des Vaters aber tut die Masse, was im Opfertod 
Christen, mit dem sie sich durch das Verzehren der Leiche identifiziert, 
vollbrachte : Sie gibt sich wieder an das Mütterliche hin, versucht auf neuer 
Bewußtseinslage, die alte, glückvolle Einheit und Harmonie von Mutter und 
Kind, wie sie im Matriarchat bestanden, wieder zu erleben. Sie wird ihr 
Ziel nicht erreichen, denn neuerdings sitzt die schwarze Spinne in ihrer 
Gefangenschaft, neuerdings braucht es der Kraft Gottes, um sie in Schach 

zu halten. 

Noch ist das Weib, weil es sein Triebleben verdrängen muß, das ge- 
fährliche Übel — die schwarze Spinne. Noch sucht der Mann dieses Übel 
zu meiden, indem er es verbannt, und indem auch er seinen Brand der 
Begierde nach ihm zu ersticken versucht. 

Die allgemeine Tabuierung kann vielleicht wieder zeitweilig zum Heile 
werden, dann aber werden unvermeidbar von neuem die Schranken durch- 
brochen, wird wieder zu Fluch und Verderben, was nur verbannt, nicht 

aber erlöst ist. 

Für einen Dichter unserer oder späterer Zeit, der sich an das Problem 
der schwarzen Spinne wagte, müßte es verlockend sein, eine neue, wirk- 
liche Lösung zu finden, den Fluch in wahren Segen zu kehren, die 
schwarze Spinne zu befreien und sie wieder zum Weibe und zur gesunden 
Mutter zu wandeln. 



1) Siehe O. Rank: Das Trauma der Geburt. S. 131. 

2) Freud: Totem und Tabu. 



I 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Die Ambivalenz 
des Rindes 



von 



Dr. Gustav Hans Graber 

Inhalt: I. Der Begriff der Ambivalenz. A) Bei Bleuler. B) Bei Freud. — 
II. Das Wesen der Ambivalenz des Kindes. A) Ambivalenzbildung. Heredi- 
täres und Akzidentelles. Zerstörung der Einheit. Der Urhaß und die 
Ambivalenz jeder Bindungen. Bindungen ans Ich. Die Elternbindung. Der 
Geschlechtsunterschied. Das Lustverbot. Verdrängung und Widerstand. 
Symbolisierung. Tierphobien. Träume. Das Über-Ich. B) Aufhebung der 
Ambivalenz und Regression. — III. Ausblick. 



Besonders fruchtbar. Bringt neues individuelles Material von Kindern selbst. 
Lesenswerter systematischer Versuch. (Zcitschr. f. Sexualwissenschaft.) 

Wichtige Fingerzeige zur Kindererziehung. (Bemer Woche.) 

Jeder, der mit Kindern xu tun hat, wird diese Arbeit mit Gewinn lesen. 

(Prof. Schneider, Riga, in der Schulreform.) 

This work is füll of suggestive material for the psychoanalytic worker or for 
the psychologist or psychiatrist at all up to date on the study of unconscious 
dvnamics. (Journal of Nervous and Mental Disease. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 5 



Dostojewski 

Skizze zu seiner Psychoanalyse 



von 



Jolan Neufeld 



Wie ist es möglich, daß ein Mensch so loyal gesinnt ist und dabei an einer 
Verschwörung gegen den Zaren teilnimmt? Wie kann jemand tief religiös und 
zugleich absolut ungläubig sein? Woher kommt es, daß ein Mensch, der mit 
jeder Nervenfaser an seiner Heimatscholle klebt, Monate, ja Jahre im Auslande 
verbringt? Dem Gelde ununterbrochen nachjagt, um es dann wie etwas voll- 
kommen Wertloses zum Fenster hinauszuwerfen ? Rätselhafte Charaktere, ent- 
gleiste Perverse sind seine Helden und geben uns Rätsel auf, die mit der Be- 
wußtseinspsychologie nicht lösbar sind. Der Zauberschlüssel der Psychoanalyse 
aber sprengt die Schlösser. (AuS ^ Einleitung.) 

Der ernste, etwas analytisch orientierte Leser wird die flüssige und beredte 
Dostojewski-Skizze in einem Zuge durchlesen, und ohne Widerspruch. 

(Neut Zürcher Zeitung.) 

Wer sich von der Behauptung beunruhigt fühlt, daß Dostojewski ein Chao- 
tiker gewesen sei, der alle Sympathien auf die Verbrecher gelegt habe, dem 
sei dieses Buch empfohlen. Man kann einen Dichter, der so subjektiv ist, nur 
dann ganz verstehen, wenn man seine Psychologie begreift. 

Diese ruhigen Untersuchungen, die dem Dichter und Menschen rein analy- 
sierend nahezukommen suchen, heben aus ihm allgemeine, typische Züge heraus 
und lehren ihn menschlich verstehen. Dieses Verstehen aber birgt in sich zu- 
gleich das Vorbeugemittel gegen die suggestive Einflußgewalt, die von den 
Schöpfungen des russischen Dichters ausgeht. Die kühle Luft zerlegende Wissen- 
schaft nimmt den Gestalten das Bezwingende . . . Wir wissen um den Mecha- 
nismus dieser Welt, und sie wird uns nicht mehr zu willenlosen, blinden Ver- 
führten machen können. (Deutsche Mg. Zeitung.) 

Klar gefaßt und bringt Wesentliches zum Verständnis des großen russischen 
Ringers. (Schulreform.) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Das Buch vom Es 

Psychoanalytische Briefe an eine Freundin 

von 

Georg Groddeck 

Ein Breviarium des Freudianismus für alle Wissenschaftsverächter. Der Brief- 
schreiber nennt sich Patrik Troll und macht diesem lustigen Namen alle Ehre, 
pfeift auf die Wissenschaft, schreibt amüsant, geistreich, kritiklos und mit der 
üblichen Entdeckerfreude. Es gelingt ihm mühelos, auf alles den reinsexuellen 
Reim zu finden. Die Herren Kollegen werden sich vielleicht darüber ärgern, 
die „Laien" aber werden verblüfft und bewundernd staunen über die fröhliche 
Ungeniertheit und Offenheit in der Art des sechzehnten Jahrhunderts. Und 
weil dieser derbe Stil damals doch vielleicht so eine Art geistig«: Exhibitionis- 
mus war, so wird der Verfasser sich über die Wirkung auf seine Leser könig- 
lich freuen. < Nkm Zürcher &***•> 

Ein amüsanter Schriftsteller. Die Aufdröselung psychischer Karten, die Bloß- 
legung verwickelter Seelensituationen ist nicht so sein Gebiet wie das Erkennen 
des Sexuellen rechts und links im Seelenleben. Er spricht sich freimütig mit 
der boshaften Ruhe des erfahrenen Arztes über tausend Alltagsdinge aus, 
plaudert, plaudert. Die Briefe sind an eine Freundin geschrieben; das Unan- 
ständige verliert im Spaßhaften, Überlegenen seinen Charakter. 

(Alfred Döblin in der Vossischen Zeitung.) 

Ein vollständiger Skeptiker und mildert das nur dadurch, daß er sich selber 
nicht schont. (Dr. Drill in der Frankfurter Zeitung.) 

Ein sehr merkwürdiges, durch seine temperamentvolle Offenheit ungewöhnlich 
fesselndes Buch, in dem viele zynische Ehrlichkeiten, manche „goldene Rück- 
sichtslosigkeiten" stehen. Er ist klug, daß er die einzelnen Themen in die 
lockere Kapitelform der Briefe fügte. Doch wäre dem immerhin heiklen Inhalt 
die Form des intimen Gesprächs vielleicht noch zweckmäßiger angepaßt. 
Schwarz auf weiß pflegt man solche Gedanken einer Frau kaum zu geben. Ich 
kann mir diese höchst persönlichen, aller Prüderie, aber auch aller Scham 
entkleideten Briefe über Psychoanalyse eher als sehr wahrscheinliche Gespräche 
zwischen Ehegatten oder Liebenden denken. Wie dem auch sei, dies Buch ist 
ein mutiges Aufklärungs- und zugleich ein Bekennerwerk ... Die Fähigkeit 
ausschweifenden Phantasierens und scheinbar ziellosen, im Grunde aber recht 
logischen Kombinierens ist das Merkmal dieses fesselnden Buches. 

(Gertrud Isolani in der Berliner Börscnztitung.) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



* 



Versuch einer 

Genitaltheorie 



von 



Dr. S. Ferenczi 

Inhalt: Einleitung. — A) Ontogenetisches. Die Amphimixis der Erotismen im 
Ejakulationsakt. Der Begattungsakt als amphimiktischer Vorgang. Entwicklungs- 
stufen des erotischen Realitätssinnes. Deutung einzelner Vorgänge beim Ge- 
schlechtsakte. Die individuelle Genitalfunktion. — B) Phylogenetisches. 
Phylogenetische Parallele. Material zum „thalassalen Regressionszug". Begattung 
und Befruchtung. — Anhang und Ausblicke. Koitus und Schlaf. Bio- 
analytische Konsequenzen. 

Wie immer man die Hypothesen Ferenczis betrachten mag, selbst wenn man 
sie nur als phantastische Exzentrizitäten eines einseitig eingestellten Psycho- 
analytikers würdigt, sie verdienen das Interesse des Lesers schon durch das 
Streben, die rein biologische Auffassung der Genitalität durch Vermischung mit 
psychoanalytischem Denken auszudeuten. (Placzek im Archiv für Fr auenkunde.) 

Im Mittelpunkt steht die ehemals so übel beleumundete „Mutterleibsregression", 
heute hineingestellt in eine Menge sinnvoll erfaßter Tatsachen, Phantasien und 
Ausnahmen . . . Ferenczi verfolgt den „thalassalen Regressionszug'' hinein in 
vielerlei biologische und beschreibend-zoologische Fakta, diesen neue Deutung 
gebend; andererseits hinein in das nur introspektiv erfaßbare psychische Gebiet. 
Überall ein intensives Streben nach Vollständigkeit und weitesten Grenzen, ge- 
paart mit subtilster Erfassung von Einzelheiten. 

(Schultz-Hencke in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft.) 

Dr. Ferenczis bold and adventurous mind has produced a work füll of inge- 
nious Suggestion and speculation, and much of it may be of considerable 
heuristic value. 

(Prof. A. G. Tansley in The British Journal of Medical Psjrchology.) 



A most fascinating and stimulating monograph. 



(The Ptychoanalytic Review.) 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Das Trauma der Geburt 

und seine Bedeutung für die Psychoanalyse 

von 

Dr. Otto Rank 

Inhalt: Analytische Situation. Infantile Angst. Sexuelle Befriedigung. Neuroti- 
sche Reproduktion. Symbolische Anpassung. Heroische Kompensation. Religiöse 
Sublimierung. Künstlerische Idealisierung. Philosophische Spekulation. Psycho- 
analytische Erkenntnis. Therapeutische Wirkung. 

Au» dem Nirwana des Leben» im mütterlichen Schoß wird da» Kind durch ein erstes gewalt- 
same» und erschütternde» Erlebnis, durch die Geburt in eine Welt hinausgetrieben, die von 
ihm mit zunehmendem Alter immer größere Anpassungsleistungen fordert Für den Neurotiker 
und seine Behandlung hat das „Trauma" der Geburt fundamentale Bedeutung. Wir sehen aber 
»eine Wiederkehr nicht nur in der neurotiichen Reproduktion, bei tieferer Untersuchung 
finden wir sie auch in der Entwicklung der Normalen, in der Kunst, Religion, Philosophie 
überull in der ganzen Kultur. Die» weilt Rank in seinem prächtigen Buch nach ... Das in 
jeder Hinsicht tief und reich angelegte Buch ist Freud gewidmet. Wir legen es mit dem Ein- 
druck au» der Hand, daß seine Bedeutung für den Fortschritt der Psychologie und der Psycho- 
anulysc im speziellen heute noch gar nicht abgeschätzt werden kann . . . Wir Lehrer sind in 
unserer Arbeit an das Kleine und oft Kleinliche de» menschlichen Lebens gefesselt Es bedeutet 
für uns eine Erquickung, durch Ranks Buch in ungeheuer große Zusammenhänge der mensch- 
lichen Natur hineinzublicken, welche Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in eine Ein- 
heit fassen und da» Seelische gleichsam dreidimensional erleben lassen. (Berner Schulblatt.) 

Imponierend durch die Weite der Konzeption und die Geschlossenheit der Theorie, die 
keine Tatsache unberücksichtigt läßt, überrascht das Buch zugleich durch seine grandiose 
Einseitigkeit und den Sprung, den es von der Biologie zur Psychologie macht. Die Ausfüh- 
tungcn Ranks bedeuten einen ersten Versuch, die psychoanalytische Denkweise als solche für 
das Verständnis der gesamten Menschheitsentwicklung, ja sogar Menschwerdung fruchtbar 
zu machen. fl*" *"** ***«* 

Man sieht eine kühn geschwungene Riesentreppe, die uns zu den Wolken emporzufübren 
verspricht, deren Fundament jedoch leider nicht auf festem' Boden steht ... Das Urteil über 
die Grundfesten der These Ranks muß verschoben werden, bis die Nachprüfung möglich 
ist . . . Die sprachliche Darstellung ist treffend und das riesige Gedankenmaterial mit sicherem 
Griff zusammenfaltend, durch glücklich gewählte und geschickt vorgebrachte Formulierungen 
cben»o ausgezeichnet wie durch die verblüffende und doch nie in leere Sophisterei ausartende 
Dialektik . . . Trotz der Einseitigkeiten und Übertreibungen bietet der Hinweis auf die bisher 
übersehene oder unterschätzte Bedeutung des Geburtserlebnisses der Psychoanalyse eine wert- 
volle Bereicherung und Rank» psychologischer Scharfblick mag sich auch hier wieder erprobt 
haben. (B- Sachs in der Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse.) 






Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Der politische Mythus 

Beiträge zur Mythologie der Kultur 

von 

Dr. Emil Lorenz 

Diese Schrift aus dem Freudschen Kreise enthält drei Aufsätze, von denen 
der erste den Mythus vom Staat untersucht. Auf drei in letzter Linie erotischen 
Tendenzen beruht, wie alle menschliche Gemeinschaft, so auch der Staat: auf 
der väterlichen, der mütterlichen und der mann-männlichen. Daher Vaterland, 
Mutterland. Aus jenen Grundtendenzen erklären sich die großen politischen 
Geschehnisse: Tyrannenmord, Revolution, Freiheitskampf. Der zweite Aufsatz 
geht an Hand von Swinburnes „Hertha" dem Gedanken des mütterlichen Staates 
tiefer auf den Grund. Den letzten Schritt in dieser Richtung tut der dritte und 
wohl auch bedeutsamste Aufsatz über die Psychologie des integralen Denkens. 
Verfasser bildet hier den Begriff des „psychischen Integrals" und versteht 
darunter das seelische Ur- und Totalerlebnis noch vor der Differenzierung in 
Subjekt und Objekt . . . Mit der Heranziehung und Auswertung des Mutter- 
Imago geht Lorenz über Freud hinaus . . . Namentlich der dritte Aufsatz bleibt 
auch für den Religionsforscher von Bedeutung, da er ihm alte Stoffe und Fragen 
in neuer Beleuchtung zeigt. (Theologische Literaturzeitung.) 

Vorwiegend programmatische Arbeit. Hält sich an die Traumsprache des Un- 
bewußten, d. h. in der Völkerpsychologie an den Mythus und weist an Beispielen 
hauptsächlich die Beziehung von Vater- und Muttersymbolik zu politischen Vor- 
gängen nach. (Berliner Tageblatt.) 

In seiner edlen Wissenschaftlichkeit die Wage des Für und Wider liebevoll 
austarierend, ein Apotheker magischer Destillate und wiederum — wäre das 
Wort nicht so zerbeult: ein Barockmensch — dosiert er seine Gedanken. In 
keiner Bibliothek eines politischen Menschen sollte das Buch fehlen. Der „poli- 
tische Mythos" ist ein endliches Loslösen vom utilitaristischen Starrsinn. 

(Klagenfurier Zeitung.) 

Diese Darlegungen verdienen nicht nur das Interesse des Forschers, sie sind 
auch ebenso beachtenswert für den Künstler wie den gebildeten Laien. 

(Trierer Zeitung.) 

In der Durchleuchtung der Seele von Revolutionen spürt er mit unendlich 
scharfsinnigem und feinfühligem Geiste, geschult an den modernsten Methoden 
psychoanalytischer Forschung, den inneren Ursachen und Antrieben von Massen- 
bewegungen nach und findet in den Trägern dieser Umstürze geheime unbe- 
wußte Motive wirksam, die er geistreich bis zu den Keimzellen und Urformen 
zurückverfolgt . . . Eine besondere Verankerung im Gegenwärtigen erfahren 
seine Ergebnisse durch die Gegenüberstellung der beiden hauptsächlichsten 
Bestattungsarten Begraben und Verbrennen. (Freie Stimmen.) 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Über das vorbewußte 
phantasierende Denken 



von 

Dr. J. Varendonck (T) 

(Gent) 

Aus dem Englischen übersetzt von Anna Freud 
Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud 

Das Buch des Dr. Varendonck enthält eine bedeutsame Neuheit und wird mit Recht das 
Interesse aller Philosophen, Psychologen und Psychoanalytiker erwecken. Es ist dem Autor- 
in jahrelangen Bemühungen gelungen, jener Art von phantasierender Denktätigkeit habhaft 
zu werden, welcher man sich während der Zustände von Zerstreutheit hingibt und in die man 
leicht vor dem Einschlafen oder bei unvollkommenem Erwachen verfällt ... Er hat dabei 
eine Reihe von wichtigen Entdeckungen gemacht (Aus dem Geleitwort von Prof. Freud.) 

Die Fruchtbarkeit der Anregungen, die von dem Werke Freuds für die Psychologie noch 
ständig ausgehen, zeigt die vorliegende Arbeit eines viämischen Gelehrten mit besonderer Ein- 
dringlichkeit V. hat die Muße eines zweijährigen Kriegsdienstes als Dolmetscher hinter der 
englischen Front dazu verwandt, das richtungslose Denken zu fassen und zu beschreiben, das 
in der Zerstreutheit beim sogenannten Abschweifen der Gedanken, bei Tugträumercien, vor dem 
Einschlafen vor sich geht. Das Material ist außerordentlich wertvoll und aufschlußreich . . . 

(Zentralbl. f. d. ges. Neurologie u. Psychiatrie.) 

Eine wertvolle Bereicherung der psychoanalytischen Literatur. 

(Monatsschrift f. Kriminalpsychokgie.) 

Ein überaus wertvoller Beitrag zur Denkpsychologie. Für die Pädagogik sehr bedeutungsvoll. 

(Zeitschr. f. pädag. Psychologie.) 

Man wirft der Psychoanalyse oft vor, sie neige mit ihren Methoden zu allzu einseitiger 
Beurteilung der Dinge (neigt hiezu nicht jede Wissenschaft ein wenig?) und gehe mit ihren 
Schlußfolgerungen viel zu weit Das Urteil darüber, ob diese und noch andere Vorwurfe 
berechtigt sind, wird man der Nachwelt überlassen müssen. So viel aber darf man heute schon 
behaupten, daß die jüngste Varendoncksche Arbeit in ihrer ernsten und maßvollen Art zu den 
Leistungen gehört, die die Eigenschaft besitzen, ihrer Sache neue Anhänger zu werben 

(Frankfurter Nachricliien.) 

Ohne Zweifel, eine wertvolle Arbeit! Besonders für die Erforschung der Phantasietätigkeit 
des Dichters ist hier eine bedeutsame Unterlage aus dem normalen Seelenleben geschaffen. 

(Literarisches Echo.) 

Glänzend ist die Selbstbeobachtung und Selbstanalyse durchgeführt; sie allein schon ver- 
dient das Buch dem psychologisch interessierten Leser zu empfehlen. (Der Schulwart.) 

Die überaus reiche, aufs sorgfältigste überdachte und gegliederte Fülle des Stoffes ist durch- 
wegs durch eine eingehende Selbstbeobachtung und Selbstzergliederung gewonnen. 

(Zeitschr. f. Sexualwissenschaft.) 



: 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 5 

Der eigene und 
der fremde Gott 

Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung 

von 

Dr. Theodor Reik 

Inhalt: Über kollektives Vergessen. Jesus und Maria im Talmud. Der heilige 
Epiphanius verschreibt sich. Das Evangelium des Judas Ischarioth. Die psycho- 
analytische Deutung des Judasproblems. Gott und Teufel. Die Unheimlichkeit 
fremder Götter und Kulte. Das Unheimliche aus infantilen Komplexen. Die 
Äquivalenz der Triebgegensatzpaare. Über die Differenzierimg. 

Zeif ISS Ä* ° 1S ^ tiefbUck -<^ ™* «charfsinnigste Religionspsychologe unserer 

(Sclwlreform, Bern.) 

tJSL eeiStreich f s ,. Buch - E ' n Versuch, die Erscheinungen der religiösen Feindseligkeit und 

ReikTcine" SSiÄS *?*? ^ ?"*""» Verschiedenheiten nachzuforschen 
KeiK ist einer der hellsten Köpfe unter den Psychoanalytikern. 

(Alfred Dublin in der VossUchen Zeitung.) 

C^muir" 0a f 2*? ZU fei " durch 6 ef ül"-t, ist die Analyse des Fanatismus, der auf innere 
2K^"irÄ "k", Tricb eegen Sa , Z p a aren" zurückgeführt wird . . Man wird ZI 
Methode, die so tiefe Sachverhalte aufdecken kann, nicht a limine ablehnen. 

(Prof. Titius in der Theologischen Literatwzeüung.) 

Zwei Jahrtausende haben über das Judasproblem gegrübelt und es fast zergrübelt. . . Nun 
riSrl^ ^ tT tiefSte u" Fraee " hera " • - • Im Mittelpunkt tfn? die Deutung 
mnG Ä T, T Und n JudaS , m ihren Wurzeln '«schmolzen und einwesenhaft. Man 
Zfv2 » c l f " Vorstoß anerkennen . . . Rücksichtslos geht der Weg, zwar oft durch 
Dunkel und Schrecken und kaltes Grauen. Aber wer den Mut dazu hat, kann sich getrost der 
sachkundigen Fuhrung Reiks anvertrauen. (Bremer NtJriehttnj 

Manches darin wird starken Anstoß erregen, und doch . . . findet man immer wieder etwas in 
ein neues Licht gerückt, und zwar so, daß es einleuchtet. Wieviel Bücher gibt es denn, von 
denen man das sagen kann? (Dr. Drill in der Frankfurter Zeitung.) 

Die Bedeutung des Buches liegt darin, daß es - auch dem nicht auf dem Boden der psycho- 
analytischen Theorie Stehenden - zeigt, wie die Psychoanalyse der Religionspsychologie und 
Religionsgeschichte, ja der allgemeinen Religionswissenschaft überhaupt mannigfach bisher 
unbetretene Wege zu weisen imstande ist 

(Dr. theol. et phü. F. K. Schumann in der Zeitschrift für Sexualwissensclmft.) 

Das Buch ist unmittelbar erschütternd. Es versäume niemand, dem psychologischen Zu- 
sammenhang zwischen Christus und Judas Ischarioth unter Reiks sachkundiger Führung nach- 
zusinnen. Der erste Eindruck mag leicht ähnlich erschreckend wirken, wie die Begegnung mit 
dem Hüter der Schwelle; allein auch hier wird sich der Schreck, vom Richtigen richtig erlebt, 
als heilsam erweisen. (Graf Hermann Keyserling im Ifeg zur Vollendung.) 




Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Wien VII, Andreasgasse 3 



Gottfried Keller 

Psychoanalyse des Dichters, seiner 
Gestalten und Motive 

von 

Dr. Eduard Hitschmann 



Inhalt: I. Einleitung. — II. Die Bedeutung der Mutter. Unbewußte Liebe. 
Die Mutter ernährt den Sohn. Das Zwiehahn-Motiv. Die Judith-Gestalt. Angst 
vor Eifersucht der Mutter. Gehemmte Liebeswahl und gehemmte Sexualität. — 
III. Das Erbe des Vaters. Der erlebte und ersehnte Vater. Das Motiv der „halben 
Familie". Das Heimkehr-Motiv. — IV. Zum Liebesleben. Kinderliebschaften. 
Die Schwester Regula. Die überlegene Frau. — V. Der Maler Keller und das 
Nacktheitsmotiv. Schaulust und weiblicher Akt. Der Landschafter. Geträumte 
und verhüllte Entblößung. — VI. Künstlerisches Werden. — Anhang. — Literatur. 






Sind die Künstlerpsychoanalysen besser (d. h. vorsichtiger in der Material- 
bewertung) geworden oder haben wir im Laufe der Zeit nähere Fühlung mit 
der Psychoanalyse gewonnen? Wohl beides . . . Das vorliegende Keller-Buch 
hat mir auch als Literarhistoriker einige Lichter aufgesteckt . . . Das Buch 
vertieft unseren Einblick in die erotischen Probleme bei dem Menschen wie 
bei dem Künstler Keller. Es erklärt die Hemmungen in seiner persönlichen 
Liebeswahl und Sexualität und beleuchtet entsprechende Motive seiner Dichtung. 

(Prof. Harry Majrnc, Bern, im Literarischen Echo.) 

Hitschmann hat einen großen deutschen Erzähler gewählt, um in der Dar- 
stellung seines Lebens und Schaffens, von analytischen Gesichtspunkten aus- 
gehend, zu zeigen, wie tiefgehend Kindereindrücke bei Gottfried Keller gewirkt 
haben und welche hervorragende Bedeutung bestimmten Tendenzen und deren 
Hemmungen im Liebesleben für die künstlerische Stoffwahl und Gestaltung 
zukommt. (Imago.) 















Im »Internationalen Psychoanalytischen 
Verlag* erscheinen die 

Gesammelten 
Schriften 



-- 



von 



Sigm. Freud 



(Verlangen Sie Spezialprospekte) 



IMAGO 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse 
auf die Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von 

Prof. Dr. Sigm. Freud 

(Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa foo Seiten) 



Druck: Christoph Rcisser's Söhne, Wien V. 



Almanach 

191 



Au* d.ra Inhalt: 31«-». Pr 
Tr.ua.-. - TWo— M— . M 
— U«rm.~n IIa».. Kun.tler 

S.A., Cil Spiad« — AlirW 
G.or. Grodd«*. Wl. I* Ar 
nelnuna ««»•» «U. Wl«.n U» - 

In der Erilehun« «ur S«uJUic und Lieb. 




[Uc Bedouluno de» 

cur P.yihuj" »ly»c 

PitfArtifcn.lv»>-' — Hann. 



I.r^ D«r Seelen.udier - 



wie ld> zur Ab. 

:, Paydioanalytl- 
• £.r. lilternfehler 
.Si.ufri.d Bern> 



UM. BOr«« M.d>l.v.U i.t Unl.rrld,t»mlnl.ter «.worden - 
S«.f-n Zw.1«. D« T.eebuA ein«. hJbwflch.leen Mädchen. - 
S. F.r.-«.-l. rW«u», und lWruchtuno - Prof. SAlW.r. 
Selh.,b.ob.chiun« und HypooWdrlo - *»■«•< KLIkoI«. Zur 

lienr..- und Dynamik de. Erßnderw.hn. — u.w. 

288 Seifen, bolzfreies Papier, miiKunsibeilagen 
Ganzleinen M. 3.—, Halbleder M. 7.- 

Vorzugsausgabe (180 Exemplare auf Papier 
nach Japanati) Ganzleder M. 25. 



Internationaler 
p,ychoanaly<i»cher Verla« 

Wien. VII. Andreassasse 3 



IMAG O 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF- DR. SIGM. FREUD 

Redigiert von DR. OTTO RANK, DR. HANNS SACHS und A. .!. STORFER 

(Jährlich 4 Hefte, im Gesamtumfang von zirka $00 Seiten) 



SONDERHEFTE 
Soziologisches Heft 

(VIII. Band, KJ22, Heft 2) 

Aus dem Inhalte: Prof. Dr. H. K e 1 s e n : Der Begriff des Staates u. die Sozialpsychologie/Dr. O. R a n k : Die Don 
Juan-Gestalt. Zur sozialen Funktion der Dichtkunst. / Aurel Kolnai: Zur psychoanalyt. Soziologie / usw. 

Religionspsychologisches Heft 

(IX. Band, 192 j, Heft I) 

Aus dem Inhalte: Sigm. Freud: Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert/ Dr. Franz A 1 exand er : 

Über Buddhas Versenkungslehre / Ernest Jones: Über den heiligen Geist / Rudolf Löwen stein: Zur 

Psychoanalyse der schwarzen Messen / Geza R ö h e i m : Nach dem Tode des Urvaters / usw. 

Pädagogisch-jugendpsychologisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 2) 

Aus dem Inhalte. .-Ernest Jones: Einige Probleme des jugendlichen Alters/Dr.Siegfried B e r n f e 1 d: Eine typische 
Form der männlichen Pubertät / August Aichhorn : Die Erziehung in Besserungsanstalten / Melanie Klein: 
Zur Frühanalyse / Anna Freud: Ein hysterisches Symptom bei einem zweieinvierteljährigen Kinde / usw. 

Philosophisches Heft 

(IX. Band, 192), Heft 3) 
Aus dem Inhalte: Egenolf Roeder: Das Ding an sich. Analytische Versuche an Aristoteles' Analytik/ 
Dr.S. Spielrein: Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben' Dr. O. Fenichel: Psychoanalyse u. Metaphysik ' 
G. Berger: Zur Theorie der menschlichen Feindseligkeit / Hitschmann: Telepathie u. Psychoanalyse / usw. 

Ästhetisch-kunstpsychologisches Heft 

(IX. Band, 1923, Heft 4) 

Aus dem Inhalte: Alice Balint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe alt-tlachinolli ' P. C. van der 
Der Tanz des Ciwa / Dr. Sigmund Pfeifer: Musikpsychologische Probleme / A. van der 
Infantilismus in der Malerei / Aurel Kolnai: Gontscharows „Oblomow" / usw. 

Ethnologisches Heft 

(X. Band, 1924, Doppelheft 2 u. 3) 

Aus dem Inhalte: Ernest Jones: Psychoanalyse und Anthropologie / B. Malinowski: Mutterrechtlichc 
ramilie u. Ödipuskomplex / G. Röheim: Die Sednasage / Hans Zulliger: Zur Psychologie der Trauer- 
und Bestattungsgebräuche / Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen 
Gesellschaft / Flora Kraus: Die Frauensprache bei primitiven Völkern / A. Arndt: Tabu u. Mystik / usw. 



Wölk: 
Chijs: 



Bildende Kunst 

(X. Band, 1924, Heft 4) 
Aus dem Inhalte: Richard Sterba: Analyse der Gotik / H. Kühnen: Psychoanalyse und Baukunst / 
»■ *• Westerman Holstijn: Die psychologische Entwicklung Vincent van Gogbs/ Hermann: Benvenuto 
Cellims dichterische Periode / Hermann-Cziner: Die zeichnerische Begabung bei Marie Bashkirtseff / usw. 

Psychologisches Heft 

(XI. Band, ic,2f, Doppelheft r u. 2) 
Aus dem Inhalte: Edoardo Weiß: Psychologische Ergebnisse der Psychoanalyse / J. Harnik: Die trieb- 
haft-affekäven Momente im Zeitgefühl / A. Furrer: Das „B a im Rorschachschen Versuch /Alice Sperber: 
Seelische Ursachen des Alterns, der Jugendlichkeit u. der Schönheit / M. Wulff: Die Koketterie in psycho- 
analyt. Betrachtung / A. Kolnai: Max Schelers Kritik u. Würdigung der Freudschen Libidolebre / usw. 



IMAG O 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF- DR. SIGM. FREUD 

Redigiert von DR. OTTO RANK, DR. HANNS SACHS und A. .!. STORFER 

(Jälirlich 4 Hefte, im Gesamtumfang von zirka foo Seiten) 

SONDERHEFTE 



Soziologisches Heft 



(VIII. Band, 1922, Heft 2) 
Aus dem Inhalte: Prof. Dr. H. K c 1 s c n : Der Begriff des Staates u. die Sozialpsychologie /Dr. O.Rank: Die Don 
Juan-Gestalt. Zur sozialen Funktion der Dichtkunst. / Aurel Kolnai: Zur psychoanalyt. Soziologie / usw. 

Religionspsychologisches Heft 

(IX. Band, 192], Heft I) 

Aus. dem Inhalte: Sigm. Freud: Eine Teufclsneuroseim siebzehnten Jahrhundert/ Dr. Franz A 1 exan der : 

Über Buddhas Versenkungslehre / Ernest Jones: Über den heiligen Geist / Rudolf Löwen stein: Zur 

Psychoanalyse der schwarzen Messen / Geza R ö h c i m : Nach dem Tode des Urvaters / usw. 

Pädagogisdi-jugendpsychologisches Heft 

(IX. Band, 792;, Heft 2) 

Aus dem Inhalte :TLm*sl Jo n es: Einige Probleme desjugendlichen Alters/Dr.SiegfriedBern f eld: Eine typische 
Form der männlichen Pubertät / August A ich hörn: Die Erziehung in Besserungsanstalten / Melanie Klein: 
Zur Frühanalyse / Anna Freud: Ein hysterisches Symptom bei einem zweicinvierteljährigen Kinde / usw. 

Philosophisches Heft 

(IX. Band, l</2), Heft }) 

Aus dem Inhalte: Egenolf Roeder: Das Ding an sich. Analytische Versuche an Aristoteles' Analytik/ 
Dr. S. Spiel rein: Die Zeit im unterschwelligen Seelenleben /Dr. O. Fcnichel: Psychoanalyse u. Metaphysik ' 
G. Berger: Zur Theorie der menschlichen Feindseligkeit/ Hitschmann: Telepathie u. Psychoanalyse / usw. 

Ästhetisch-kunstpsychologisches Heft 

(IX. Band, i 9 2), Heft 4) 
Aus dem Inhalte: Alice Balint: Die mexikanische Kriegshieroglyphe alt-tlachinolli ' P. C. van der Wölk: 
Der Tanz des Ciwa / Dr. Sigmund Pfeifer: Musikpsychologische Probleme / A. van der Chijs: 
Infantilismus in der Malerei / Aurel Kolnai: Gontscharows „Oblomow" / usw. 

Ethnologisches Heft 

(X. Band, 1924, Doppelheft 2 u. )) 

Aus dem Inhalte: Ernest Jones: Psychoanalyse und Anthropologie / B. Malinowski: Mutterrechtliche 
Familie u. Ödipuskomplex / G. Röheim: Die Sednasage / Hans Zulliger: Zur Psychologie der Trauer- 
und Bestattungsgebrauchc / Beata Rank: Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der menschlichen 
Gesellschaft / Flora Kraus: Die Fraucnsprache bei primitiven Völkern / A. Arndt: Tabu u. Mystik / usw. 

Bildende Kunst 

(X. Band, I<)24, Heft 4) 
Aus dem Inhalte: Richard Sterba: Analyse der Gotik / H. Kühnen: Psychoanalyse und Baukunst / 
A. J. Westerman Holstijn: Die psychologische Entwicklung Vincent van Goghs/ Hermann: Benvenuto 
Cellinii dichterische Periode / Hermann-Cziner: Die zeichnerische Begabung bei Marie Bashkirtseff / usw. 

Psychologisches Heft 

(XI. Band, ir>2f, Doppelheft 1 u. 2) 



... ... psycho 

analyt, Betrachtung / A. Kolnai: Max Schelers Kritik u. Würdigung der Freudschen Libidolehre / usw. 



z 

z 

a 
tu 

N 
< 

S 

ü 

M 

Q 
•• 

Ä 

< 




Die schwarze Spinne 

Menschheitsentwicklung 

nach Jeremias Gotthelfs gleichnamiger Novelle, 

dargestellt unter besonderer Berücksichtigung 

der Rolle der Frau 



Von 

Dr. Gustav Hans Graber 

(Bern) 



Internationaler 
Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich